Wiener auf Costa Concordia: “Jeder war auf sich alleine gestellt”

Reisebegleiterin Marie Bulgarini schildert ihre Erlebnisse auf der Costa Concordia.
Reisebegleiterin Marie Bulgarini schildert ihre Erlebnisse auf der Costa Concordia. - © APA
Am Freitag war die Costa Concordia mit mehr als 4.000 Menschen an Bord vor der Insel Giglio vor der Westküste Italiens auf einen Felsen aufgelaufen und havariert. Bis jetzt wurden mindestens  7 Todesopfer bestätigt. Zwei, die das Unglück hautnah miterlebten, sind die “Costa Concordia”-Mitarbeiterin Marie Bulgarini und Efe Zenginobuz aus Wien. Nun sprachen die beiden über die schwersten Stunden ihres Lebens.

Verhalten vieler Gäste war eine “Katastrophe”

“Ich war gerade im Büro auf Deck 5, als das Schiff eine scharfe Rechtskurve machte und in Schräglage geriet”, so die 23-jährige Wienerin über die ersten Minuten des Unglücks auf der Costa Concordia. Das komme aber öfters vor, die Reisebegleiterin habe sich dabei nichts gedacht. “Plötzlich hat das ganze Schiff gewackelt und vibriert, die Kästen gingen auf und alles fiel heraus, das Licht begann zu flackern und wir hatten ein Blackout, also Stromausfall.” Sie ging sofort hinauf zur Brücke auf Deck 8. “Wie alle anderen ‘internationalen Hostessen’ habe ich dann die erste Durchsage (in der jeweiligen Muttersprache, Anm.) gemacht.” Vorerst war nur die Rede von Problemen mit den Generatoren.

“Auch wir wussten bis zur Evakuierung nicht, was wirklich passiert war. Dass der Riss 70 Meter lang war, war uns nicht bekannt. Wir hörten nur von einem Loch.” In Folge machte die Österreicherin noch zwei Durchsagen, um die Passagiere zu beruhigen. “Die vierte Durchsage kam dann direkt vom Kapitän: ‘Abandon ship’ (‘Schiff evakuieren’, Anm.).”

“Ich ging dann sofort hinunter zum vorgeschriebenen Treffpunkt der Crew auf Deck 3”, sagte Bulgarini. “Die Passagiere waren in Panik. Für sie ist der Treffpunkt für die Evakuierung auf Deck 4. Viele Passagiere wurden zu diesem Zeitpunkt schon mit den Rettungsbooten evakuiert. Nachdem das Schiff bereits schräg lag, haben wir die restlichen Passagiere vom oberen Deck, auf Deck 3 geleitet, damit sie direkt von dort die Rettungsboote besteigen konnten.” Die Kritik der Passagiere an der Crew kann die 23-Jährige nicht nachvollziehen. “Zumindest jene Crewmitglieder, die ich beobachten konnte, haben sehr gut zusammengeholfen. Ich habe selbst gesehen, wie einige Offiziere ins Wasser gesprungen sind, um Passagiere zu retten. Wir konnten innerhalb kürzester Zeit mehr als 4.000 Menschen evakuieren.”

Passagiere filmten Costa Concordia-Drama

Das Verhalten vieler Gäste der Costa Concordia hat die gebürtige Bulgarini als “katastrophal” in Erinnerung. “Viele haben auch während der Evakuierung ihre Handys hochgehalten und gefilmt und fotografiert, sind uns somit teilweise wirklich im Weg gestanden und haben damit die Räumung des Schiffs behindert. Andere haben sich unseren Anweisungen widersetzt. Egal ob Frauen oder Kinder da waren, manche Touristen haben sich rücksichtslos durch die Menge geboxt, um als erste im Boot zu sein.”

Wiener hatte Angst vor Massenpanik auf der Costa Concordia

„Ich war in meiner Kabine und auf einmal ist eine Flasche in meiner Kabine runtergefallen, meine Koffer sind runtergerutscht, da habe ich gedacht, da stimmt was nicht. Zwei Minuten später gab es einen Stromunfall.”, so der Wiener im “Wien heute” Exklusiv-Interview. Efe Zenginobuz erhebt schwere Vorwürfe gegen die Crew. So soll niemand vom Personal zu sehen gewesen sein – “Jeder war auf sich alleine gestellt”. Die ersten 1-2 Stunden sollten Durchsagen die Passagiere beruhigen. Doch jeder der 4000 Gäste soll gewusst haben, dass “etwas nicht stimmte”. Erst gut zwei Stunden nach der Kollision ertönten die Evakuierungssirenen.

Auf der Costa Concordia herrschte Panik. Viele ältere Menschen stürzten, laut Efe Zenginobuz gab es auch Streit um Rettungswesten. Er selbst hatte in erster Linie Angst vor einer Massenpanik. “Es war schrecklich, ich dachte ich werde im Rettungsboot sterben”, so der Augenzeuge über den Horror. Für den Wiener ging das Unglück gut aus. Doch auch er hat aus den Erlebnissen seine Konsequenzen gezogen. Eine Kreuzfahrt wird der 29-Jährige nicht mehr machen.

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