Verprügelte Wienerin stach ihren Freund nieder: Freispruch vor Gericht

Die Wienerin wurde freigesprochen
Die Wienerin wurde freigesprochen - © APA (Sujet)
Eine junge Wienerin, die von ihrem Freund immer wieder verprügelt wurde und ihm ein Brotmesser unter die rechte Achsel stach, als er einmal mehr auf sie losging, stand am Freitag in Wien vor Gericht.

Die Angeklagte wurde freigesprochen. Ein Schöffensenat billigte der 28-Jährigen am Freitag im Landesgericht für Strafsachen zu, in Notwehr gehandelt zu haben. Ihr Ex-Partner wurde wegen fortgesetzter Gewaltausübung verurteilt.

 “Ich wollte nicht geschlagen werden”

“Ich hab’ einfach nicht gewusst, wie ich mir helfen soll. Ich wollte keine Schmerzen mehr. Ich wollte nicht geschlagen werden”, hatte die 28-Jährige beim Prozessauftakt Ende Jänner erklärt. Die Anklage legte ihr absichtliche schwere Körperverletzung zur Last. Ursprünglich war gegen die Frau sogar wegen versuchten Mordes ermittelt worden. Vier Monate saß sie in U-Haft, ehe ihr Verteidiger Christian Werner sie aus dem Gefängnis boxte.

Das Paar hatte sich 2011 im Urlaub in Kärnten kennengelernt. Nur wenige Wochen, nachdem sie zusammen kamen, wurde die Frau schwanger. Schon während der Schwangerschaft traten Beziehungsprobleme auf. Nach der Geburt des Sohnes soll der 30-Jährige immer wieder gewalttätig geworden sein und seine Freundin an den Haaren gerissen, gewürgt, geschlagen und getreten haben. “Er hat sie über Jahre hinweg massiv misshandelt. Es war öfters notwendig, dass sie im Spital behandelt wurde”, berichtete ihr Verteidiger.

On-Off-Beziehung aus Wunsch nach “normalem Familienleben”

Zwei Mal trennte sich die Frau von ihrem Partner für mehrere Monate, versöhnte sich aber wieder und kehrte zu ihm zurück. “Es war der nahezu krankhafte Drang von ihr, ein normales Familienleben führen zu wollen”, sagte dazu ihr Rechtsvertreter. Außerdem habe die Frau befürchtet, im Fall einer Trennung das Sorgerecht für das gemeinsame Kind zu verlieren. Der Vater ihres Lebensgefährten ist in hoher Position in der Wiener Stadtpolitik tätig, der 28-Jährigen soll zu verstehen gegeben worden sein, dass er entsprechenden Einfluss habe und allfällige Probleme seines Sohnes “richten” könne.

Am Abend des 18. April 2016 kam es erneut zu Handgreiflichkeiten. Die Frau zog sich ins Gästezimmer zurück, der 30-Jährige folgte ihr laut Anklage, soll sie beschimpft, ihr in den Rücken geboxt und sie – als sie in die Küche flüchtete – verfolgt und neuerlich die Hand gegen sie gehoben haben. Da nahm die 28-Jährige ein Brotmesser aus einem Messerblock und versetzte ihm einen Stich unter die rechte Achsel. “Ich habe gewusst, es wird nicht aufhören, er wird auf mich hinprügeln die ganze Nacht”, rechtfertigte sie sich vor Gericht.

28-Jährige stach Lebensgefährten nieder: Lebensgefahr

Wie die beigezogene Gerichtsmedizinerin Elisabeth Friedrich am Freitag darlegte, hatte der 30-Jährige nachweislich den rechten Arm erhoben, als ihm die Klinge unter die Achsel drang. “Ob es ein zielgerichteter Stich war, kann aus medizinischer Sicht nicht geklärt werden”, sagte die Sachverständige. Mit der Verletzung war Lebensgefahr verbunden, so Friedrich: “Sie hat die fast komplette Durchtrennung einer Arterie bewirkt.” Dank rascher ärztlicher Hilfe – die 28-Jährige hatte unmittelbar nach dem Angriff die Rettung verständigt – konnte die Blutung rechtzeitig gestoppt werden.

“Es sprechen sehr viele Dinge für die Verantwortung der Angeklagten”, stellte am Ende der vorsitzende Richter Philipp Schnabel fest. Eine am Freitag als Zeugin vernommene Polizistin, welche die 28-Jährige nach der Festnahme befragt hatte, hatte zuvor zu Protokoll gegeben, deren Rücken sei “mit blauen Flecken, alten und neuen” übersät gewesen. Sie habe “einen riesengroßen, hässlichen färbigen Fleck” wahrgenommen, sagte die Beamtin unter Wahrheitspflicht.

Wienerin jahrelang verprügelt – keine Notwehrüberschreitung

Der Schöffensenat nahm daher im Zweifel zugunsten der Angeklagten die von dieser geltend gemachte Notwehr an. Die Frau habe nachweislich “jahrelange Verletzungen erleiden müssen” und am Ende “das zur Verfügung stehende Mittel gewählt, das den Angriff verlässlich abwehrt”, so der Richter. Insofern liege keine Notwehrüberschreitung vor. Der Freispruch für die 28-Jährige ist bereits rechtskräftig. Der Staatsanwalt war damit einverstanden.

Demgegenüber bekam ihr bisher ebenfalls unbescholtener Ex-Freund wegen fortgesetzter Gewaltausübung zehn Monate auf Bewährung aufgebrummt. Überdies muss er seiner ehemaligen Lebensgefährtin eine finanzielle Wiedergutmachung in Höhe von 500 Euro bezahlen. Richter Schnabel verwies in der Urteilsbegründung auf “zahlreiche Beweisergebnisse, die eine langjährige massive Gewaltausübung belegen. Wir haben Nachbarn, wir haben viele Leute, die immer wieder etwas gesehen haben, und wir haben einen Hausarzt mit einer erschreckenden Dokumentation von Verletzungen”. Die Beweislage sei folglich “erdrückend”, sagte Schnabel: “Da geht’s um Verletzungen, die einer gewissen kriminellen Energie entspringen.”

30-Jähriger leugnete Gewalt zunächst

Der 30-Jährige hatte zu Verhandlungsbeginn die ihm vorgeworfenen Gewalttätigkeiten geleugnet. Diese Verantwortung änderte er am Freitag. Nunmehr war er geständig, “zwei bis drei Mal im Jahr” handgreiflich geworden zu sein: “Ich bin einsichtig. Ich mach jetzt eine Anti-Gewalttherapie.” Deren Ziel sei es, “nichtgewalttätige Lösungen zu finden”.

Ob er die Verurteilung akzeptiert, wollte sich der Mann noch durch den Kopf gehen lassen. Er erbat Bedenkzeit.

(apa/red)

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