Vogelgrippe in Ägypten

Während der Morgennebel den Blick auf die Pyramiden freigibt, holen die Frauen von Sakkara mit ihren kleinen Pumpen schmutziges Wasser aus dem Kanal, um damit Kleider und Geschirr zu waschen.

Vor ihren Häusern picken im Sand Enten, Gänse und Truthähne vor sich hin. Kleinkinder mit verfilzten Haaren und Plastikschlapfen spielen in dem Dorf am Rande der Wüste bei Kairo fröhlich Fangen, während sich die Vögel aufgeregt vor ihren Trippelschritten in Sicherheit bringen. Szenen wie diese sind es, die den Beamten in den Kairoer Ministerien die Haare zu Berge stehen lassen müssten. Denn das ägyptische Niltal, das auf der Route vieler Zugvögel liegt, ist außerhalb von Asien weltweit die am stärksten von der Vogelgrippe betroffene Region.

Bisher starben nach offiziellen Angaben elf von insgesamt 19 Ägyptern, bei denen das H5N1-Virus festgestellt worden war. Ägyptische Beobachter befürchten jedoch, dass die Dunkelziffer höher ist, weil einige Todesfälle vielleicht fälschlicherweise gar nicht mit der Vogelgrippe in Verbindung gebracht worden seien. Das könnte zum Teil auch an den Patienten selbst liegen. So soll das bisher letzte Vogelgrippe-Opfer, eine 27 Jahre alte Frau aus der Provinzstadt Beni Sueif, angeblich bei ihrer Ankunft im Krankenhaus zunächst verschwiegen haben, dass sie in ihrem Haus Geflügel gehalten hatte. Denn die Regierung hatte nach dem ersten Ausbruch der Vogelgrippe in Ägypten im vergangenen Jahr die mehr als vier Millionen Familien, die zu Hause Hühner, Enten, Gänse oder Truthähne beherbergen, aufgefordert, sich ihres Federviehs zu entledigen.

Doch nicht alle Ägypter, die ihre Vögel auf dem Hausdach, im Hinterhof oder sogar in einem Zimmer ihres Hauses hielten, folgten den staatlichen Vorgaben. Und viele von ihnen töteten zwar in der ersten Panik die Tiere, haben sich aber inzwischen neue zugelegt. „Ich habe vor einem Jahr alle Tiere geschlachtet, aber jetzt haben wir wieder drei Gänse“, berichtet die junge Hausfrau Nagwa aus Sakkara etwas verschämt. Ihre Nachbarin Hagga Salma, die an diesem sonnigen Jännermorgen mit Nagwa vor der kleinen staatlichen Bäckerei des Dorfes ansteht, um subventioniertes Brot zu kaufen, hat mittlerweile sogar wieder Dutzende von Hühnern. „Ich habe im Fernsehen von der Vogelgrippe gehört“, sagt sie, „aber weil in Ägypten die Sonne so stark scheint, werden die Mikroben doch schneller abgetötet als anderswo, nicht wahr?“

Im Gesundheitsministerium in Kairo tagen unterdessen die Verantwortlichen. Sie einigen sich auf eine neue Informations-Kampagne zur Vogelgrippe und hoffen auf weitere Hilfszusagen aus dem Ausland.

Denn die Vogelgrippe ist in Ägypten zwar bei weitem nicht so verbreitet wie Indonesien, wo bereits 62 Menschen an der Krankheit gestorben sind. Doch Ende 2006 waren in Ägypten ein 16-jähriges Mädchen und sein 26 Jahre alter Onkel gestorben, bei denen das bisher zur Behandlung verwendete Grippemittel Tamiflu (Wirkstoff Oseltamivir) nicht richtig angeschlagen hatte. Seither macht man sich am Nil wieder verstärkt Sorgen.

Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) war dieselbe Mutation des H5N1-Virus bereits 2005 in Vietnam entdeckt worden und führt nur zu einer moderaten Resistenz des Erregers gegen das Medikament. Auch das Ansteckungsrisiko für Menschen erhöhe sich dadurch nicht. Doch die Angst bleibt. „Es ist kein neuer Erregerstamm, und Tamiflu auch war nicht ganz wirkungslos“, erklärt der Sprecher des ägyptischen Gesundheitsministeriums, Abdul Rahman Schahin. Dennoch will das Ministerium jetzt nicht nur über die Medien, sondern auch durch direkten Kontakt zu den Frauen in den Dörfern, dafür sorgen, dass diese künftig zumindest grundlegende Vorsichtsmaßnahmen einhalten und ihre Kinder nicht mehr zwischen dem Federvieh herumlaufen lassen.

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