Wiener Filmfestival: Rückblick auf die Geschichte der Viennale

Ein Rückblick auf die Viennale-Geschichte
Ein Rückblick auf die Viennale-Geschichte - © APA (Sujet)
1960 riefen österreichische Filmjournalisten die “Internationale Festwoche der interessantesten Filme des Jahres 1959” ins Leben – und damit die Keimzelle der heutigen Viennale.

Mit gezeigten acht Lang- und zehn Kurzfilmen war die Dimension noch überschaubar, wobei man 10.000 Besucher anzog.Wien. Im darauffolgenden Jahr war dann allerdings schon wieder Sendepause – bis 1962 die Stadt ihren Subventionstopf öffnete und das neue Festival im Juni als Teil der Wiener Festwochen unter dem Motto “Meisterwerke der Filmkunst” positionierte. Die Folge: gleichsam eine Halbierung der Zuschauerzahlen gegenüber 1960 auf 5.600. Das junge Pflänzchen war dennoch nicht umzubringen, man kehrte 1963 allerdings wieder zum ursprünglichen Termin im Herbst zurück.

Viennale: Rückblick auf die Geschichte von Österreichs größtem Filmfestival

Die bis zu diesem Zeitpunkt gepflegte Positionierung mit Filmen aus beiden Blöcken als Schnittstelle zwischen Ost und West war bei den konservativen Medien als kommunistische Agitation auf Kritik gestoßen. So folgte die radikale Kehrtwende: Von 1963 bis 1967 firmierte die heutige Viennale unter dem legendären Titel “Festival der Heiterkeit” und wandte sich verstärkt dem “Wienerischen” zu. Auch setzte der erste Direktor Sigmund Kennedy, dem 1968 Otto Wladika nachfolgte, ab Mitte der 1960er verstärkt auf Stars und Glamour, um die Aufmerksamkeit zu erhöhen. Im Gegenzug wurde dem seit 1964 als Verein geführten Viennale eine jährliche Subvention gewährt.

1968 kam es zu einer abermaligen Neuorientierung des Festivals, das sich nun vom Unterhaltungsfilm abzugrenzen begann und dem gesellschaftskritischen Film verpflichtete. Man bemühte sich, verstärkt das jugendliche Publikum anzusprechen, die kritische Diskussion zu befördern, auch wenn man sich nicht an die Spitze des Studentenprotests setzte. Die erfolgreichen und bereits renommierten Retrospektiven des Österreichischen Filmmuseums wurden inkorporiert. Dies ging einher mit einer Expansion auf allen Ebenen. Das Budget stieg bis 1972 auf 1,2 Mio. Schilling, wobei man die Zahl der Besucher auf 14.276 nach oben schraubte. Ebenso wuchs die Zahl der gezeigten Filme.

1973 übernahm dann mit Edwin Zbonek ein Mann der ersten Stunde die Leitung des Festivals – die er für lange Jahre innehaben sollte. Mitte der 1970er wurde das Gartenbaukino erstmals Festivalzentrum und 1974 ein eigenes Kinder- und Jugendfilmprogramm integriert. Neben der weiteren Internationalisierung wurde das Festival unter Zbonek-Ägide auch auf 15 Tage verlängert. Bereits 1981 stieß Helmuth Dinko ins Festivalteam hinzu, der 1986 in Alleinverantwortung und 1988 mit Veronika Haschka die Leitung übernahm. Unter Dimko wurden unter anderem Reihen wie die legendären “schlechtesten Filme aller Zeiten” etabliert und vieles der heutigen Viennale-Form aus dem Stein gemeißelt. 1989 allerdings geriet die Idee, das Volkstheater zum neuen Hauptspielort zu machen, zum finanziellen Desaster, in dessen Folge die Viennale 1990 ausfiel.

Herzog-Motto “Kino als magischer Ort”

Auf Initiative von Kulturstadträtin Ursula Pasterk (SPÖ) kam es im Anschluss zum Versuch, mit Werner Herzog einen bedeutenden Künstler und damit auch internationales Flair an die Spitze der Viennale zu holen. Im Tandem mit Reinhard Pyrker, der von den Filmtagen in Wels kam, bezog man das Apollokino als Festivalzentrum, wobei für das Herzog-Motto “Kino als magischer Ort” die Mittel von vier auf zehn Millionen aufgestockt wurden. Dank interner Konflikte des Leitungsduos und Herzogs Terminkalender dauerte diese Direktorenschaft nur 1991 und 1992 an.

