Wie die Flüchtlingskrise die Kulturszene verändert

Flüchtlinge im Grenzgebiet von Spielberg.
Flüchtlinge im Grenzgebiet von Spielberg. - © APa (Symbolfoto)
Auch in der Kunstszene wird die Flüchtlingskrise thematisiert und kontroversiell diskutiert. Kulturschaffende sehen sich in der Verantwortung und halten mit ihrer Meinung nicht hinter dem Berg.

Am Ende dieses Jahres ist nichts mehr, wie es am Anfang war. Den Streit über Grexit und Eurozone trugen noch alleine die Politiker aus. Doch das vage Gefühl, in einer Wendezeit zu leben, nahm zu. Zum Jahreswechsel ist aus dem Gefühl Gewissheit geworden. Die Globalisierung ist greifbar geworden – in Gestalt von Menschen, die bei uns anklopfen. Dem kann sich niemand entziehen. Auch die Kultur nicht.

In vielfältiger Weise sieht das Kulturschaffen heute anders aus als noch vor wenigen Monaten. Künstler fühlen heute eine Verantwortung wie sie es in dieser Generation noch nie gespürt haben. Jene Diskussionen, die Familien- und Freundeskreise prägen, werden seit dem Sommer intensiver denn je auch in den Direktionen und Dramaturgien, Kantinen und Garderoben von Kulturinstitutionen geführt. Plötzlich ist Kunst wieder politisch – und die Verweigerung, dem Rechnung zu tragen, ebenso.

Kunstszene positioniert sich

Eine der wichtigsten Entscheidungen war, sich bewusst als Teil jener Zivilgesellschaft zu begreifen, die Österreich und Deutschland ein Sommermärchen beschert hat, das es mit einem Mal wieder möglich gemacht hat, stolz auf sein Land zu sein. Künstler und Intendanten reihten sich nicht nur unter jene ein, die zu Bahnhöfen oder Flüchtlingslagern fuhren, um zu helfen, organisierten Solidaritätskonzerte und Unterschriftenlisten, sondern stellten oft ihre Institutionen auch für direkte Hilfe zu Verfügung: Künstlerwohnungen und Probenlokale wurden zu Flüchtlingsunterkünften umfunktioniert, Deutschkurse und Hilfe bei Behördenwegen organisiert.

Dieses direkte Handeln kann durchaus kontroversiell diskutiert werden – wie der beispiellose Rückzug des auch in Wien beschäftigten lettischen Regisseurs Alvis Hermanis zeigt, der am Hamburger Thalia Theater nicht mehr arbeiten will, solange sich dieses in der “Refugees Welcome”-Bewegung engagiert. Auch in der Kunst kann, ja muss es dazu unterschiedliche Meinungen geben. Mitmenschlichkeit abseits des künstlerischen Programms ist keine Selbstverständlichkeit und wohl auch kein Grundauftrag – schließlich ist in den Statuten und Subventionsverträgen von sozialem Engagement meist keine Rede. Böswillig ließe sich da missbräuchliche Verwendung von Steuergeld konstruieren.

Dass das nicht weit hergeholt ist, zeigt sich dort, wo rechte Parteien mitmischen. Dann kann sogar ein simples Goethe-Zitat auf Transparenten für Unmut sorgen, wie eine AfD-Stadtratsanfrage in Leipzig zeigt, die mit dem ausgehängten Spruchband “Das Land, das die Fremden nicht beschützt, geht bald unter” die politische Neutralität des Schauspielhauses nicht mehr gewährleistet sah. Die Semperoper Dresden zitierte auf ihren Fahnen auf dem Theaterplatz, auf dem die Pegida-Montagsdemos stattfinden, das deutsche Grundgesetz. Beethovens “Ode an die Freude” mit der Zeile “Alle Menschen werden Brüder” wurde in Dresden und Mainz, wo ein 120-köpfiger Chor von Theater-Mitarbeitern just dann auf den Balkon trat, als vor dem Haus eine AfD-Kundgebung stattfand, zu einem unmittelbaren und unüberhörbaren politischen Ausdrucksmittel.

Flüchtlingskrise: Die Reaktionen der Kunst

An der Flüchtlingsthematik kommt die Kultur nirgendwo vorbei – Bücher und Filme sonder Zahl werden vorbereitet oder sind bereits auf dem Markt. Auf der kommenden Architekturbiennale in Venedig werden sich sowohl Österreich als auch Deutschland mit der Frage der Unterbringung von Flüchtlingen beschäftigen. In Deutschland hat Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) soeben einen Preis für Kulturprojekte mit integrativem Mehrwert ausgelobt, denn “auf dem schwierigen Weg von hilfsbedürftigen Gästen zu engagierten Mitbürgern” müssten die Neuankömmlinge “so schnell wie möglich die vielfältige Kultur unseres Landes kennenlernen und sich aktiv mit ihr auseinandersetzen”.

Dass man auch künstlerisch zu reagieren habe, darüber herrscht mittlerweile Einigkeit. Da hat die Dringlichkeit der Situation in der Kunst wie in der Politik den Erkenntnisprozess vorangetrieben. Waren Jelineks “Schutzflehende” im Vorjahr auf den Bühnen noch weitgehend alleine, so kam heuer kein Theater an einer Auseinandersetzung mit dem Thema vorbei – und gab es, nebenbei gesagt, auch eine erstaunliche Vielfalt im Umgang mit dem Jelinek-Stück, von ästhetisiert (Michael Thalheimer am Burgtheater) über engagiert (Sebastian Nübling in Berlin, Tina Leisch in Wien) bis zu archaisiert (Enrico Lübbe in Leipzig).

Was darf, was soll das Theater zeigen?

Das Thema wirft in den Theatern nicht nur inhaltliche, sondern auch dramaturgische Fragen auf: Soll, muss, darf man die Flüchtlinge selbst auf die Bühne bringen? Kann man sie von Profis darstellen lassen? Braucht es neue Stücke dazu? Darf es dabei auch witzig sein? Im Idealfall vielleicht auch beides, wie “Stirb, bevor du stirbst” von Ibrahim Amir in Köln oder “Lost and Found” von Yael Ronen am Volkstheater Wien bewiesen hat. Im Idealfall bleibt der moralische Zeigefinger unten, wenn man, wie das Vorarlberger aktionstheater ensemble, “Kein Stück über Syrien”, sondern eines über die eigenen Konflikte auf die Bühne bringt.

Glücklicherweise ist die Situation hierzulande noch nicht so dramatisch wie in Dresden, wo Volker Lösch eine Inszenierung von Max Frischs “Graf Öderland” zu einem Agit-Prop-Abend nutzte, der dem verunsicherten Publikum politischen Rückhalt gegen Rechts bot und manchen Kritiker in ein arges Dilemma stürzte: Soll man eine künstlerisch als gescheitert empfundene Inszenierung aus politischen Gründen unterstützen?

Das Jahr 2016 wird alle heuer aufgekommenen Fragen wohl noch verschärfen. Und es werden abseits der unmittelbaren Aktualitäten die echten Herausforderungen der Zukunft sichtbar werden. Es sind Fragen der kulturellen Teilhabe und der kulturellen Repräsentation in einer sich in den kommenden Jahren dramatisch wandelnden Gesellschaft, die es zu diskutieren gilt. Der Kultur und der Kulturpolitik ist zu wünschen, dass sie sich diesen Fragen stellen.

(APA, Red.)

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