Theater in der Josefstadt: Alter Glanz mit neuer Technik

Wenige Tage vor der Wiedereröffnung des generalsanierten Theaters in der Josefstadt am kommenden Samstag haben die Bauarbeiter im Haus die Hauptrollen übernommen.

Da kann kommen wer will, auch die Hausherren müssen Platz machen und werden schon mal energisch zur Seite gedrängt, wenn volle Farbkübel oder Leitern im Eiltempo durch das Haus geschleppt werden. So auch der kaufmännische Direktor des Hauses, Alexander Götz und Rolf Langenfass, technischer Gesamtleiter. Während der Baustellenbesichtigung mit der APA kommen immer wieder Mitarbeiter zu dem 44-jährigen Direktor: „Bitte hier nur kurz unterschreiben, für die Vollmacht zur Fertigstellung von…“ Götz bleibt gelassen. Er ist sichtlich zufrieden.

Auch Langenfass ist die Ruhe in Person, das Schlimmste ist für ihn überstanden. Allein sein Handy will er nicht wirklich aus den Augen lassen. Unübersehbar stolz blickt Götz zu Beginn des Rundgangs in den Hinterhof des Gebäudes und zeigt auf die in Renovierung begriffene Fassade aus dem Jahr 1822, das „historisches Rückgrat“ des Hauses. Doch der Ausblick bietet auch noch etwas anderes: Hier entsteht die Probebühne, die im Februar fertig sein soll, ab Herbst 2008 wird sie bis zu 99 Besuchern Platz bieten, für jährlich maximal drei Produktionen, die „die moderne Linie“ verfolgen, wie Götz erläutert. Noch verhüllt ist eine große Glasfront, die dem Besucher einen fließenden Übergang zwischen „Tradition und Moderne“ ermöglichen soll.

Der Bau der Probebühne auf dem Dach der Sträußelsäle, die sich Direktor Herbert Föttinger bereits bei Amtsantritt gewünscht hatte, wird von Fondsmanager und Coburg-Eigentümer Peter Pühringer mit 4 Mio. Euro unterstützt. 18,3 Millionen Euro kostet die Generalsanierung des 1822 erbauten Theaters, und bei genauer Betrachtung der Details wird auch klar, wo all das Geld hingeflossen ist.

Im Foyer riecht es nach frischer Farbe, die Decke erstrahlt in blassem Gelb, das sich von den weißen Stuckaturen abhebt. Durch die renovierten Holztüren, an deren Griffen “50 Jahre lang Besucher hängen geblieben sind“, wurden detailgetreu renoviert. Was den Besucher dann empfängt, ist aufwendige Maßarbeit. Der rote Originalstoff der Tapeten wurde extra nachgewebt und auf die Wände gespannt. Was man dabei nicht sieht, ist die Brandschutzimprägnierung.

Zehn Prozent des Budgets hat man für Unvorhergesehens miteingeplant, wie Götz erzählt. Und davon gab es genug. Im dritten Rang beispielsweise: Als man hier den Boden weggerissen hat, kamen Dinge zum Vorschein, die „die Brandschutzbehörde nicht gerne gesehen hätte“, lacht der kaufmännische Direktor. Der Raum zwischen Unterboden und Boden war ganz einfach mit Holzspänen gefüllt. „Früher hat man halt nichts weggeworfen, sondern es einfach wiederverwendet…“

Doch nicht nur das Alte ist neu, auch bisher nicht Dagewesenes ist mit freiem Auge sichtbar. So verfügt der Balkon über ein „Rundum-Lautsprechersystem“, darunter hat man eine eigene Beamerkabine gebaut: „Vorher waren die Beamer an den Seiten angebracht und man musste die Bilder umständlich entzerren“, so Langenfass zur APA. Mit der neuen Errungenschaft sei der Raum auch für diverse Veranstaltungen zugänglicher.

Doch all das sind Neuerungen, die der Zuschauer nicht bewusst wahrnehmen wird. Der wird sich über ganz andere Dinge freuen: So wurde der Zuschauerraum um zwei Reihen reduziert, zwischen den Sitzreihen wurde vier bis fünf Zentimeter Platz gewonnen, Beinfreiheit garantiert. Auch werde man in den hinteren Reihen nicht mehr „die Ohrwascheln“ des Vordermanns sehen müssen. Der Zuschauerraum weist nun eine deutliche Schräglage auf. Die Vorbühne wurde verkleinert, „wegen der Sichtlinien“, so Langenfass. Dadurch kann man nun auch vom Balkon alles sehen. Dinge wahrnehmen, „die man am Theater nicht sehen soll“, werden künftig Theaterbesucher, die in der neuen – mobilen – Zuschauerreihe direkt vor der Bühne sitzen werden. Ein Blick hinter die Kulissen, sozusagen.

