Wien: Haus der Geschichte begrüßt Wahlurne als erstes Objekt der Sammlung

Eine Wahlurne wird das erste Ausstellungsstück im Haus der Geschichte Österreich.
Eine Wahlurne wird das erste Ausstellungsstück im Haus der Geschichte Österreich. - © Haus der Geschichte Österreich/APA-Fotoservice/Godany
Das Haus der Geschichte Österreich (HGÖ), das in etwas mehr als einem Jahr mit einer Ausstellung zum Republikjubiläum seine Tore in der Neuen Burg in Wien öffnen wird, hat nun offiziell sein “Objekt Nummer 1” begrüßt: Eine Wahlurne, die aus der niederösterreichischen Gemeinde Großhofen stammt. HGÖ-Chefin Monika Sommer sprach mit der APA über den Sammlungsschwerpunkt “Demokratisierung”.

Frage: Das erste Objekt, das nun offiziell zur neu aufgebauten Sammlung des HGÖ zählt, ist eine Wahlurne. Welche Symbolkraft hat dieser Schritt?

Antwort von Monika Sommer: Es gibt bislang kein österreichisches Bundesmuseum, das den gesetzlichen Auftrag hat, eine Sammlung zur Zeitgeschichte aufzubauen. In diese Lücke stoßen wir vor und leisten Pionierarbeit. Kulturhistorisch ist natürlich immer die Frage interessant: Was ist das Objekt Nr. 1? Da Demokratieentwicklung, ihre Brüche und Transformationen ein wichtiges inhaltliches Thema des HGÖ sein werden, wollten wir die Nr. 1 mit diesem Thema besetzen.

Frage: Wie sind Sie genau auf diese Wahlurne, die ja eigentlich ein zweckentfremdeter Metallkoffer ist, gekommen?

Antwort: Da wir sehr stark die Gegenwart im Blick haben, haben wir uns für die Gemeinde mit der höchsten Wahlbeteiligung bei der letzten Nationalratswahl entschieden. Der Bürgermeister der Gemeinde Großhofen war sofort ganz begeistert von unserer Anfrage, so ist es zur Schenkung des Objekts gekommen.

Frage: Die Gemeinde Großhofen erzielte 2013 eine Wahlbeteiligung von über 90 Prozent. Was macht die Gemeinde so wählfreudig?

Antwort: Die Gemeinde ist sehr klein. Unter den rund 100 Einwohnern sind etwa 65 Personen wahlberechtigt, wovon wiederum 13 im Gemeinderat sitzen. Wir fanden das interessant, da sich im Zuge dessen auch viele Fragen auftun zur Struktur österreichischer Gemeinden, der Diskussion über Verwaltungsstrukturen und Gemeindezusammenlegungen. Was macht das etwa mit der Identität einer Gemeinde? Das sind Fragen der Gegenwart, die sich in diesem Objekt kristallisieren, wenn man es richtig kontextualisiert und in der Dokumentation für das Objekt aufbereitet.

Frage: Was hat Sie davon abgehalten, etwa die Gemeinde mit der besten Treffsicherheit auf das Gesamtergebnis auszuwählen?

Antwort: Uns war es wichtig, ein Signal zu setzen: Das ist die Gemeinde mit der größten Wahlbeteiligung, nicht mit der größten Treffsicherheit. Es geht darum: Welche Menschen nehmen ihren individuellen Handlungsspielraum, den man in der Demokratie hat, am umfassendsten wahr? Auch den Zeitpunkt, das Objekt abzuholen, haben wir bewusst gewählt. So kurz vor der Wahl ist es quasi unser Appell: Jeder, der ein Wahlrecht hat, sollte das auch in Anspruch nehmen.

