“Traiskirchen”: “Gut gemeintes” Wiener Festwochen-Musical über Flüchtlingslager

Bei der Fotoprobe von "Traiskirchen. Das Musical" im Volkstheater in Wien
Bei der Fotoprobe von "Traiskirchen. Das Musical" im Volkstheater in Wien - © APA
Eine für 1.800 Personen gedachte Unterkunft, die aus allen Nähten platzt: Das Theaterprojekt Die Schweigende Mehrheit hat sich den Ereignissen des Sommers 2015 angenommen und sie in ein Musical gepackt, das am Freitagabend bei den Wiener Festwochen uraufgeführt wurde.

“Woher kommen wir, wohin gehen wir?”, fragen die Sicherheitskräfte im Flüchtlingslager Traiskirchen. Es geht der Reihe nach, ganz schnell, schließlich ist bei diesem Ansturm keine Zeit für lange Diskussionen.

“Menschenunwürdige” Zustände in Traiskirchen

Die eigentlich für rund 1.800 Personen gedachte Unterkunft – offiziell als “Bundesbetreuungsstelle Ost” firmierend – platzte vor gut zwei Jahren aus allen Nähten. Immer lauter wurde die Kritik, bis schließlich NGOs in das Lager gelassen wurden und vernichtende Urteile fällten. “Menschenunwürdig” seien die Zustände, es fehle vielfach an dem Nötigsten. Kann man diese Tragödie, die sich eigentlich aus vielen Einzelschicksalen zusammensetzt, in ein Singspiel packen?

Der Versuch wurde Freitagabend im Volkstheater jedenfalls unternommen. Tina Leisch und Bernhard Dechant, die Kreativköpfe hinter Die Schweigende Mehrheit, haben dafür ein mehr als 30-köpfiges Ensemble zusammengestellt, das aus 19 verschiedenen Herkunftsländern stammt. Die Hälfte kennt das Lager aus eigener Erfahrung, vom Rest sei ein Großteil als Helfer oder Begleiter vor Ort gewesen. Herausgekommen ist so ein Sammelsurium einzelner Sequenzen, die mal humoristisch, dann mit ernstem Unterton in die Thematik einführen.

“Traiskirchen”-Musical: Durchwachsene Aufführung im Volkstheater

Da sind etwa die vier Mitarbeiter der Sicherheitsfirma ORS, von denen einer im breiten Dialekt am Telefon mit seinem “Schatzi” über die Zustände parliert – eher wie nebenbei, als sei alles doch nur ein Witz. Oder jene Asylsuchende, die endlich ungestört von den Blicken der Männer duschen will. Auch die Helfenden, die Kritiker, die lauten Schreier kommen zu Wort, werden oft überzeichnet in das karge Bühnenbild direkt nebeneinandergesetzt oder in dichter Abfolge aufeinander losgelassen.

Manchmal geht dieses Vorhaben auf, wie bei einer Abfertigungsorgie im Lager (“Was brauchen Sie? Was willst du?”), die immer stärker Züge eines Monty-Python-Sketches annimmt. Oder bei einer gar an Poe gemahnenden Gerichtsverhandlung nach der Pause, die kurzzeitig düstere Töne anklingen lässt. Allerdings sind diese Momente so schnell wieder vorbei, wie sie gekommen sind. Schon wird im nächsten Schwenk über Stöckelschuhe gesungen, tuckert ein Schlepper im wackeligen Holzauto daher oder wird ein “Garten der Begegnung” gepflanzt.

Eine Revue, die rasch wieder verblasst

Musikalisch zusammengehalten wird der bunte Reigen nur vereinzelt, sind die Kompositionen (die Lieder stammen u.a. von Bauchklang, Texta oder Eva Jantschitsch alias Gustav) doch eher Stückwerk – eine Revue, die zwar solide musiziert wird, aber sofort nach Verklingen wieder verblasst. Und ähnlich geht es mit den Fragestellungen, die durchaus in die richtige Richtung zielen: Was ist Heimat? Wie positionieren wir uns selbst? Wem helfen wir wirklich, wenn wir uns kurzzeitig engagieren?

Leisch und Dechant, die mit ihrem Kollektiv für “Schutzbefohlene performen Jelineks Schutzbefohlene” mehrfach prämiert wurden, haben mit “Traiskirchen. Das Musical” sicherlich etwas gewagt: Sie haben aus Erfahrungen, Interviews vor Ort und Medienberichten ein Stück montiert, das uns den Spiegel vorhält. Und die Spielfreude und der Einsatz der großteils professionellen Darsteller sind ansteckend. Trotzdem bleiben viele Ansätze nur an der Oberfläche, wird hier das doppelbödige Spiel mit Stereotypen und Klischees zu wenig gebrochen. Am Ende gab es dennoch langen und lautstarken Jubel für ein Werk, das gut gemeint war, aber leider auf halber Strecke hängen blieb.

Die Schweigende Mehrheit: “Traiskirchen. Das Musical”, Uraufführung im Rahmen der Wiener Festwochen im Volkstheater, Arthur-Schnitzler-Platz 1, 1070 Wien. Konzept, Text und Regie: Die Schweigende Mehrheit (Tina Leisch und Bernhard Dechant), Bühne und Kostüme: Gudrun Lenk-Wane, Musikalische Leitung: Imre Bozoki Lichtenberger, Musik: Lukas Lauermann, Jelena Poprzan, Mahan Mirarab, Mona Matbou Riahi, Jörg Mikula, Sakina Teyna, mit Songs von Bauchklang, Texta, Eva Jantschitsch, Imre Bozoki Lichtenberger, Leonardo Croatto, Sakina, Richard Schubert u.a., Choreografie: Birgit Unger und Tim Nouzak. Mit: Bagher Ahmadi, Yasser Alnazar, Stefan Bergmann, Julia Bernhard, Hanna Binder, Alireza Daryanavard, Bernhard Dechant, Ardee Dionisio, Daniyal Gigasari, Gat Goodovich, Laila Hajoulah, Farzad Ibrahimi, Negin Keivanfar, Jihad al-Khatib, Amin Khawary, Jasmeet Lamba, Zaher Mahmoud, Johnny Mhanna, Haidar Ali Mohammadi, Khalid Moubaid, Hisham Morscher, Mazen Muna, Nyima Ngum, Dariush Ongaie, Jantus Philaretou, Eva Prosek, Sophie Resch, Basima Saad Abed Wade, Shureen Shab-Par, Futurelove Sibanda, Pal Singh Chopra, Hicran Taptik, Moussa Thiaw. Weitere Termine am 15. und 17. Juni im Volkstheater, 21. Juni im Stadttheater Wiener Neustadt, 2. Juli bei den Festspielen Stockerau.

>> Die Wiener Festwochen finden vom 12. Mai bis 18. Juni 2017 statt. Weitere Infos zum Programm gibt es hier.

(apa/red)

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