Wiener Oberrabbiner Folger sieht Bildung als Mittel gegen Extremismus

Der Wiener Oberrabbiner Arie Folger in der Synagoge im Wiener Stadttempel
Der Wiener Oberrabbiner Arie Folger in der Synagoge im Wiener Stadttempel - © APA/ROLAND SCHLAGER
Arie Folger, seines Zeichens der neue Oberrabbiner der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG), sieht in der Bildung ein Mittel gegen Extremismus. Überzeugungsarbeit müsse in der Schule geschehen. Folger: “Es gibt auch einen Linkspopulismus, der problematisch ist.”

Dies sagte Folger im APA-Interview. Es gebe eine Kluft zwischen politisch-intellektueller Elite und den Wählern, die nicht nur den Rechtsextremismus stärke.

Arie Folger: Seit 1. September IKG-Oberrabbiner

Mit 1. September hat Folger das Amt des Oberrabbiners in Österreich und damit die Nachfolge von Paul Chaim Eisenberg angetreten. Der 41-Jährige hat fünf Jahre in Basel, dann in München und zuletzt in Karlsruhe und Frankfurt gewirkt. “Die Gemeinde in Wien ist besonders gut entwickelt. Im Vergleich zu anderen deutschsprachigen Gemeinden weiß man in Wien besser, die Welt neu aufzubauen und die Kontinuität zu sichern”, berichtet er, und: “In Wien werden viel mehr Jugendliche inspiriert, sich weiter jüdisch zu fühlen.”

Was nicht heißt, dass Folger nicht “Träume” hätte, wie er sagt. “Wenn Sie eine Firma führen und sagen, ich brauche kein Wachstum, dann geht es bergab”, meint Folger, der sein Rabbinatsstudium in New York absolviert und dort auch mit einen Master of Business Administration abgeschlossen hat. Etwa: “Ich möchte, dass die Schulen so übervoll sind, dass wir weitere Lokale öffnen müssen.” Auch das Leben rund um den Stadttempel solle mit noch mehr Leben außerhalb der Gebetszeiten gefüllt werden. “Alles existiert bereits, aber es könnte noch besser sein”, so Folger.

Judentum mit wachsender Säkularisierung konfrontiert

Wie andere Religionen ist auch das Judentum mit wachsender Säkularisierung konfrontiert. “Es gibt in den verschiedenen Bereichen eine Flucht vor der Religion, aber gleichzeitig gibt es ein wachsendes Interesse daran”, sieht er auch eine stärkere Polarisierung. “In der jüdischen Gemeinschaft in Wien haben wir auch interessanterweise eine neue Mitte”, schildert der Oberrabbiner, der laut eigener Aussage den Menschen die Gelegenheit geben will, eine intellektuelle Offenheit und Neugier an ihrem geistigen Erbe zu entwickeln.

Gleichzeitig betont Folger, dass er damit niemanden überreden will, zum Judentum zu konvertieren. “Man kann nach der jüdischen Tradition das Seelenheil auch ohne jüdisch zu sein erreichen.” Austritte aus der Gemeinde sowie Gleichgültigkeit zu ihr seien jedoch immer tragisch – “Familie lässt man nie los”.

Folger zufrieden mit dem Israelitengesetz

Zufrieden ist Folger mit den gesetzlichen Grundlagen für Juden in Österreich, etwa mit dem Israelitengesetz. Dass vor allem in den deutschsprachigen Staaten auch Angehörige von Glaubensrichtungen vom Staat bürokratisch erfasst sind, sieht er mittlerweile positiv. “Ich glaube, es ist ein gutes Geschäft, wenn ich so sagen darf, auf gesellschaftlicher Ebene, um zu helfen, die Gesellschaft vor diesem wachsenden Extremismus zu schützen”, findet der Oberrabbiner. Zusatz: “Obwohl ich weiß, dass die richtigen Radikalen nicht in den Landeskirchen, Mainstream-Moscheen oder Synagogen sind.”

“Wir sind in einer Welt, wo es eine wachsende Polarisierung gibt”, spricht Folger auch die politische Radikalisierung an – und meint nicht nur jene, der politisch rechts stehen. An Universitäten würden Juden bedrängt, dort, “wo man eigentlich den Schutz der Minderheiten hochhalten sollte”. Der Rechtspopulismus wiederum “ist auch teilweise deshalb aufgetaucht, weil es zu einer wachsende Distanz zwischen den politischen, intellektuellen Eliten einerseits und dem Volk andererseits gekommen ist”.

“Demokratie ist nicht nur die Macht der Mehrheit”

Folger plädiert daher dafür, Menschen zusammen an den Tisch zu bringen. “Wir brauchen Politik, wir brauchen ein bestimmtes Element an Streitigkeiten – aber mit Grenzen”, meint er dazu. “Demokratie ist nicht nur die Macht der Mehrheit, sondern auch Respekt für die Opposition und für die Minderheit.” Überzeugungsarbeit müsse wiederum in den Schulen geschehen: “Wir müssen erziehen, wir müssen dauernd erklären. Und ich möchte mehr Engagement von den Bürgern.” Auch eine Abkehr von schlichten Slogans wünscht sich der Oberrabbiner.

Auch der Umgang mit dem Geburtshaus von Adolf Hitler könnte dazu beitragen – etwa in einem tatsächlich “interaktiven” Museum. “Die Frage ist, ob es tatsächlich gelingen kann, daraus einen Ort zu machen, der massenerzieherisch diesen Effekt haben kann.” Zudem stellt sich für Folger die Frage, wo in der Geschichte man hätte zuvor eingreifen müssen, um diesen Vorgang zu stoppen. Wichtig sei jedenfalls, eine solche Institution genügend neutral und offen zu gestalten, dass diese nicht mit einer politischen Bewegung zu verbinden sei und doch eine klare Botschaft gegen den Hass im Allgemeinen und dem Antisemitismus im Besonderen vermittle.

Oberrabbiner: “Ich spiele Musik in meinem Kopf”

Lediglich in einem Fall scheut sich der neue Oberrabbiner, das Erbe seines Vorgängers Eisenberg anzutreten: Als Mitglied einer interreligiösen Band, der auch der evangelische Bischof Michael Bünker und Benediktiner-Abtprimas Notker Wolf angehören. “Ich spiele Musik in meinem Kopf”, scheut sich Folger erst einmal – “obwohl ich Orgel und Akkordeon gelernt habe”. Aber: “Es ist schon so viele Jahre her, dass ich keinen quälen werde, von ihm zu verlangen, mehr als zehn Sekunden meiner Musik zu hören.”

>>Arie Folger wird ab 2016 neuer Wiener Oberrabbiner

(apa/red)

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