“Sommernomaden”: Weltenbummler-Stories von Marianne Jungmaier

Der Erzählband der Oberösterreicherin führt in die Ferne
Der Erzählband der Oberösterreicherin führt in die Ferne - © Kremayr & Scheriau / http://www.mariannejungmaier.at - Diego Glikman, Roma 2016
In ihrem 2015 erschienenen Romandebüt “Das Tortenprotokoll” hatte die 1985 geborene Linzerin Marianne Jungmaier eine junge Frau in ihr Heimatdorf zurückkehren lassen. Nun schickt sie ihre Erzählerin in mehreren Stories wieder hinaus in die große, weite Welt. “Sommernomaden” ist unser Buch-Tipp der Woche.

Zehn Stories schildern einen Trip zwischen Welterfahrung und Selbsterfahrung, zwischen Venedig, Island, Brasilien, Nevada und Kerala. Das große Gefühl der Freiheit wird dabei immer wieder neu auf einzelne Begegnungen heruntergebrochen.

“Sommernomaden”: Aussteiger unter sich

Auch wer den Anker gelichtet hat und sich um die Welt treiben lässt, sucht immer wieder aufs Neue nach einem ruhigen Hafen, wo das Abenteuer Pause macht. Dabei entsteht der Eindruck einer globalen Community an Aussteigern, die es sich eingerichtet haben in ihren Nischen, in denen Businesspläne und Erfolgsquoten keine Rolle spielen, sondern Entspannung angesagt ist. Love, peace und ease. We are all one.

Miro, der aus Kroatien stammende “Certified Love Transmitter”, steht exemplarisch für diese nomadischen Existenzen, die sich mal auf Tage, mal auf Monate zusammentun, sich und einander eine schöne Zeit machen und dann wieder weiterziehen. “In Indien öffnet man sich automatisch, wie die Poren dem Schweiß. Dort gibt es keinen Grund, eine vergangene Version seines Selbst zu bleiben.” Wobei es freilich letztlich immer Blasen bleiben, die mit den Lebensumständen vor Ort nur peripher zu tun haben, ob es sich nun um einen Esoterik-Ausflug in Brasilien, ein Dauer-Rave in der Wüste Kaliforniens oder eine Autoren-Residenz in einem noblen schottischen Schloss handelt.

Ideale Ferienlektüre: Die Stories von Marianne Jungmaier

Jungmaier bietet die ideale Ferienlektüre. Es geht ihr mehr um ein Freiheitsgefühl, das die Nachgeborenen an den vielbesungenen Sommer von anno 69 erinnern mag, als um Culture-Clash-Erfahrungen oder um Konfrontation dieses Luxus der Selbstbestimmtheit mit der Realität des Überlebenskampfes vor Ort. Man kann sich darauf einlassen, ohne ständig auf der Hut sein zu müssen, dass hinter der nächsten Ecke die böse Überraschung wartet.

Das Schicksal schlägt ohnedies ohne Vorwarnung zu. Wie in der letzten Geschichte, einem “indischen Schwanengesang”. Wenn der Lenker des Scooters blockiert, dann ändert sich der Sound innerhalb einer Sekunde. Statt über “die schwere Feuchte des Waldes, den beißenden Rauch der Feuer und die faulige Süße von Verwesendem in Büschen” muss man dann plötzlich über die Ausstattung indischer Provinzspitäler schreiben, mit einer “Röntgenmaschine in der Größe eines Kleinwagens”. Das mögliche böse Erwachen soll allerdings niemanden am Träumen hindern. Schon gar nicht die “Sommernomaden”.

Marianne Jungmaier: “Sommernomaden”, Kremayr & Scheriau, 192 S., 19,90 Euro

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(apa/red)

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