“Tote Seelen” und lebendige Körper auf den Wiener Festwochen

Szene aus der Fotoprobe von "Die Stunde da wir nichts voneinander wußten"
Szene aus der Fotoprobe von "Die Stunde da wir nichts voneinander wußten" - © APA
Ein Festwochen-Gastspiel aus Moskau, das seit Mittwoch, den 21. Mai im Wiener Volkstheater zu sehen ist, entführt einen in eine fremde Welt: In Kirill Serebrennikows Inszenierung hausen Gogols “Tote Seelen” in einer aus Pressspanplatten gebauten Wohnhöhle. Zahllose irrlichternde Existenzen werden dabei von zehn Schauspielern in einer zweieinhalbstündigen Tour de Force mit großer Intensität verkörpert.

Es geht um das Evozieren von Stimmungen, um raschen Wechsel von Situationen und Figuren, um Brüche und Verwandlungen. Schon zu Beginn bekommt man vorgeführt, was man alles mit ein paar Autoreifen anstellen kann. Das ist viel, und vieles davon schwankt zwischen grotesk und absurd. Damit hat der Abend, der im Jänner 2014 im Gogol-Zentrum Moskau Premiere hatte und nun erstmals im deutschsprachigen Raum zu sehen ist, gleich einmal seine Betriebstemperatur erreicht, die er bis zum Schluss halten wird. Das ist ganz schön anstrengend, zumal die deutschen Untertitel hoch über dem Bühnenportal eingeblendet werden.

Wiener Festwochen mit toten Seelen und lebendigen Körpern

Das Ensemble ist toll. Die Männer wechseln ansatzlos zwischen alten Mütterchen und alerten Geschäftsmännern, verkommenen Säufern und brutalen Bauern, bestechlichen Beamten und verschlagenen Betrügern, kleinen Gaunern und großen Tieren. Auch eine bissige Hundemeute wird ziemlich lebensnahe dargestellt. Das Gute im Menschen macht an diesem pausenlosen Abend Pause, das Böse und Fiese hat dagegen Hochsaison. Jeder belauert den anderen und wartet auf den richtigen Moment zum Losschlagen.

Wer legt den Marktwert eines gestorbenen Menschen fest?

Verhandelt wird eine Ware, die höchst seltsam anmutet, aber im russischen Zarenreich tatsächlich zur Disposition stand: Die Zahl der leibeigenen Bauern entschied über Größe, Ansehen und Wirtschaftskraft eines Gutsbesitzers, aber auch über zu leistende Steuern und Abgaben. Der kleine Betrüger Pawel Iwanowitsch Tschitschikow entschließt sich in Gogols Roman, gestorbene Leibeigene, die bis zur nächsten Revision jedoch noch in den Listen geführt werden, aufzukaufen, um mit den “toten Seelen” Profit zu schlagen. Doch wer legt den Marktwert eines gestorbenen Menschen fest?

Erinnerung an Virtuosität wird bald verblassen

Geradezu stupend, wie sehr dieser Handel mit einem Gut, das nicht mehr Mensch und doch keine Sache ist, an heutige, völlig undurchschaubar gewordene Marktmechanismen erinnert. Kapitalismus-Kritik ist jedoch Serebrennikows Sache nicht. Schade, eigentlich. So wird die Erinnerung an die von Musik und Gesang begleitete Virtuosität dieser “Toten Seelen” wohl relativ bald verblassen.

(APA/Red.)

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