Wechsel im Schauspielhaus Wien: Tomas Schweigen übernimmt Direktion

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Ab Herbst 2015 kommt der Regisseur Tomas Schweigen als Direktor des Schauspielhauses nach Wien.
Ab Herbst 2015 kommt der Regisseur Tomas Schweigen als Direktor des Schauspielhauses nach Wien. - © APA/Julian Salinas
Im Herbst geht eine seltene Theater-Rochade über die Bühne: Andreas Beck, Direktor des Schauspielhauses Wien, geht nach Basel, der dortige Co-Schauspieldirektor, der 1977 in Wien geborene Regisseur Tomas Schweigen, kommt als Schauspielhausdirektor nach Wien. In seinem ersten großen Interview sprach er über junge Autoren, frischen Wind und neue Schauspieler, Konkurrenz und Veränderung.

Wie fühlt es sich an, als Theaterdirektor in Ihre Heimatstadt Wien zurückzukehren?

Tomas Schweigen: Es gibt gerade viel zu tun und ich habe wenig Zeit, darüber nachzudenken. Seit der Bekanntgabe habe ich in Hannover und Basel inszeniert, zwischendurch bin ich hier. Deshalb ist alles mit vielen Reisen verbunden, das neue Team ist auf vier Länder verteilt. Nach 15 Jahren in der Schweiz ist es aber jetzt Zeit für eine Veränderung und ich merke, wenn ich durch Wien gehe, dass es eine super Mischung gibt zwischen Vertrautheit und gesunder Distanz.

Das Schauspielhaus hat sich als Autorentheater positioniert, Sie selbst haben mehrfach davon gesprochen, Autorenschaft neu denken zu wollen. Provokant gefragt: Braucht es noch Theaterautoren?

Es braucht natürlich Autoren! Es geht überhaupt nicht um das Infragestellen von Autoren, sondern um den verstärkten Diskurs über verschiedene Formen von Autorenschaft. Wenn man an ein Haus kommt, das in seiner Geschichte immer progressiv ausgerichtet war, muss man diesem Diskurs Rechnung tragen, und das eben nicht nur theoretisch, sondern auch in der praktischen Arbeit. Das kann man an einem Haus in dieser Größe mit einer flexiblen Struktur sehr gut machen. Natürlich wird es auch den klassischen Fall geben, dass man ein fertiges Stück liest und es aufführen will.

Werden Sie an jenen Autoren, die sich am Haus einen Namen gemacht haben, festhalten?

Es wird sicherlich keine Tabula rasa geben. Es gibt keine prinzipielle Ansage: “Die waren die letzten Jahre da, mit denen machen wir nichts mehr.” Aber so wie sich das Profil nach acht Jahren an so einem Haus auch ändern sollte und es frischen Wind braucht, bringen wir natürlich aus verschiedenen Zusammenhängen Kontakte und Interessen mit.

Wird sich auch der eine oder andere Klassiker auf dem Spielplan finden?

Der Schwerpunkt liegt zwar klar auf Zeitgenössischem, aber etwa einmal pro Spielzeit werden wir einen Klassiker der österreichischen Literatur befragen.

Inwiefern werden Sie dem Haus eine neue Struktur geben? Was kann und soll ein Stadttheater im 21. Jahrhundert sein?

Ich möchte die Struktur an einigen Punkten radikal ändern. Wir werden beispielsweise mit einem komplett neuen Dramaturgiemodell arbeiten: Es gibt zwar mit Tobias Schuster ganz klassisch einen leitenden Dramaturgen, darüber hinaus aber ein Team von Künstlern, die aus unterschiedlichen Theaterbereichen kommen: einen Musiker, Bühnenbildner, eine Kostümbildnerin, eine Produktionsleiterin. Es ist sehr fruchtbar, wenn man mit Leuten über den Spielplan diskutiert, die einen anderen Blick haben. Ein Ausstatter sieht ganz andere Dinge. Das ist eine Ausrichtung, die uns außerdem flexibler macht und neue künstlerische Perspektiven eröffnet.

Haben Sie vor, weiterhin die Bar des Hauses zu bespielen?

