Österreichs Hockey: Per Spagat zur Weltspitze

Nationalcoach Frank Hänel: "Erstmal die Masse kriegen"
Nationalcoach Frank Hänel: "Erstmal die Masse kriegen" - © vienna.at
Auf dem langen Weg in Richtung Weltspitze steht Österreichs Hockey vor einem schwierigen Spagat. Einerseits sollen die in der traditionsreichen Sportart herrschenden familiären Verhältnisse beibehalten und gefördert werden, andererseits soll Hockey eine professionellere Basis erhalten.

Olympische Spiele 2012 als großes Ziel
“Wir haben uns in den letzten zehn Jahren enorm entwickelt”, sagt Walter Kapounek, der Präsident des österreichischen Hockey-Verbandes (ÖHV). Die jüngsten Erfolge (EM Bronze der Herren 2008, U21-EM Gold 2007) bestätigen den Aufwärtstrend. Das große Ziel ist die Teilnahme an den olympischen Spielen in London 2012. Kapounek, Arminen-Legende und lange Jahre Österreichs Rekordnationalspieler, hofft auf Unterstützung aus der Politik: “Vor uns liegt ein harter und weiter Weg. Wir haben ein Konzept für 2012, das wir mit Sportminister Darabos besprochen haben. Wir müssen ein wesentlich professionelleres Umfeld schaffen, mit Trainern, Co-Trainern, und so weiter. Das ist finanziell nur möglich, wenn die Politik mitspielt.”

“Müssen es schaffen, dass die Spieler Geld verdienen können”
Während die Top-Nationen wie Spanien, die Niederlande oder Deutschland 25 Freundschaftsspiele im Jahr absolvieren, kommt Österreichs Nationalteam auf ganze fünf. Um näher an die internationale Spitze heranzurücken, müssten aus familiären Strukturen professionelle werden. “Derzeit sind unsere Spieler Schüler oder Studenten. Die landen irgendwann in hochbezahlten Berufen. Wir müssen es schaffen, dass die Spieler weitermachen, auch mit Hockey Geld verdienen können. Vielleicht mit Hilfe der Sporthilfe”, skizziert Kapounek seinen Plan.

Der Plan hat allerdings einen Haken: Die österreichische Sporthilfe fördert derzeit nur Einzelsportler. “Es gibt 50 Nationen, die mit Mannschaften an Sommerspielen teilnehmen - Österreich ist nirgends dabei. Das heißt, wir fördern den Mannschaftssport nicht so wie in anderen Ländern. Hockey würde sich vom Umfeld und den Möglichkeiten her dafür eignen”, sagt Kapounek.

Um das familiäre Umfeld aufzubrechen, engagierte der Verband im Sommer 2007 als Nationalcoach mit dem 49-jährigen Deutschen Frank Hänel einen Mann aus dem Land des Olympiasiegers. Der Pragmatiker aus Hamburg soll den rotweißroten Hockey-Traum realisieren. Hänel kümmert London 2012 – derzeit noch – wenig. “Unser Hauptziel ist die Europameisterschaft Ende August in Amsterdam. Dort wollen wir im A-Pool bleiben. Unter den besten acht Nationen in Europa zu bleiben, muss für jeden Österreicher eine Herausforderung sein.”

“Erstmal die Masse kriegen”
Längerfristig brauche das heimische Hockey eine breitere Basis, meint Hänel: “Wir müssen erstmal die Masse kriegen.” Dazu müsse das Spiel mit dem Schläger schon in den Schulen als ernstzunehmende Alternative zu Fußball, Basketball und dergleichen positioniert werden. Dadurch sollen mehr Kinder zu den Vereinen kommen. “Schon mit sechs Jahren kann man beginnen. Das beste Lernalter ist zwischen acht und elf Jahren, da tut sich was.”

Ausgeprägter Gemeinschaftsgeist
Hänel meint damit nicht nur Koordination und Kraft. Die Sportart diene auch der sozialen Entwicklung: “Als kleines Kind hast Du beim Hockeyspiel ein Gerät in der Hand, mit dem Du andere verletzen könntest. Die Kinder lernen ganz schnell, aufeinander Rücksicht zu nehmen. Es geht zwar hart zur Sache und es gibt Fouls - aber letztendlich sind wir eine Familie und wir nehmen in dem Sport mit dem schweren Gerät Rücksicht aufeinander”, erläutert der Teamchef den ausgeprägten Gemeinschaftsgeist im Hockey.

Die große Hockeyfamilie
Wenn Hänel vom Vereinsleben bei seinem Hamburger Stammklub UHC erzählt, gerät er fast ins Schwärmen: “Dort gibt es zwölf Freizeitmannschaften, hauptsächlich spielen Eltern. Nachher trinkt man gemütlich ein Bierchen - das schweißt zusammen.” Es sei wichtig, sich um alle im Verein zu kümmern, gleichermaßen um die Leistungssportler wie um die Breitensportler. “Man steht zueinander – das zeichnet die Hockeyfamilie aus.”

Die kleine Hockeyfamilie
In Österreich ist diese Familie freilich viel kleiner als in Deutschland. Während im Nachbarland 80.000 Menschen den Schläger schwingen, sind es hierzulande gerade mal 3.000. Das macht auch das Haushalten schwierig, bedauert ÖHV-Präsident Kapounek: “Wirkliche Sponsoren in dem Sinn haben wir ganz wenige. Wir haben Gönner und Mäzene, die Geld zur Verfügung stellen, weil sie dem Hockey verbunden sind. Es läuft sehr viel auf Vereinsebene: da gibt es Leute, die in wirtschaftlich guten Positionen sitzen und bereit sind, Geld zu investieren. Einen Investor wie Stronach gibt es hier natürlich nicht.”

Die dritte Halbzeit
Die Abwesenheit des wirklich großen Geldes muss nicht immer ein Nachteil für den Sport sein. Statt professionell unterkühlter Marketer werken in Österreichs Hockey Menschen mit starker Bindung zu ihrem Metier. “Wir legen großen Wert auf die dritte Halbzeit”, merkt der ehemalige Rekordnationalspieler Kapounek an, der selbst noch aktiv Seniorenhockey spielt. Für die rotweißrote Hockeyfamilie wäre die Reise nach London 2012 ein Meilenstein – und eine Zeitwende.

Martin Ucik

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