Frage: Das Objekt ähnelt nicht jenen Wahlurnen, wie man sie etwa in Wien kennt, sondern ist ein adaptierter dunkler Metallkoffer…

Antwort: Die Wahlurne erinnert mich in der Anmutung an einen Moderatorenkoffer für Coaching-Teams. Es ist eben nicht diese graue Box. Sie verweist darauf, dass die Wahlurne etwas ist, das nicht standardisiert ist, sondern eine Box, auf die man sich in Großhofen vor 25 Jahren verständigt hat. Wenn man den Kontext nicht erzählt, bleibt das Objekt bis zu einem bestimmten Moment auch stumm. Für uns ist es ganz zentral, den Kontext zu dokumentieren und mit der Gegenwart in Bezug zu setzen. Wir werden auch andere Wahlurnen und deren Geschichten präsentieren.

Frage: Nun war in letzter Zeit auch das E-Voting ein Thema. Welchen Einfluss hätte es auf die Demokratie?

Antwort: Einerseits könnte man meinen, es ist eine Form der Demokratisierung, weil es auch Personen erreicht, die physisch nicht in der Lage sind, ins Wahllokal zu gehen. Gleichzeitig schafft die digitale Zugangsweise neue Barrieren, etwa für ältere Menschen. Oder auch die Frage nach der geheimen Wahl. Ich glaube, dass die Juristen hier vor einer großen Herausforderung stehen, der wir uns aber stellen müssen.

Frage: Inwiefern werden in der Ausstellung auch neue Herausforderungen wie Chat Bots oder Fake News als wahlbeeinflussende Elemente behandelt?

Antwort: Die Frage ist total spannend, aber wir sind natürlich auch in unseren Möglichkeiten beschränkt. Es gibt so viele Themen, die eine Berechtigung hätten, hier verhandelt zu werden. Fakt ist: Wir sind hier in Sachen Digitalisierung an einer Epochenschwelle, mit der wir lernen müssen achtsam umzugehen.

Frage: Was sind die kommenden großen Schritte im Aufbau des HGÖ?

Antwort: Auch wenn es trocken klingt: Uns ist es gerade sehr wichtig, für unsere Objekte ein entsprechendes Verwaltungssystem zu schaffen. Um vieles kreativer ist da schon unsere Arbeit an einem Kunstwerk für den Altan am Heldenplatz zum Gedenktag an den Anschluss 1938 im kommenden März.

Frage: Welche Schwerpunkte werden Sie neben der Demokratisierung noch setzen?

Antwort: Wir haben etwa eine Leerstelle im Themenbereich Sport festgestellt, wozu es jüngst eine Tagung im Haus des Sports gab. Bisher gibt es keine zentrale Anlaufstelle, wo der österreichische Sport materiell dokumentiert wird. Ein weiterer Schwerpunkt ist die Auseinandersetzung mit Österreich in der zeitgenössischen Kunst. Es gibt sehr viel Kunstschaffen, das Geschichtspolitik reflektiert. Hier wollen wir gezielt sammeln.

Frage: Wo sehen Sie das HGÖ nach der Republiksausstellung? Ist ein Neubau nach wie vor Ihr Ziel?

Antwort: Insgesamt verfügen wir über eine Fläche von circa 1.800 Quadratmetern, die sich in die imperiale Prunkstiege und die burggartenseitigen Räume untergliedern. Man muss die imperiale Stiege durchschreiten, um dann in die Republikgeschichte einzutauchen. Das ist natürlich viel zu wenig Fläche und nach dieser Ausstellung sind die Perspektiven offen. Deswegen wünsche ich mir von der nächsten Regierung ein klares Bekenntnis zur Weiterentwicklung des HGÖ. In einem Neubau würde sich das manifestieren. Der Blick der Republik auf die eigene Geschichte ist doch sehr oft von der imperialen Vergangenheit geprägt, und unsere Demokratie findet in Räumlichkeiten statt, die sich dem imperialen Erbe verdanken. Gebäude und Standorte sind von hoher symbolischer Kraft. Anlässlich ihres hundertsten Geburtstages könnte sich die Republik für ihr Haus der Geschichte Österreich einen zentralen Ort schenken und damit auch ihren Stolz auf die Geschichte zeigen.

(APA/Red)

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