“Wald” von Doris Knecht: Scheitern im Überfluss, Bestehen im Überlebenskampf

Von Daniela Herger
Von einer, die in den Wald zog, um zu überleben: Doris Knechts "Wald"
Von einer, die in den Wald zog, um zu überleben: Doris Knechts "Wald" - © Pamela Rußmann / BilderBox.com / Rowohlt Verlag
Bobo-Life gone bad: Doris Knecht erzählt in ihrem aktuellen Roman die Geschichte einer Wienerin, die aus einem regelrechten Luxus-Leben mit jeder Menge First-World-Problems in die Krise schlittert, alles verliert und in einem kleinen Häuschen am Land ein neues, einfaches Leben beginnen muss. VIENNA.at hat “Wald” für Sie gelesen.

Doris Knechts Romanfigur Marianne Malin hat zunächst alles. Erfolg als Modedesignerin mit eigenem Atelier, die perfekte Luxuswohnung im 7. Stock mit drei Luxusschlössern an der stahlverstärkten Türe, um ihren Besitz zu beschützen, den perfekten Partner: schön, sexy, schnell, amüsant und blitzgescheit.

Wunderbares Bobo-Leben à la Doris Knecht

Sie trinkt nicaraguanischen Bio-Kaffee, “von glücklichen Bauern handgepflückt”, aus ihrer exklusiven Gaggia-Espressomaschine. Sie schläft in zart pastellfarbener Biobaumwolle, “weil man in weißer Wäsche weniger Sex hat.” Mit ihren Hautproblemen geht sie zu einer TCM-Ärztin, wegen ihrer Laktoseintoleranz scheut sie keine Diskussion mit den Kellnern der exquisiten Restaurants, in denen sie speist, Yoga-Atmung ist ihr Mittel der Wahl, wenn sie nervös ist. Etwaige Falten werden weggecremt, der ganze Körper bis zur Perfektion epiliert, gepeelt, massiert und gecremt. Endlos investiert sie ihr hart verdientes Geld in sündteure Schuhe und Luxushandtaschen. Wenn sie Freundinnen zu sich zum Essen einlädt, ist ihr Ziel, allen zu beweisen, dass sie es geschafft hat.

Was dazu nicht passt, wird passend gemacht – etwa der “biedere, provinzielle und altmodische” Vorname. Doch der ist schnell offiziell zu “Marian” geändert. So weit, so perfekt. Doch dann kommt die Krise.

Vom Überfluss zum Scheitern zur Existenzkrise: “Wald”

Es geht Schlag auf Schlag, und Marian verliert alles, was sie besessen hat. Statt im Luxusbett mit Flachbildschirm davor findet sie sich nahezu mittellos auf der alten durchhängenden Federkernmatratze im Häuschen ihrer Tante wieder, die in ebendiesem Bett verstorben ist. Auf einer Matratze, von der die Hüfte schmerzt, in einem heruntergekommenen Häuschen, das nur mühsam zu beheizen ist, in irgendeinem nicht näher benannten Kaff am Land. Und plötzlich hat sie ganz andere Sorgen: Es geht ums Überleben. Nicht zu erfrieren, nicht zu verhungern werden ihre Prioritäten. Die Zeichen der Natur und der Wechsel der Jahreszeiten spielen in ihrem neuen Leben plötzlich eine Rolle. Anstatt für Starlets Kleider zu schneidern, mit denen diese am Roten Teppich brillieren, heißt es nunmehr für sie, praktisch “Survival Skills” zu erlernen: jagen, fischen, Brot backen und ihr eigenes Gemüse anpflanzen.

No na-Message: Was wirklich wichtig ist

Ihr Kopfzerbrechen um Falten und Ähnliches, was vor zwei oder drei Jahren noch Bedeutung hatte, ist immer noch präsent, “aber es ist jetzt nicht die Zeit dafür”. Ihre Sorgen sind “auf Standby”, wie es einmal heißt. Luxus fällt flach – was bleibt, ist “ganz normaler Kaffee, wie ihn alle trinken.” Immerhin: Sogar Marians angebliche Laktoseintoleranz ist plötzlich weg.

Die Botschaft hinter Doris Knechts “Wald” ist schnell klar und alles andere als komplex: Was wirklich zählt, hat mit Chichi und Luxus nicht das Geringste zu tun. Marian hat überleben gelernt, mit wie wenig man überleben kann, dass man gar nicht  so viel braucht zum Überleben – Message received. Das Problem des Buchs: Frau selbst schafft das scheinbar nicht ohne Übermann.

Sex und Gewalt im Wald

“Sie braucht niemanden, und wenn doch, dann gibt es Franz.” Marian, die für ihr Überleben beginnt, sich an fremden Äckern und anderer Leute Nutztieren zu bedienen, was ihr den Hass der nahezu gesamten Dorfgemeinschaft einbringt, trifft als eine Art deus ex machina den vergleichsweise wohlhabenden Großgrundbesitzer Franz, als dieser sie beim Wildern erwischt. Der erste Kontakt gipfelt in einer Ohrfeige für die unbeholfen agierende Großstädterin – und dennoch wird der deutlich ältere, verheiratete und nach ihren früheren Maßstäben unpassende Mann für Marian unentbehrlich.

Der Grundtenor: Marians frühere Männer konnten oder wollten ihr nicht helfen, nun zeigt ihr Franz, wo es lang geht, und ermöglicht ihr Überleben. Als stark, wohlhabend und mächtig wird Franz charakterisiert, der für den Leser insgesamt jedoch ein eher flacher, farbloser Charakter bleibt. Doch der Preis dafür, dass er Marian mit Milch und Käse, Honig und Brekkies, einer Angel und einem Angelschein versorgt, ist denkbar hoch – sie muss ihm dafür sexuell zu Willen sein.

Nicht ohne meinen Franz

Problematisch mutet in “Wald” ebendiese Tatsache an: Dass Franz trotz allem als Marians “Retter” vor dem allgegenwärtig drohenden Tod durch Verhungern oder Erfrieren auftritt, der sich sexuell alles herausnehmen und sich sogar Gewalttätigkeit gegen sie leisten “darf”, die als Frau alleine doch nicht so ganz zurechtkommt und dann sogar Gefühle für ihn zu entwickeln beginnt. Irgendwann schmiert zu allem Überdruss jemand das Wort “Hur” an Marians Tür.

Dass das Buch gegen Ende eine etwas hingeschustert wirkende versöhnliche, hoffnungsvolle Wende nimmt, wirkt nach allem, was die Protagonistin erleiden musste, dann eher unglaubwürdig. Insgesamt kommt Knecht mit den Charakteren in ihrem dritten Roman “Wald” an vergangene, großartige Protagonisten wie Gruber aus “Gruber geht” bedauerlicherweise nicht heran, der Witz ihrer Falter-Kolumnen, in denen sie ihr Leben in Wien und dem Waldviertel mit Mann und Kindern schildert, geht dem Roman ebenfalls schmerzlich ab.

Doris Knecht: Wald. Rowohlt Berlin, 272 Seiten, 20,60 Euro.

(DHE)

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