Das werden wir beibehalten, aber ich habe nicht vor, die Bar regelmäßig zur kleinen Studiobühne umzubauen, sondern möchte Abende kreieren, die in diesem Rahmen funktionieren. Ich will nicht einfach sagen ‘Bei dem Stück kommen weniger Leute, also machen wir es in der Bar’, sondern Formate für den Ort entwickeln.

Wie stark werden Sie sich zur Stadt hin öffnen?

Wir planen eine Produktion pro Spielzeit, die nicht im Bühnen-, sondern im Stadtraum stattfindet. Ansonsten fokussieren wir uns auf das Haus. Wir wollen uns nicht verlieren, sondern machen Theater hier im 9. Bezirk im Schauspielhaus. Natürlich stehen wir mit anderen Theatern im Austausch, da kann es durchaus Kooperationen geben.

Rund um Ihre Bestellung, die gleichzeitig mit jener von Kira Kirsch für das brut bekannt gegeben wurde, geisterte das Wort Vernetzung durch die Medien…

Vor ein paar Jahren war Vernetzung das coole Wort. Mittlerweile ist es fast zu etwas Grundlegendem geworden. Ich würde das nicht labeln wollen, dass das Schauspielhaus sich vernetzt. Natürlich haben wir Kontakte. Wenn man in eine progressivere Richtung gehen will, muss man über den Tellerrand schauen. Ich finde es spannend, mit Häusern, die in eine ähnliche Richtung gehen und eine ähnliche Struktur haben, zusammenzuarbeiten. Wir übernehmen ja Modelle wie etwa die Theaterallianz, wo von der Größenordnung ähnliche Bühnen in Österreich in den Austausch kommen, was ich für sehr sinnvoll halte. Im Moment sind wir im Gespräch über eine Zusammenarbeit im Bereich der Autorenförderung.

Ein anderes “cooles Wort” war in den vergangenen Jahren das “postmigrantische Theater”. Wird es das auch am Schauspielhaus geben?

Natürlich ist das ein Thema, das mit unserer aktuellen Realität zu tun hat, aber wir wollen das nicht labeln. Internationale Ausrichtung ist schon ein Thema, auch innerhalb des Teams, allein unser Ensemble kommt aus fünf europäischen Ländern.

Ihr Kollege, der scheidende brut-Intendant Thomas Frank, kritisierte kürzlich die mangelnde Durchlässigkeit zwischen der freien Szene und den etablierten Häusern. Wie bewerten Sie die Wiener Theaterszene diesbezüglich?

Thomas Frank redet über den Zustand, den er kennt, und er hat wahrscheinlich Recht. Aber es hat sich glaube ich schon extrem geändert in den vergangenen Jahren. Als ich noch in Wien lebte, war die Durchlässigkeit gar nicht vorhanden, man hat quasi in unterschiedlichen Ligen gespielt. Das war in Zürich dann ein Aha-Erlebnis. Da hatten Regisseure freie Gruppen und inszenierten gleichzeitig am Stadttheater. Das lag auch an einem guten Fördersystem der Freien, von dem ich mit meiner Gruppe “Far A Day Cage” natürlich auch profitiert habe. Man hatte zumindest die Möglichkeit, in der Zeit, in der man produziert hat, davon zu leben und sich auch zu entwickeln. Das Verständnis gab es damals nicht in Wien. Da hat sich schon viel getan, aber natürlich müsste sich mehr tun. Durch meine Geschichte, die sich auch immer dazwischen abgespielt hat, kenne ich beide Welten und habe ich dementsprechend null Berührungsängste.

In der Wiener Theaterszene ändert sich ab Herbst ja einiges, neben Ihnen und Kira Kirsch kommt auch Anna Badora ans Volkstheater…

Es ist eine tolle Zeit, es ist einfach aufregend. Es ist gut, dass Festgefahrenes sich auflöst, es wird ein bisschen neu gemischt. Das Schauspielhaus hatte ja – neben dem TAG und der Drachengasse – fast schon ein Alleinstellungsmerkmal, was die Autorenförderung an festen Bühnen betrifft. Matthias Hartmann ist am Burgtheater nicht verstärkt auf junge Autoren zugegangen, auch das Volkstheater nicht so wirklich. Jetzt versuchen es plötzlich alle. Das heißt, es formiert sich neu, jeder versucht, in anderen Teichen zu fischen. Das ist im Prinzip eine spannende Phase und ich bin da relativ angstfrei. In Wien gehen ja vergleichsweise viele Leute ins Theater. Klar steht man auch in Konkurrenz, aber das muss man sportlich sehen.

