„Wachenfeld“: Digitales Gedenken von Konstanze Sailer

"Schrei 19:39 Uhr", 2015, Tusche auf Papier, 48 x 36cm
"Schrei 19:39 Uhr", 2015, Tusche auf Papier, 48 x 36cm - © Copyright: Konstanze Sailer
Zahlreiche renommierte Persönlichkeiten des Kunst- und Kulturbereiches arrangierten sich mit dem NS-Regime, um ihre Karrieren fortzusetzen oder diese, aufgrund der Vertreibung jüdischer bzw. politisch in Ungnade gefallener Kollegen, sogar zu beschleunigen.

 Im „Haus Wachenfeld“ (dem später zum „NS-Berghof am Obersalzberg“ ausgebauten Gebäudekomplex) trafen einander gegen Jahresende 1935 Clemens Krauss und Adolf Hitler zu Unterredungen. Krauss, von 1929-34 Direktor der Wiener Staatsoper, zählte zu den bekanntesten Dirigenten der 1930er und 1940er Jahre. Er setzte seine glänzende Karriere fort, als Musikalischer Leiter der Berliner Staatsoper (1935-36), Generalmusikdirektor der Bayerischen Staatsoper (1937-44), Rektor des Salzburger Mozarteums (1939-45) sowie Generalintendant der Salzburger Festspiele (1942-45).

Es gab jedoch auch andere Lebensläufe: Marianne Golz (* 30. Januar 1895 in Wien-Hernals; † 8. Oktober 1943 im Gestapo-Gefängnis in Prag) war Sängerin und Ensemblemitglied des Wiener Raimund-Theaters sowie des Salzburger Stadttheaters. Sie emigrierte 1934 nach Prag, wo ihr 1939 – trotz gültiger Papiere – die Ausreise aus der NS-okkupierten Tschechoslowakei nicht mehr gelang. Die Widerstandsgruppe, der sie sich anschloss, verhalf u. a. mittels gefälschter Ausweise und Reisedokumente Juden zur Flucht aus Prag. Bei einem der zweiwöchigen Treffen der Widerstandsgruppe in ihrer Wohnung wurden im November 1942 alle Teilnehmer durch die Gestapo verhaftet. Marianne Golz wurde als „Saboteurin wegen der Begünstigung von Reichsfeinden“ zum Tod verurteilt und am 8. Oktober 1943 durch das Fallbeil im Prager Gestapo-Gefängnis Pankrác ermordet.

Bis zum heutigen Tag existiert in Wien keine Straße, die ihren Namen trägt. Hingegen ist nach Clemens Krauss heute noch ein Park in 1170 Wien benannt, ebenso wie eine Straße in Salzburg und ein Weg in Ehrwald (Tirol). Zumindest in Wien-Hernals sollte anstelle von Clemens Krauss an Marianne Golz erinnert werden.

Die Kunst-Aktion der Malerin Konstanze Sailer wird zum Gedenken an die aus rassischen oder politischen Gründen verfolgten und ermordeten Menschen mit einer weiteren Ausstellung von Tuschen auf Papier in virtuellen Räumen eröffnet. Die Galerien befinden sich ausnahmslos in Straßen oder an Plätzen, die es nicht gibt, die es jedoch geben sollte: Solche mit Namen von Opfern der NS-Diktatur. Monat für Monat wird so das kollektive Gedächtnis erweitert. Monat für Monat werden damit Erinnerungslücken geschlossen.

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