Syrischer Schriftsteller im Pariser Exil: “In der arabischen Kultur kennen wir keine Demokratie”

Der syrisch-stämmige Literat Ali Ahmad Said Esber.
Der syrisch-stämmige Literat Ali Ahmad Said Esber. - © AP
Ali Ahmad Said Esber, ein syrischer Schriftsteller der seit 1986 in Paris lebt, lässt kein gutes Haar an der arabischen Welt und zeigt gleichzeitig Verständnis für die Probleme der muslimischen Einwanderer in Frankreich und Europa.

Europa erwacht langsam aus der Schockstarre nach den verheerenden Terroranschlägen von Paris auf. In eine solche verfiel auch Ali Ahmad Said Esber, als seine Wahlheimat vergangenen Freitag durch mehrere, zeitgleiche Attacken islamistischer Extremisten erschüttert wurde, bei denen 126 Unschuldige und sechs Terroristen getötet wurden.

Ali Ahmad Said Esber, auch unter seinem Künstlernamen Adonis bekannt, wurde 1930 in Syrien geboren, von wo er 1956 ins Exil in den Libanon flüchtete. Seit 1986 lebt der Schriftsteller in Paris. Seit Langem gilt er als einer der führenden Intellektuellen aus dem bürgerkriegsgeschüttelten Syrien – und er ist einer der schärfsten Kritiker der arabischen Welt.

Ali Ahmad Said: “Wir sind nach wie vor im Mittelalter”

“Es gibt keinen Unterschied zwischen den arabischen Regimen, sie sind allesamt tyrannisch”, macht der nunmehr 85-jährige Literat in einem Interview mit der spanischen Tageszeitung El País kein Hehl aus seiner Meinung. “Keines der arabischen Regime ist demokratisch, in unserer Kultur kennen wir die Demokratie nicht. Es gibt keine Menschenrechte und die Frauen sind eingesperrt im Gesetz des Korans, der Scharia.”

Auch wenn Said die Hoffnung nicht aufgeben möchte – “wir dürfen nicht verzweifeln, die Hoffnung ist Teil der Persönlichkeit aller Völker”, sagt er – so manifestiert sich in seinen Worten ein tiefer Pessimismus gegenüber seiner Kultur. Den arabischen Frühling sieht er heute als verpasste Chance. “Wir haben keine Probleme gelöst. Es kann keine arabische Revolution ohne einer radikalen Trennung zwischen der Religion und der Kultur, der Gesellschaft und der Politik geben. Wir sind nach wie vor im Mittelalter.”

“Riesige Mauer” zwischen Immigranten und Frankreich

Die Anschläge in Paris kamen für Said letztendlich nicht überraschend, räumt er ein: “Die Befufung des Daesh (arabische Abkürzung für den Islamischen Staat) und des Terrorismus’ besteht darin, sich international zu positionieren, Stärke zu demonstrieren und zu zeigen, dass man da ist.” Für der Poeten seien die Angriffe auf seine französische Wahlheimat “schrecklich” gewesen, zudem unterstreicht er, die Täter seien “keine Syrer, sondern Söldner” gewesen.

Als zentralen Faktor der Radikalisierung junger Europäer muslimischen Glaubens sieht auch Said deren Probleme in ihrer neuen Heimat, die er am Beispiel Frankreich erklärt: “Die französische Republik vermittelt das Gefühl, dass sie mit ihnen nichts zu tun hat und die Einwanderer sehen das dann genauso. Da existiert eine riesige Mauer.”

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