Wie gut kommen Sie denn mit den Subventionen im Schauspielhaus aus, die 1,5 Mio. Euro pro Jahr betragen?

Ich habe noch gar nicht angefangen, aber ich kann schon sagen, dass es für den Auftrag, den das Haus erfüllen soll, knapp ist. Mittelfristig muss man schauen, wie man Drittmittel generieren kann. Man dreht schon alle 50 Euro zweimal um, bevor man sie ausgeben kann. Wir würden uns einfacher tun, wenn wir ein bisschen mehr hätten, aber das ist auch die Situation von anderen, damit muss man erst einmal umgehen.

Wie ist es mit dem Ensemble? Behalten Sie jemanden?Keiner der Schauspieler bleibt. Von meiner Gruppe FADC kommen zwei Schauspieler und einige Leute aus dem Team. Aber man darf das nicht so verstehen, dass es darum geht, hier eine freie Gruppe zu installieren. Ich bin ein Theaterleiter, der auch selbst inszeniert, und da hat man natürlich immer auch das Bedürfnis nach gewachsenen Arbeitszusammenhängen. Insgesamt wird es eine ausgewogene Mischung zwischen eingespielten Mitgliedern und neu dazu stoßenden Leuten geben, auf die ich mich sehr freue. Überhaupt soll das Schauspielhaus vor allem Künstlertheater sein, mit Künstlern in einer neuen Dramaturgie, die Grafik wird auch nicht ausgelagert, sondern neu von einer jungen Bühnenbildnerin und Illustratorin im Haus gemacht, und für Presse und Marketing ist mit Hubert Weinheimer, Kopf der Wiener Band “Das Trojanische Pferd” ein junger Autor und Musiker betraut. Ich will von Anfang an mit Leuten arbeiten, die ihre persönliche Perspektive auf Theater haben.

Das Schauspielhaus hatte zuletzt eine Auslastung von rund 80 Prozent. Legen Sie sich eine Latte?

Schweigen: Natürlich wollen wir Theater machen, das die Leute sehen wollen oder gut finden oder von dem sie sich provoziert fühlen. Aber unsere Pläne sind nicht in erster Linie darauf ausgelegt, bereits im ersten Jahr irgendwelche Auslastungszahlen zu toppen. Ich hoffe, dass sowohl die Zuschauer als auch meine Chefs Geduld haben.

Was wird sich am Betrieb ändern?

Schweigen: Wir gehen weg vom reinen Repertoirebetrieb und wechseln zu En-Suite, aber nicht vorrangig aus finanziellen Gründen. Der Repertoire-Spielbetrieb macht eine Auslastungsoptimierung gerade bei sperrigen Stoffen einfacher, allerdings bedarf er oft künstlerische Kompromisse, die ich nicht eingehen möchte. Der Raum ist zum Beispiel wirklich toll, aber es ist mir wichtig, auch im Bühnenbild mehr machen zu können, Form und Inhalt näher zusammenzubringen. Außerdem werden wir auch Konzerte, experimentelle Formate oder Lecture-Performances programmieren, die – thematisch gesetzt – im Rahmen der jeweiligen Inszenierungen laufen.

Wird es auch Festivals geben?

Wir werden nicht den Festwochen Konkurrenz machen können und wollen. Aber es wird Schwerpunkte geben.

Können Sie schon etwas über das Programm verraten?

Schweigen: Wir sind gerade am Feintuning. Wir werden auf jeden Fall Ende Oktober eröffnen, in der ersten Produktion, die ich inszeniere, wird das ganze Ensemble vertreten sein. Eine Woche später gibt es dann eine zweite Produktion, die wir parallel proben. Verraten kann ich schon, dass es sich dabei um einen Text von Chris Thorpe handeln wird, einem unglaublich spannenden Autor, Performer und Musiker aus Manchester, den wir das erste Mal im deutschsprachigen Raum in deutscher Übersetzung aufführen.

(Sonja Harter/APA)

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