“The Hateful Eight” im Gartenbau: Tarantino mit Roadshow-Fassung in Wien

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Quentin Tarantino treibt seine Liebe für das analoge Kino einen Schritt weiter voran: In 100 nordamerikanischen und vereinzelten europäischen Kinos zeigt der Kultregisseur seinen neuen Western “The Hateful 8” im “glorreichen” 70mm-Format. 

Auch in Österreich rüstet ein Kino für das cineastische Erlebnis auf: das Wiener Gartenbaukino. Am Donnerstag, den 17. Dezember startet der Vorverkauf.

“The Hateful Eight” startet im Kino

Am ersten Weihnachtstag debütiert “The Hateful 8” in den USA mit 70mm-Screenings, ehe erst eine Woche später 35mm- und digitale Kopien zum Einsatz kommen. Ab 28. Jänner steht der Film dann in Wiens größtem Einsaalkino in der sehr speziellen Version auf dem Programm. Es ist die erste 70mm-Projektion seit über 20 Jahren in der Hauptstadt, sagt Gartenbaukino-Geschäftsführer Norman Shetler im APA-Gespräch. Und sie ist so gestaltet, wie es schon bei Monumentalepen wie “Spartacus” oder “Ben Hur” in den 50er- und 60er-Jahren üblich war: als “Roadshow” mit einer “Ouvertüre” bzw. Einlassmusik, einer Pause und zusätzlichen Szenen.

Neben Filmemachern wie Christopher Nolan und Paul Thomas Anderson zählt Tarantino zu den vehementesten Verfechtern des Zelluloidfilms. Mit seinem zweiten Western in Folge nach “Django Unchained” (2012) stellt er den größten Kinostart eines 70mm-Films seit 1992 auf die Beine – und geht noch einen Schritt weiter: “The Hateful 8” soll der erst elfte Film sein, der in “Ultra Panavision 70” gedreht wurde – dem “breitesten Format überhaupt”, wie Hauptdarsteller Samuel L. Jackson in einem launigen Video zum Filmstart erklärt.

Roadshow-Fassung kommt nach Wien

Für Shetler ist die Umsetzung im Gartenbaukino “auch eine Rückführung zu dem, wofür dieses Kino gebaut wurde und gedacht war”. Das Format, das doppelt so breit ist wie der ehemalige Analogfilm-Standard 35mm, hielt erstmals mit der Eröffnung des Einsaalkinos am Ring Einzug in Österreich und wurde bis in die 80er regelmäßig genutzt, zuletzt etwa bei James Camerons “Abyss – Abgrund des Todes” (1989). Der Paradigmenwechsel folgte vier Jahre später mit “Jurassic Park”, dem ersten mit DTS Ton produzierten Film, der die fünf für 70mm-Magnetton verwendeten Frontlautsprecher verdrängen und den digitalen Kino-Sound etablieren sollte. Mit der rasant voranschreitenden Digitalisierung in den vergangenen fünf Jahren landeten schließlich weltweit unzählige mechanische Projektoren auf dem Müll.

Nur die Hälfte der 100 nun involvierten US-Kinos verfügt noch über die passenden Projektoren. Zwischen kolportierten 60.000 und 80.000 US-Dollar dürfte es laut “New York Times” kosten, einen digitalisierten Kinosaal auf eine 70mm-Projektion umzurüsten. Das Gartenbaukino hat hier einen Vorteil, weil der originale Projektor noch vorhanden ist und die mechanische 70mm-Filmbahn mit entsprechend größerem Bildfenster und Kufen “irgendwo verstaubt herumlag, aber noch tadellos funktioniert”, so Shetler. Weitere Komponenten wurden hervorgekramt oder auf Ebay zusammengetragen – etwa der stärkere Motor für jenen Teller, auf dem die 120 Kilo schwere Filmrolle “bis an den Rand” ragen wird. Heute folgt mit dem Einbau zweier zusätzlicher Frontkanäle der letzte große Schritt zur Aufrüstung, ehe die ohnehin breite Leinwand maximal an den Rand erweitert und der Abstand zu Decke und Boden angepasst wird.

Film in 70mm im Gartenbau

Seit Jahren arbeitet Shetler sukzessive an der Reinstallation von 70mm, “dann kam Tarantino” und lieferte den perfekten Anlass, das Projekt fertigzustellen. “Es gibt nichts Vergleichbares”, so Shetler über seine Motivation. “4K ist super, aber eine 70mm-Projektion hat etwas unglaublich Lebendiges und Haptisches, es ist ein sinnliches Erlebnis. Und es ist erstaunlich scharf, das Schwarz ist Schwarz.” Die Liebe zur analogen Projektion mag etwas Emotionales und Subjektives sein, “im Fall von 70mm ist sie aber objektiv tatsächlich besser, imposanter und größer”. Testmaterial habe gezeigt, dass Tarantino das Ultra-Breitbildformat “sehr smart einsetzt”: “Es geht nicht unbedingt um tolle Schneewüstenlandschaften, sondern darum, was in einer Szene passiert: Man fokussiert sich auf links, während hinten rechts noch etwas anderes vor sich geht.”

Die 70mm-Fassung, die das Gartenbaukino ab Ende Jänner zweimal täglich im Originalton und in weiterer Folge auch in der synchronisierten Fassung und mit deutschen Untertiteln zeigen will, ist sechs Minuten länger als die reguläre, digitale Version. Den zusätzlichen, von Ennio Morricone vertonten Zwischenakt habe Tarantino nicht zuletzt mit dem Hintergedanken hinzugefügt, “damit die Leute wieder ins Kino gehen, um Filme zu sehen”, sagt Shetler. Er hofft, dass mit Tarantinos Einsatz wieder “ein Bewusstsein für analogen Film entsteht”. Und das soll auch über “The Hateful 8” hinaus in Wien erhalten bleiben: Einmal pro Saison will Shetler künftig im Rahmen der Klassikerreihe “Schinken” eine 70mm-Vorführung ansetzen; im September ist eine Stanley-Kubrick-Retrospektive geplant. “Ich erachte es als wesentlichen Teil unseres Auftrags, das lebendig zu halten.”

>> Hier geht es zur Seite des Gartenbaukinos

(APA)

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