Wiener Festwochen-Projekt gestartet: “Pod schütze Österreich”

Nach der Eröffnung der Wiener Festwochen, hat auch das Podcast Projekt "Pod schütze Österreich" gestartet.
Nach der Eröffnung der Wiener Festwochen, hat auch das Podcast Projekt "Pod schütze Österreich" gestartet. - © APA/Hans Punz
Diese Woche startete das Wiener Festwochen-Projekt “Pod schütze Österreich”. Im Info-Container vor dem Parlament in Wien, geht die Radiosendung täglich um 18 Uhr on air. Die Aufnahmen sind live auf festwochen.at, Radio-Orange 94.0 sowie an drei Hörstationen in Wien zu hören. Themen wie “Das Finanzregime”, “Politik des Anthropozäns” oder “Terror und Fall des Territoriums” stehen den Hörern bereit.


Der eingespielte “Prolog” samt Fake-Baustellenlärm bietet eine Mini-Einführung, die auch Nicht-Österreichern den auf Kurt Schuschniggs Rede vor der Machtübernahme der Nazis im März 1938 anspielenden Titel erklärt. Die durchgängige Zweisprachigkeit der Aufnahme, die jeweils live auf festwochen.at, Radio Orange 94.0 sowie an drei Hörstationen in Wien (vor dem Parlament, im Hof 1 des Museumsquartiers und in der Hauptbücherei am Gürtel) zu hören ist und später als Podcast weltweit abrufbar sein wird, ist auch der Hauptgrund für den Stress im Container, wo die beiden Simultandolmetscher ordentlich ins Schwitzen kommen.

Die frühe Hörfunk-Tradition, die Millionen Menschen zum Verfolgen politischer Reden vor den Radioapparaten versammeln ließ, war Ausgangspunkt der Reihe, zu der jeden Tag ein Redner und zwei Gegenredner geladen sind. Doch am Premierentag wird schon nach wenigen Augenblicken klar, dass diese Woche nur in sehr übertragenem Sinn die angekündigten “Reden zur Lage der Nation(en)” bringen wird, sondern vielmehr eine Vorlesungsreihe. Muss ja nicht schlecht sein, schließlich behauptet ja das Nachrichtenmagazin “profil” in seiner aktuellen Coverstory: “Das Denken wird Volkssport”.

Festwochen-Projekt lässt Hörer an NS-Zeit erinnern

Der deutsche Philosoph Daniel Loick, der seine Arbeit “an der Schnittstelle von Philosophie, politischer Theorie und Sozialtheorie” verortet und vor wenigen Tagen an der Uni Freiburg einen Vortrag zu “Marx’ (und Engels’) Politik der Lebensformen” gehalten hat, tritt nun ganz buchstäblich ans Pult und beginnt seine Ausführungen. “Episode 1: Abhängigkeitserklärung” lautet der Titel der ersten Sendung, und fast logisch, dass Loick gleich einmal von der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung ausgeht.

Innerhalb weniger Minuten verweist er auf Thomas Hobbes, John Locke und Jean Bodin. “Unter der Souveränität ist die dem Staat eignende absolute und zeitlich unbegrenzte Gewalt zu verstehen”, hat Letzterer 1576 geschrieben und gilt damit als Begründer des modernen Souveränitätsbegriffes, der von Loick ordentlich unter Beschuss genommen wird. Souverän im Sinne des Erfinders sei nämlich nur ein Teil der Menschheit, meint er und prägt den schönsten Begriff des Abends: “Okzidentaler Macker-Diskurs”.

Podcast der Wiener Festwochen beginnt mit “Episode 1. Abhängigkeitserklärung”

Unter der Fahne der Souveränität werde heutzutage von Leuten wie Orban, Erdogan, Putin, Seehofer oder Kurz Abschottung und Xenophobie betrieben, warnt Loick. Zwei “Respondentinnen” sind anschließend aufgeboten: Elisabeth Holzleithner, Professorin für Rechtsphilosophie und Gender Studies an der Universität Wien, und Claudia Aradau, Professorin für Internationale Politik am King’s College in London, ergänzen Loicks Vortrag durch vorbereitete Anmerkungen zu den Themen Sicherheit, Geschlechterfragen und Migration.

Das Medium macht’s möglich, dass Kurator Alexander Martos bei der nach einem musikalischen Interlude, in dem Peter Votava die Schuschnigg-Rede verarbeitet, den Hörern vorgaukeln kann, Professorin Aradau könne “aus Termingründen” nicht mehr an der von ihm moderierten abschließenden Diskussion teilnehmen. Draußen weiß niemand, dass zuvor bereits ihr Beitrag einfach eingespielt wurde. Immerhin bringt Martos die Theoretiker zu konkreten Aussagen, wie man etwa dem von Viktor Orban ausgerufenen Ende der liberalen Demokratien begegnen solle.

Schuschnigg-Rede im musikalischen Beitrag verarbeitet

“Die Frage ist, was macht man jetzt als Linker?”, überlegt Loick und gibt zu: “Wir sind zu stark in Abwehrkämpfen gefangen, um wirklich eine emanzipatorische Antwort auf diese Entwicklung zu finden.” Und Holzleithner kann “immer nur fantasie- und hilflos” auf das verweisen, was die Autokraten als Erstes aufs Korn nehmen: Gewaltenteilung, Rechtstaatlichkeit, Menschenrechte. Und mit einem Mal passt Martos’ Abmoderation: “Gott schütze Österreich!”

Bis Sonntag stehen jeweils um 18 Uhr insgesamt sechs weitere “Episoden” auf dem Programm. Heute, Dienstag, sind keine Reden, sondern ein von Stephanie Sherman und Agustina Woodgate vorgenommener “Re-Mix zu Gesten und Narrativen der Souveränität in Populärkultur, Propaganda und Massenmedien” angekündigt, ehe es am Mittwoch mit einer von Ulrike Guerot, Professorin am Department für Europapolitik und Demokratieforschung an der Donau Universität Krems, gehaltenen “Rede an die Europäische Nation” und Ivan Krastev (“Europadämmerung”) als Erwiderer konventioneller weitergeht.

Ab 28. Mai gibt es dann alle Podcasts zum Download auf www.festwochen.at.

>> Wenn Sie weitere Infos zu den Wiener Festwochen haben möchten, besuchen Sie unser Special!

(APA/red.)

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