Aber auch danach blieb man beim Duett und holte den ORF-Redakteur Wolfgang Ainberger sowie den “Standard”-Kritiker Alexander Horwath auf die beiden Chefsessel. Unter dem ungleichen Duo kam es einerseits zu einer Öffnung in Richtung Pop und Genrekino, weshalb etwa Horrorkultfilmer Dario Argento mit einer Retrospektive gewürdigt wurde – aber auch zum Streit. Nach Ainbergers Abgang war Horwath dann bis 1996 im Alleingang für die Viennale zuständig und initiierte Reihen wie “Breathless! Pop Musik Filme 1956-95” oder “Cool – Pop. Politik. Hollywood 1960-68”.

1997 übernimmt Hans Hurch

1997 kam schon wieder ein neuer Chef an die Spitze der Viennale, wobei damit die Phase der häufigen Wechsel vorüber war: Hans Hurch, ehemaliger “Falter”-Kritiker und Filmkurator, galt schon bei Amtsantritt als fixe Größe im Wiener Kulturbetrieb. Unter seiner Amtsführung, die bis zu seinem überraschenden Tod im Vorjahr andauerte, wurden wieder die politische Dimension des Kinos und der Dokumentarfilm aufgewertet. Die Specials unterm Jahr wurden zurückgefahren, die Stardichte mit Größen wie Lauren Bacall, Tilda Swinton, Jane Fonda oder Harry Belafonte aber zugleich erhöht. Zudem zeichnet für den Außenauftritt der Viennale auch der seit 1998 amtierende Präsident Eric Pleskow verantwortlich, der als emigrierter Jude und einstiger Präsident der Filmproduktionsgesellschaften United Artists und Orion Pictures nicht zuletzt eine moralische Instanz darstellt.

Der Tod von Hurch, dessen Vertrag bis 2018 gelaufen wäre, bildete dann einen schmerzlichen Einschnitt für die Filmcommunity. Franz Schwartz, Mitglied des Kuratoriums und ehemaliger Leiter des Stadtkinos am Schwarzenbergplatz, übernahm kurzfristig die Viennale-Ausgabe 2017, deren Programm Hurch noch zu einem Gutteil geplant hatte. Nicht nur deshalb geriet die 55. Ausgabe zu einem Festival “in memoriam”, bei dem man mit Österreichs Hollywoodexport Christoph Waltz auch einen ganz großen Star begrüßen durfte. Für Schwartz stand indes von Anfang an fest, dass er nur eine Auflage interimistisch verantworten werde. Bei der anschließenden Ausschreibung konnte sich Eva Sangiorgi durchsetzen, die das Festivalschiff Viennale nun in die Zukunft steuern wird.

Daten zur Festivalentwicklung im Überblick

Bereits 1960 wurde in Wien ein Internationales Filmfestival ins Leben gerufen, heute ist die Viennale aus dem Kulturleben der Stadt nicht mehr wegzudenken. Hans Hurch prägte das Festival bis zu seinem Tod im Vorjahr fast zwei Jahrzehnte lang, nun übernimmt Eva Sangiorgi das Ruder. Nachfolgend einige Daten und Fakten zur Viennale im Überblick:

Leitung

• ab 1960 Sigmund Kennedy
• ab 1968 Otto Wladika
• ab 1973 Edwin Zbonek
• ab 1981 Edwin Zbonek und Helmuth Dimko
• ab 1986 Helmuth Dimko
• ab 1988 Helmuth Dimko und Veronika Haschka
• ab 1990 Werner Herzog und Reinhard Pyrker
• ab 1993 Wolfgang Ainberger und Alexander Horwath
• ab 1995 Alexander Horwath
• ab 1997 Hans Hurch
• 2017 (interimistisch) Franz Schwartz
• ab 2018 Eva Sangiorgi

Besucher (ausgewählte Jahre)

• 1960 – rund 10.000
• 1962 – 5.600
• 1972 – 14.276
• 1986 – 13.500
• 1989 – 20.000
• 1994 – 50.000
• 2000 – 65.400
• 2005 – 86.200
• 2011 – 96.700
• 2012 – 96.900
• 2013 – 97.400
• 2014 – 98.200
• 2015 – 94.100
• 2016 – 92.300
• 2017 – 91.700

Vergleich

Berlinale: seit 1951, rund 400 Filme, findet im Februar 2018 zum 68. Mal statt.
Cannes: seit 1946, rund 150 Filme, findet im Mai 2018 zum 71. Mal statt.
Venedig: seit 1932, rund 150 Filme, findet im September 2018 zum 75. Mal statt.
Wien: seit 1960, rund 250 Filme, findet im Oktober 2018 zum 56. Mal statt.

(APA/Red.)

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