Vor 70 Jahren: Wannseekonferenz beschließt ‘Endlösung’

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Das KZ Auschwitz und alle anderen waren direkte Folgen der Wannsee-Konferenz.
Das KZ Auschwitz und alle anderen waren direkte Folgen der Wannsee-Konferenz. - © Stanislaw Mucha
20. Jänner 1942, Wannseekonferenz, Berlin. Eine der folgenschwersten Besprechungen aller Zeiten findet statt – und wird in den nächsten vier Jahren Millionen Menschen das Leben kosten.

Vor genau 70 Jahren wurde der industrielle Massenmord an den europäischen Juden von einem relativ kleinen Kreis von Entscheidungsträger des 3. Reiches beschlossen. In einer Villa am Berliner Wannsee trafen sich am 20. Januar 1942 Staatssekretäre, hohe SS-Offiziere und Ministerialbeamte des Hitler-Regimes zur Wannseekonferenz, um den Genozid vorzubereiten. Das Treffen dauerte nur zwei Stunden; das Protokoll ist nur 15 Seiten dick – und doch war es eine der folgenschwersten Zusammenkünfte nicht nur in der neueren Geschichte.

Nazi-Elite bei der Wannseekonferenz

„Wir erleben gerade den Vollzug dieser Prophezeiung und es erfüllt sich am Judentum ein Schicksal, das zwar hart, aber mehr als verdient ist. Mitleid oder gar Bedauern ist da gänzlich unangebracht.“

Joseph Goebbels, 1939

Die Wannseekonferenz fand in einer verschwiegenen Villa statt, in der sich die Nazi-Führungsschicht auf die industrielle Durchführung der Vernichtung einigte. Zu den erhaltenen Dokumenten gehört der Auftrag Hermann Görings an Reinhard Heydrich, einen „Gesamtentwurf“ bezüglich Kosten, Organisation und Durchführung für die „Endlösung der Judenfrage“ auszuarbeiten. Er erging bereits am 31. Juli 1941, also fünf Wochen nach Beginn des Kriegs gegen die Sowjetunion am 22. Juni, der Millionen von Juden in die Reichweite des nationalsozialistischen Regimes brachte.

Nach dem Überfall auf Russland sind vermehrt Aussagen innerhalb der Führungsschicht nachzuweisen, die auf den geplanten Völkermord schließen lassen. Dies gilt als Hinweis darauf, dass die endgültigen Entscheidungen, die zum Holocaust führten, spätestens im Herbst 1941 gefallen sein müssen. Hitler selbst ließ bereits in einer Rede im Jahr 1939 seine diesbezüglichen Pläne durchklingen (“Sie haben mich immer als Propheten ausgelacht. Von denen, die damals lachten, lachen heute Unzählige nicht mehr, und die jetzt noch lachen, werden es vielleicht in einiger Zeit auch nicht mehr tun.”)  und bezog sich auch während des Krieges immer wieder auf seine Worte aus diesem Jahr. Seinen Hass auf Juden hatte Hitler schon seit den frühen 20er-Jahren immer wieder klar gemacht. Bei der Wannseekonferenz wurde aus Wahnsinn und Verfolgung mörderische, industriell-präzise Ausrottungsrealität.

Bereits am 12. Dezember 1941 versammelte Hitler die Reichs- und Gauleiter der NSDAP in seinen Privaträumen in der Reichskanzlei. Goebbels notierte darüber in seinem Tagebuch:

„Bezüglich der Judenfrage ist der Führer entschlossen, reinen Tisch zu machen. Der Weltkrieg ist da, die Vernichtung des Judentums muss die notwendige Folge sein.“

Von dem zweistündigen Treffen, der “Konferenz am Wannsee”, existiert lediglich ein 15-seitiges Protokoll von Adolf Eichmann, dem damaligen “Judendezernenten” in der Reichszentrale der Polizei. Eichmann war Protokollfuehrer.

Bei der Wannseekonferenz hielt Heydrich schließlich ein Referat über die Planungund Organisation des Massenmords an allen elf Millionen Juden durch ihre Deportation “nach dem Osten”. Zugleich bat er um “entsprechende Unterstützung” durch die auf der Konferenz vertretenen Ministerien.

Hitler selbst nahm an der Wannseekonferenz nicht teil.

Teilnehmer und Zuständigkeiten bei der Wannseekonferenz

Neben der Nazi-Elite Heydrich und Eichmann waren auch eine ganze Menge Bereichsleiter anwesend. Von Widerstand gegen den Plan ist nichts bekannt; das Protokoll ist kurz und knapp. Obwohl es noch kein vollkommen umsetzungsfähiger Gesamtplan für die „Endlösung“ist (der wurde erst auf verschiedenen Nachfolgekonferenzen erstellt), gilt das Protokoll der Wannseekonferenz als Schlüsseldokument für den Völkermord – eine Absichtserklärung von historisch bis dahin undenkbaren Ausmaßen.

Das Protokoll der Wannseekonferenz

Das Wannsee-Protokoll

In eiskalten Zahlen sind die Pläne des Nazi-Regimes im Protokoll nachzulesen. Elf Millionen war das Ziel. Sechs Millionen mussten sterben, bevor das Nazi-Regime gestoppt war.

Himmler: Der Bürokrat des Todes setzt den Plan um

Heinrich Himmler ist als jener Mann bekannt, der in bürokratischer Kleinarbeit die Logistik des Massenmordes organisierte. Er übernahm die Organisation nach dem Tod Heydrichs im Juni 1942. Die Idee für die industrielle Massenvernichtung hatte er sich wohl während des Russland-Feldzuges geholt, als er Massenerschießungen beigewohnt hatte. Die empfand er als ‘Belastung’ für seine SS.Truppen. Im Jahr 1941 hörte er aus seinem Stab die Idee, Konzentrationslager mit Gaskammern einzurichten. Er stimmte sofort zu und ließ auch weitere errichten. Die Vernichtungslager waren im Frühjahr 1942 bereit. Der systematische Mord an den europäischen Juden begann.  

Himmler war also der Organisator der Endlösung. Ganz wohl fühlte sich der kleinliche Bürokrat in dieser Rolle nie; er sah eine mathematische und logistische Herausforderung darin, möglichst effizient möglichst viele Menschen auszurotten. Der Auftrag sei das „Allerhärteste und Allerschwerste“ gewesen, „was es gibt“. Für ihn selbst sei dieser zur „schwersten Frage“ seines Lebens geworden. Himmler wollte die Massenvernichtung geheim halten, ein ‘Ruhmesblatt’ für die SS daraus machen, von dem niemals jemand erfahren sollte. Die Beteiligten sollten „das Geheimnis“ mit ins „Grab“ nehmen. Wie die meisten anderen hochrangigen Nazis floh auch Himmler vor der Strafe für seine Taten und beging mittels einer Zyankalikapsel Selbstmord. Bei der Wannseekonferenz war er nicht dabei gewesen – ihre Beschlüsse setzte Himmler jedoch in mörderischer Präzision durch.

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