Wer Geld hat, hat’s noch gut

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Wer Geld hat, hat’s noch gut
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Gastkommentar von Johannes Huber. Toll, dass Wien von Managern zur lebenswertesten Stadt der Welt gewählt worden ist. Man sollte jedoch aufpassen, dass die Stimmung nicht kippt.

Der „Wiener Weg“ sei ein weltweit einzigartiges Erfolgsmodell, freute sich Bürgermeister Michael Häupl (SPÖ) diese Woche darüber, dass die Stadt einmal mehr zur Metropole mit der größten Lebensqualität gekürt worden ist. Paris, Berlin, New York oder London mussten sich zusammen mit 226 anderen Mitbewerberinnen mit einem Platz auf den Rängen begnügen. Und zwar zum achten Mal in Folge. Darauf kann man stolz sein, sollte aber nicht allzu euphorisch werden.

Organisiert wurde die Wahl von einem Beratungsunternehmen. Entscheidend waren unter anderem die Bewertungen sogenannter „Expats“. Dabei handelt es sich um Manager, die von internationalen Unternehmen für eine gewisse Zeit in eine fremde Stadt geschickt werden. Womit schon einmal zwei Dinge gewährleistet wären, die ganz wesentlich sind für eine ordentliche Lebensqualität: Die Frauen und Männer haben einen Job und meist wohl auch ein höheres Einkommen. Das sei ihnen vergönnt. Doch wenn sie feststellen, dass es ihnen hier gefällt, dann verwundert das schon weniger: Wer in Wien lebt und sich keine existenziellen Sorgen machen muss, dem fehlt nicht mehr viel. Gesundheit und privates Glück vielleicht. Ansonsten aber ist alles da: Viele andere Fremde, die zu einem globalen Flair und entsprechenden Angeboten beitragen, von Kindergärten über Schulen bis hin zu Lokalen; unfassbar schöne Naherholungsgebiete etc. Abgesehen davon ist die Stadt sehr sicher und hat ein gutes Öffi-Netz: Was will man mehr? All das klingt fast schon nach einem kleinen Paradies.

Wenn, ja wenn da nicht ein paar graue Wolken wären: Gerade weil die Stadt so attraktiv ist, zieht sie sehr viele Menschen aus dem In- und Ausland an. Und weil die Entwicklungen in einigen anderen Bereichen dem Bevölkerungswachstum nicht nachkommen, gibt’s zunehmend Probleme. So entstehen zu wenige Jobs. Was zur Folge hat, dass die Zahl der Arbeitslosen in den vergangenen zehn Jahren um mehr als die Hälfte auf über 125.000 gestiegen ist. Außerdem gibt’s zu wenig neuen Wohnraum. Daher explodieren die Mietkosten. Und so weiter und so fort.

All das sind Riesenherausforderungen, auf die die Politik keine brauchbaren Antworten hat. Die Sozialdemokraten sind zu sehr mit sich selbst bzw. der Häupl’schen Führungskrise beschäftigt; da haben sie für die wirklich wichtigen Zukunftsfragen keine Ressourcen mehr. FPÖ und ÖVP würden wiederum nur die Grenzen schließen. Und Grünen-Vizebürgermeisterin Maria Vassilakou beteuert ausschließlich, dass die Mindestsicherung trotz der extrem stark steigenden Nachfrage nicht gekürzt werde. Was ja schön und gut ist, sich auf Dauer aber nicht ausgehen wird. Da werden Programme notwendig, die die Stadt insgesamt in Schwung bringen, also genügend Jobs und Wohnungen entstehen. Sonst nehmen die sozialen Spannungen noch ein Ausmaß an, dass sie an jeder Ecke sichtbar werden – und selbst den „Expats“ die Lust vergeht, hier zu leben.

Johannes Huber betreibt die Seite dieSubstanz.at – Analysen und Hintergründe zur Politik

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