Wiener Arzt auf Flüchtlings-Rettungsschiff “Responder”: “Schlimmster Einsatz”

1Kommentar
Mittelmeer-Einsatz mit Rettungsschiff bringt neue Dimension für erfahrenen Wiener Arzt Michael Kühnel
Mittelmeer-Einsatz mit Rettungsschiff bringt neue Dimension für erfahrenen Wiener Arzt Michael Kühnel - © IFRC / Thorir Gudmundsson
Der 41-jährige Wiener Notarzt Michael Kühnel ist seit zwei Wochen an Bord des Rotkreuz-Rettungsschiffes “Responder” im Einsatz. Laut Rotem Kreuz wurden seit Juli über 5.000 Flüchtlinge bei der Überfahrt nach Italien gerettet.

Mindestens 3.740 Menschen sind nach UN-Angaben in diesem Jahr bei der Flucht über das Mittelmeer gestorben. Die “Responder” sei zwischen Libyen und Italien im Einsatz.

Gefährliche Überfahrt auf überbelegten Booten

“Die meisten Boote starten um 21 Uhr von Libyen”, berichtete Kühnel. In meist überbelegten Schlauch- und Holzbooten würden viele Flüchtlinge die gefährliche Überfahrt wagen. “Die Boote werden von der italienischen Küstenwache, über Radar oder Aufklärungsflüge geortet”, so Kühnel. Die Bergungen fänden zwischen 04:00 und 05:00 Uhr morgens statt. Schnellboote bergen die Flüchtlinge und bringen sie zum Responder, wo sie von Kühnel und einem Team aus Krankenschwestern, medizinisch untersucht und mit Decken, Nahrung und Kleidung versorgt werden.

Bei der Bergung der Flüchtlinge sei man auf die Zusammenarbeit mit anderen Hilfsorganisationen und der italienischen Küstenwache angewiesen, denn die Kapazität des Rettungsschiffs “Responder” sei begrenzt. 350 Menschen dürfen offiziell transportiert werden.

Wiener Arzt berichtet von “Katastrophenalarm”

“Diese Grenze wird oft ausgereizt”, erzählte Kühnel, wie am Dienstag, wo es zu einem “Katastrophenalarm” kam. “Ein Schiff mit 600 Menschen tauchte auf dem Radar auf, wir hatten aber bereits 200 Menschen an Board”, berichtete Kühnel. Die übrigen Flüchtlinge wurden von Schiffen anderer Hilfsorganisationen aufgenommen. Seit Italien Ende 2014 die Seenotrettungsmission Mare Nostrum eingestellt hat, versuchen viele NGOs den Flüchtlingen auf dem Mittelmeer zu helfen.

Ob die Rettungseinsätze nicht noch mehr Menschen zur Flucht animieren, werde Kühnel oft gefragt. Er und seine Kollegen hätten dabei dieselbe Auffassung: “Wenn Menschen sich dieses Wagnis antun, dann steckt sehr viel Verzweiflung dahinter. Sie werden es versuchen, auch wenn wir ab Dezember nicht mehr da sein werden.”

Flüchtlingskrise: “Überfahrt wird immer schwieriger”

Klar sei, dass die Überfahrt nun “immer schwieriger wird, weil das Meer immer unruhiger wird.” Die Route zwischen Libyen und Italien sei eine der Gefährlichsten. “Das Problem ist, dass die Boote nicht dafür gemacht sind für die 300 Seemeilen nach Sizilien.” Eine Lösung für die Flüchtlingskrise hat Kühnel nicht, ist aber überzeugt, “wenn man Zuhause Sicherheit gibt, seine Familie ernähren kann, geht man so eine Reise nicht an.”

Der Wiener Arzt Michael Kühnel arbeitet seit 2015 als Katastrophenhelfer. Er war nach dem Tsunami in Indonesien, nach den Erdbeben auf Haiti und als einziger österreichischer Arzt in Ebola-Gebieten in Afrika tätig. Der Einsatz im Mittelmeer hatte für ihn eine neue Dimension. “Mein Einsatz hier und in Idomeni im Februar ist noch massiv schlimmer, als alles, was ich bisher gesehen habe. Das waren Bedingungen, die ich nirgends in Afrika oder Haiti nach dem Erdbeben gesehen habe”.

Michael Kühnel will auf “Responder” im Einsatz bleiben

Wenn es wieder die Möglichkeit gibt, werde Kühnel auch nächstes Jahr auf der “Responder” im Einsatz sein. “Es gibt kaum eine befriedigendere Arbeit, als Menschen zu helfen”, erklärte er seine Motivation für seinen Einsatz im Mittelmeer. Und fügte hinzu: “Ich habe die nötige ärztliche Ausbildung und Auslandserfahrung – wenn ich es nicht mache, wer macht es dann?”.

Das Rotkreuz-Schiff “Responder” ist ein gemeinsames Unternehmen vom italienischen Roten Kreuz, der privaten Hilfsorganisation Migration Offshore Aid Station (MOAS) und der Internationalen Föderation der Rotkreuz- und Rothalbmondgesellschaften (IFRC). Der Wiener Arzt und Katastrophenhelfer Michael Kühnel arbeitet seit 17 Jahren ehrenamtlich für das Rote Kreuz.

(Das Gespräch führte Claudia Tschabuschnig/APA)

(apa/red)

Leserreporter
Bild an VOL.AT schicken


1Kommentar

Herzlichen Dank für Ihren Kommentar - dieser wird nach einer Prüfung von uns freigeschaltet. Beachten Sie, dass dies gerade an Wochenenden etwas länger dauern kann. Kommentare von registrierten Usern werden sofort freigeschaltet - hier registrieren!

noch 1000 Zeichen

HTML-Version von diesem Artikel
Werbung