Welthit mit Cellulite: Anitta bewegt Brasilien

Anitta bei einem Auftritt in Las Vega
Anitta bei einem Auftritt in Las Vega - © APA (AFP/Getty)
Die ersten elf Sekunden ist im Musikvideo nur ihr Hinterteil im knappen Höschen zu sehen – unverkennbar mit Cellulite. Die 24-jährige Anitta schickt sich an, mit dem Favela-Hit “Vai malandra” (“Auf geht’s schlechtes Mädchen”) zum neuen Popstar Brasiliens zu werden. In den vergangenen Tagen wurde das Lied mit den eingängigen Beats bei Youtube schon rund 60 Millionen Mal aufgerufen.

Und als erstes Lied auf Portugiesisch überhaupt schaffte es “Vai malandra” unter die weltweiten Top 20 des Musikdienstes Spotify. Gerade weil Anitta bekannt dafür ist, ihren Körper, die Sexualität in den Mittelpunkt zu stellen, ihre Funk-Musik auch mit ihrem Sex-Appeal zu verkaufen, hat rechtzeitig zum Hochsommer und der Badesaison auf der Südhalbkugel das Video zu Weihnachten eine riesige Debatte in Brasilien ausgelöst – wegen der Darstellung der Frau als Lustobjekt, aber noch mehr wegen der Cellulite. Denn das Schönheitsideal setzt viele Frauen im fünftgrößten Land der Welt massiv unter Druck – Brasilien ist eines der führenden Länder bei Schönheitsoperationen.

Selbst bei den Festessen zu Weihnachten war das Video in Rio ein kontroverses Thema – Anitta wird auch vorgeworfen, mit dem bewussten Zurschaustellen der Cellulite nur den Werbeeffekt für das Lied erhöhen zu wollen. Sie weist das zurück. “Es war meine Entscheidung, das Video nicht nachzubearbeiten”, sagt Anitta im Interview dem Portal “O Globo”. “Die echte Frau hat Cellulite. Ich bin sehr froh über die positive Wirkung.” Man müsse sich endlich zusammentun, um diese ganzen Körpervergleiche zu stoppen, sagt die Sängerin.

An der Copacabana werden in diesen Tagen wieder die geölten Körper gebräunt, in kaum einem Land ist das Selfiemachen und das Reden über das Aussehen so verbreitet. Stolz wird auf Partys erzählt, wenn die Frau sich die Brust hat operieren lassen oder der Mann die Nase.

Die Modebloggerin Carla Lemos hatte schon im Oktober mit dem Beitrag “Cellulite ist normal” und entsprechenden Fotos für Aufsehen gesorgt, darunter unretuschierte Bilder von US-Reality-Star Kim Kardashian. Sie forderte einen offeneren Umgang mit Dellen in der Hautoberfläche unterhalb des Hinterns und nannte es “Sommerprojekt 2018”.

Dazu schrieb sie in Großbuchstaben: “90 Prozent der Frauen haben Cellulite.” Der Druck, sie zu verbergen und behandeln zu lassen, resultiere auch aus der immer knapperen Bademode – sie forderte Frauen auf, Cellulite-Fotos zu posten – das Musikvideo kommt da zur rechten Zeit. “Cellulite als Problem ist eine Erfindung. Was man in “Vai Malandra” sieht, ist nur die Haut einer erwachsenen Frau. Wir befinden uns noch im Prozess der Akzeptanz”, sagte Lemos “O Globo”.

Das Video (mit Mc Zaac, den Rappern Maejor und Tropkillaz sowie DJ Yuri Martins) spielt in der Favela Vidigal in Rio und spiegelt das Alltagsleben wider. Es geht auch um Sex, Frauen sonnen sich auf einer schäbigen Dachterrasse, nur mit schwarzen Klebestreifen an den Intimzonen, um perfekt aussehende weiße Bikinistreifen zu bekommen. Aber auch hier sind im Video ganz normale Frauen zu sehen, ohne Nachbearbeitungen – ein Gegensatz zur sonst oft in Rio inszenierten, mit Photoshop bearbeiteten Hochglanzwelt.

Anitta alias Larissa de Macedo Machado begann ihre Karriere mit 17 als Funk-Sängerin, die typisch ist für die Favelas der Olympiastadt 2016. Mal lässt sie sich am Billardtisch von Männern in dem Video bezirzen, dann auf der Dachterrasse, wo sich die Frauen mit Klebestreifen bräunen. Das macht das Video zum Song zugleich zu einer sehr ambivalenten Sache.

In sozialen Medien wird darauf verwiesen, dass hier mal wieder die Frau als Lustobjekt inszeniert wird – ein kulturelles Gegenstück zu den #MeToo-Debatten um sexuelle Belästigung in Europa und den USA. Es werden im Video alle Klischees der Machogesellschaft bedient.

Der bekannte Komponist und Sänger Lulu Santos kommentierte, dass die brasilianische Populärmusik “zurückgekehrt ist in ihre Analphase”. Anitta hält dagegen, der Clip spiegle die Realität des Funk und der Favelas in Rio, gerade auch die Lebensfreude. “Jede Person, die die Hügel hochgeht, wird all das sehen. Hier ist nichts erfunden worden.”

(APA/dpa)

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