Urban Survivor – Fahrradfahren in Wien

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Urban Survivor – Fahrradfahren in Wien
Fahrradfahren in Wien ist eines der letzten Abenteuer für Städter. Nur Abenteuer sind nicht zwangsläufig eine gute Sache. Frei, flott und fair auf dem Fahrrad durch Wien? Eine Utopie!!! Hier der Versuch einer Annäherung:

Mindestens 25 Kilometer – jeden Tag – in Wien – mit dem Fahrrad – seit ca. vier Wochen. Ich lebe noch. Dank der Tatsache,  dass ich nur komplett nüchtern aufs Fahrrad steige, am liebsten bei Tageslicht, generell eher eine „Schwitzerin“ bin, also sehr umsichtig fahre und jeden zweiten Tag (immerhin) meinen schnittigen Fahrradhelm anlege. Ich gestehe, das An- oder Nichtanlegen überlasse ich dem Zufall und meiner jeweiligen Frisur. Hoher Rossschwanz: Helm nein. Offenes Haar: Helm ja.  Dieses Verhalten finde ich auch selber blöd, das ändert aber leider nichts. Ob eine eventuelle Helmpflicht (aktuell gilt die Helmpflicht nur  für Kinder bis zum vollendeten zwölften Lebensjahr) was ändern würde an meinem Verhalten? Kann ich auch nicht sagen. Also ich lebe jedenfalls noch und erfreue mich bester Gesundheit.

Abgase in den Straßen Wiens

Das mit der besten Gesundheit ist nur eine Annahme – denn wie sich die ganzen Abgase auf mich beim Fahrradfahren auswirken? Keine Ahnung. Vor allem fremdländische Busse und weiße (es sind fast ausschließlich weiße) Kleintransporter blasen den ärgsten Dreck raus. Warum die das machen ist mir ein Rätsel, warum das nicht noch strenger kontrolliert und verboten wird auch! Und was denken sich die, die in diesen Autos sitzen? Nichts? Oder: „Ja, hinter mir das Abgas und die Fahrradfahrer!“  Dass sie selbst mit uns allen am Ende des Tages die ganze Sch**** einatmen – das haben die noch nicht so behirnt.

Da ist, so das Ergebnis meiner vierwöchigen Fahrrad-Feldstudie,  noch nicht ganz die Message durchgedrungen. Die Message wäre: Fahrradfahren generell eher gut. Abgase generell eher böse. Denn:

Fahrradfahrer produzieren (in den meisten Fällen) keine Gase.  Und hier meine Theorie: Das alleine müsste doch garantieren, dass jedem Fahrradfahrer und ganz besonders jeder Fahrradfahrerin (z.B. mir) in Wien wann auch immer, auf welcher Fahrt auch immer ein Lob-Hup-Konzert jede Fahrt von A nach B begleitet. Weil Fahrradfahrer eben unsere Umwelt schonen. Das ist doch toll, unterstützenswert und schützenswert.

Feindobjekt Fahradfahrer

Die Realität ist anders und abenteuerlich. Ich (Radfahrerin) schlage benetzt mit Angstschweiß ein Kreuz, wenn ich unfallfrei angekommen bin. Ich bin in vier Wochen geschnitten,  abgedrängt und fast angefahren worden. Und meine Seele hat  nach jeder neuen Fahrt eine weitere, tiefe Fahrradfahrerwunde: Denn ich wurde in meinem ganzen Leben insgesamt noch nie so oft beschimpft,  wie in den letzten 28 Tagen als Intensiv-Radfahrerin. Man ist ein Feindobjekt! Dabei ist es, so hat es den Anschein, egal ob man sich eh regelkonform benimmt. Offensichtlich löst man als Mensch mit Fahrrad auf einer Wiener Straße „etwas Schlimmes“ um nicht zu sagen „das Schlimmste“ aus!