“Größer wird das Haus nicht mehr”

„Durch den Platzgewinn steigt die Qualität bei gleichem Umsatzpotenzial“, erklärt Götz. Die Brüstung und die Decke werden erst nächstes Jahr renoviert. Lediglich der große Luster ist – wie auch seine zahlreichen kleinen Geschwister – generalüberholt worden. „Ich kenne keinen parallelen Fall, wo ein Theater binnen vier Monaten generalsaniert wurde, ohne ein Jahr lang zuzusperren und in eine andere Spielstätte auszuweichen.“

Was die Zuschauer wohl am meisten schätzen werden, ist die neu eingebaute Klimaanlage. Die Luft bahnt sich fortan ihren Weg durch den durchlässigen, roten Velours-Boden im Zuschauerraum: „Luftpolster mit kalter Luft, die geräuschlos durch den Teppich steigt “, so Götz. Zehn Tonnen wiegt die Klimaanlage, im Haus wurden 87 Kilometer an Kabeln verlegt. Auch die aus den 30er Jahren stammenden Leitungen wurden erneuert.

Durchschnittlich 300 Menschen arbeiten derzeit im Theater in der Josefstadt täglich an der Sanierung, derzeit im Mehrschichtenbetrieb, die große Putzaktion steht noch bevor. Was auch erklärt, warum die beiden Männer es auch auf die leichte Schulter nehmen, wenn sie in der Hitze des Gefechts mal beinahe von einer Stehleiter erschlagen werden oder an den Händen graue Farbe klebt, weil man den Zettel mit der Aufschrift „frisch gestrichen“ übersehen hat. Nicht zu überhören ist während des Rundgangs der lautstarke Probelauf für die neue Evakuierungsanlage, Notruf und Durchruf werden mit Hilfe von Musik getestet. „Sinn der Sache ist, dass man sie nicht abstellen kann“, sagt Langenfass mit schmerzverzerrtem Gesicht. Irgendjemand hat hier einen schlechten Musikgeschmack.

Während sich Alexander Götz sichtlich über die von Karin Pühringer gestalteten, luxuriösen Garderoben freut, an deren Schminktischen die alten Beleuchtungen prangen, spricht Rolf Langenfass lieber über seine neuen computerbetriebenen Lastenzüge im neuen Schnürboden. „Bis zuletzt waren alle Züge Handzüge, die nur 70 kg Höchstgewicht getragen haben und an denen am anderen Ende die Menschen baumelten. Wenn man eine Wand mit einer Türe hochziehen wollte, musste man vier Züge zusammenbinden“, jetzt können pro Zug ca. 350 kg gehoben werden, in variabler Geschwindigkeit. Aber Angst um ihren Arbeitsplatz bräuchten die Mitarbeiter nicht zu haben. Sie wurden ein- und umgeschult, zur Bedingung der 27 neuen Züge braucht es lediglich eine Tastatur. Knapp eine Million Euro hat diese Anlage, deren „Herz“ sich in einem kleinen, kahlen Raum befindet, gekostet.

Die leidige Frage nach der Einhaltung des Budgets beantwortet Götz diplomatisch: „Zeitlich sind wir in den Kosten“, heißt es. Was die Neuerung jedoch an Arbeit einspart, wurde an anderer Stelle wieder sichtbar. So muss jede übernommene Produktion aus den Vorjahren völlig neu ausgeleuchtet werden.

An der Planung des Umbaus waren alle Abteilungen beteiligt, die in einem Brainstorming ihre Wünsche geäußert haben. Auf die Frage, welche davon nicht umgesetzt werden konnten, fällt den beiden im ersten Moment nichts ein. „Klar hätte ich gerne eine Seiten- und Hinterbühne“, lacht Langenfass schließlich und klopft an die Bühnenrückwand, „aber da wohnt schon wer“. Denn auch der schönste Umbau stößt auf Grenzen: „Größer wird das Haus nicht“.

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