Sonderschulen: Wien setzt auf gemeinsamen Unterricht

Wien setzt auf gemeinsamen Unterricht.
Wien setzt auf gemeinsamen Unterricht. - © APA/Roland Schlager
In Wien gibt es nur noch zwei “echte” Sonderschulen, alle anderen sind bereits unter einem gemeinsamen Dach mit einer anderen Bildungseinrichtung.

Bis 2020 sollen Sonderschulen in Österreich zur Ausnahme werden. In Wien wird derzeit schrittweise auf ein inklusives System umgestellt, in dem Schüler mit und ohne körperliche und geistige Einschränkungen gemeinsam unterrichtet werden. In den vergangenen Jahren wurden bereits die Inklusionsklassen ausgebaut, nun sollen die bisherigen Sonderschulen für Schüler ohne Behinderung geöffnet werden.

Bereits geschehen ist eine solche Öffnung an der Lernwerkstatt in der Steinbrechergasse in Wien-Donaustadt, erzählt der Wiener Landesschulinspektor für Inklusion, Rupert Corazza, im Gespräch mit der APA. Aus der früheren Sonderschule mit damals 60 Kindern sei nunmehr eine, so Corazza, “ganz normale” Neue Mittelschule mit 200 Schülern und vielen Integrationskindern geworden. Die Sonderschullehrer mit ihren speziellen Fähigkeiten seien erhalten geblieben, für schwierige Kinder stünden zwei Timeout-Gruppen für intensive Betreuung zur Verfügung.

Spezielle Förderung bleibt erhalten

Insgesamt seien in Wien bis auf zwei alle 40 “Zentren für Inklusion und Sonderpädagogik” vulgo Sonderschulen bereits unter einem gemeinsamen Dach mit einer anderen Schule. Nun sollen diese “in eine intensivere Kooperation” treten und damit die bisher separate Sonderschule mit der Regelschule zusammenwachsen. Unterricht in Kleingruppen, Kleinklassen und spezielle gesetzliche Regelungen soll es für jene Kinder, die phasenweise oder dauerhaft spezielle Förderung brauchen, dort auch weiterhin geben. Genau solche flexibel nutzbaren Räume für die Kleingruppenförderung neben dem normalen Klassenunterricht ist für Corazza auch die Voraussetzung für eine “inklusive Zukunft”.

Eine massive Änderung der bisherigen Praxis bedeutet die geplante Umstellung nur in der Sekundarstufe. In den Volksschulen sind in Wien laut Corazza bereits mehr als 99 Prozent der Kinder in Integrationsklassen untergebracht. In Zahlen: Nur 200 der rund 65.000 Volksschüler werden wegen schwerer kognitiver Einschränkungen separat unterrichtet. “Diese wenigen Kinder, die aus irgendwelchen Gründen die Großgruppe nicht aushalten, wird es aber immer geben.”

Mit Beginn der Sekundarstufe finde dann eine Entmischung statt, wenn auch hier versucht werde, jedes Kind so lange wie möglich “integrativ in der Klasse aufzufangen”, so Corazza. Für die Zukunft sei allerdings noch fraglich, ob Kinder mit Schwerstbehinderungen auch in einem Unterricht mit Fächersystem und vielen unterschiedlichen Lehrern inklusiv beschult werden können. Hier werde man genau überlegen müssen, ob man stattdessen etwa parallele Klassen mit Begegnungszonen anbiete.

2.000 Lehrer im Bereich der Sonderpädagogik

Insgesamt bekommen in Wien mittlerweile etwas weniger Kinder als früher einen sonderpädagogischen Förderbedarf (SPF) attestiert. Damit entspricht man laut Corazza den gesetzlichen Vorgaben, wonach der SPF ausschließlich für psychisch oder physisch behinderte Kinder vorgesehen ist. Nachdem Behinderung eine dauerhafte Beeinträchtigung sei, werde am Anfang der Schullaufbahn festgestellt, welches Kind einen SPF benötigt und ob es am besten in einer Integrationsklasse, Vorschulklasse, Kleingruppe oder Sonderschulklasse gefördert werden kann.

“Das ist keine Einsparung”, betont er und verweist auf eine konstante Zahl an Sonderschullehrern, Förderlehrern, Beratungslehrern und Psychagogen in den vergangenen 15 Jahren. “Derzeit sind 2.000 Lehrer im Bereich Sonderpädagogik und Förderarbeit tätig und das wird auch in Zukunft so sein.” Vom Bund sind die Lehrerdienstposten für Schüler mit SPF bei 2,7 Prozent der Schülerpopulation gedeckelt. Diese Ressourcen vom Bund sind laut Corazza allerdings nicht abhängig davon, wie viele Kinder tatsächlich einen besonderen Förderbedarf haben.

Beispielsweise gebe es für Kinder mit sozio-emotionalen Störungen in Wien schon seit Jahren keinen SPF mehr, trotzdem würden diese weiter phasenweise in separaten Kleingruppen gefördert. “Wer mit zwölf beschließt, dass er keine Lust mehr auf Schule hat, ist nicht behindert und der SPF ist daher auch nicht die richtige Antwort auf Leistungsversagen”, verteidigt Corazza die Vorgehensweise. Er verstehe, dass Lehrer nach einer Antwort suchen, wenn ein Kind die Leistung nicht bringt. “Bloß ist die Antwort nicht immer sonderpädagogisch, das kann auch durch Förderung durch Beratungslehrer, Psychagogen, Förderlehrer in der normalen Schule kompensiert werden.”

(APA, Red.)

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