Das spiegelt sich in den Beschimpfungen der letzten vier Wochen wieder. Die Hitliste der Schimpfwörter wird angeführt von: „Oaschloch“, geht über „F.t“ bis zu  „…lampe“ und auch ein intensives „G…issene“ war zu hören. Ganze ausformulierte Sätze sind seltener, aber ein „san Sie blind?“, „du, Ampel!“ oder „…wüst ane aufs Aug“,  hab ich trotz Fahrtwind aufgeschnappt.  Das galt nicht immer mir, sondern auch (vor allem) anderen Fahrradfahrern. Aber mit(fahrrad)gefahren, mitgehangen. Es herrscht der volle Hass. Gegen Fahrradfahrer! Das macht mich fassungslos. Ich für mich will ja zum Beispiel nur schadstoffarm von A nach B kommen, habe einen Führerschein, will aber etwas Gutes für mich und meine Umwelt tun und wenn es geht dabei auch noch Geld sparen und auch die Gesetzte der StVO (Straßenverkehrsordnung) einhalten. Stattdessen fährt man in den Krieg.

Die Fahrradfahrer-Taktik:

 Jeder gegen jeden und alle gegen Fahrradfahrer.  Das macht keinen Spaß – aber es macht hart. Daher will ich auch gar nicht vom Fahrradfahren in der Stadt abraten.  Ich rate aber zu einer Fahrradfahrer-Taktik um seelischen Grausamkeiten eher aus dem (Fahrrad)Weg zu gehen. Die kann sein:

  • ich fahre ab jetzt noch extrem defensiver (dann kann ich das Rad gleich schieben?)
  • ich reagiere auf nichts (wer kann das?)
  • ich diskutiere nicht (na, geh!)
  • ich informiere mich vorher auf http://www.anachb.at/radroutenplaner genauestens über meine Fahrradroute und wähle ausschließlich Fahrradwege für meine Routen (naja, das wird eine challenge) 
  • UND ich lese die österreichische Straßenverkehrsordnung (StVO) und lerne zBsp: alles über meine Rechte und Pflichten als RadfahrerIn.

 Hier ein paar Highlights aus der StVO:

 – „Vertrauensgrundsatz“: der da lautet: ich muss auch als Radfahrer selber! einschätzen wer schützenswert ist und  danach mein Fahrverhalten überall anpassen – dazu gehören auch schützenswerte Fußgänger auf dem Fahrradweg. Bremsloses Fahren macht absolut keinen Sinn! So oder so …

– Radfahranlagen müssen benützt werden, außer bei Trainingsfahrten von Rennrädern (Kennzeichen eines Rennrades ist ein dazugehöriger als solches erkennbarer Rennfahrer : ) im Ernst!)

–  es gilt max. 0,8 Promille für Fahrradfahrer. Ab 0,8 Promille drohen Strafen von € 800 bis € 3.700, bei Alkotestverweigerung bis zu € 5.900)

– auf Gehsteigen ist das Radfahren in Längsrichtung verboten (das Queren ist erlaubt)

–  ist ein Gehsteig mehr als 2,5 m breit, dürfen Fahrräder auf dem Gehsteig abgestellt werden

– bis zu € 726 Strafe für die falsche Richtung am Radweg oder verbotenes (nicht extra als möglich ausgewiesenes) Fahren gegen die Einbahn etc. …

– freihändiges Fahren ist nicht erlaubt: € 14

– bei Rot über die Kreuzung fahren:  € 36

 – max. 10 km/h beim Queren einer ungeregelten Kreuzung!

 

  • bei unverschuldeten Attacken zeige ich die Zunge (was ich besonders allen über 18jährigen rate – denn wenn ein Erwachsener einem anderen Erwachsenen die Zunge zeigt ist praktisch jede Reaktion möglich – von Angst bis Zugriff).  Das mit der Zunge mache ich allerdings nur, wenn ich mit einem besonders schönen Mantel und einer schönen Tasche auf dem Fahrrad sitze!  Bin ich nämlich eher mit legerer, älterer Fahrradjacke unterwegs, noch dazu mit Helm und flachen Patschen,  wird man leicht als „Calimero“ oder „Öko-Funzn“ abqualifiziert.

Und das kann mir echt die Lust aufs Fahrradfahren in Wien verderben….

and now to something completely different:  das wohl schrägste Lied zum Thema Fahrradfahren :  

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