Smartphones in der Hand, Wut im Bauch: “NOISE” auf den Wiener-Festwochen

Akt.:
Sebastian Nübling und das "junge theater basel" versuchten das Lebensgefühl der Jugend von heute widerzuspiegeln
Sebastian Nübling und das "junge theater basel" versuchten das Lebensgefühl der Jugend von heute widerzuspiegeln - © Wiener Festwochen
Viel “NOISE” gab es tatsächlich, am Mittwoch Abend, den 17. juni, im “F23 Zusammenbau”, der als Festwochen-Spielort genutzten ehemaligen Sargfabrik in Wien-Liesing. Zwischen Rave und Jugend-Workshop oszillierte die zweistündige Stehparty in der bis auf ein paar in der Mitte hängenden Lautsprecherboxen leeren Halle, die Regisseur Sebastian Nübling mit acht Jugendlichen des “jungen theater basel” veranstaltete.

Smartphones in der Hand und Wut im Bauch – sieht so die Lebenswelt der Jugendlichen von heute aus? Sie wollen Action, und sie machen Action, diese jungen Leute, die vor Energie sprühen, im Bühnenaufbau und beim Euro-Paletten-Schleppen gemeinsame Sache machen und in den zahllosen, live auf weiße Stoffbahnen projizierten Close-Up-Video-Statements oder am selbst aufgebauten Laufsteg die Gratwanderung zwischen Individualität und Gruppengefühl versuchen.

Wiener-Festwochen: Smartphones in der Hand und Wut im Bauch

“The kids are united / they will never be divided”, skandieren sie. Von allem gibt’s ein bisschen: Verweigerung und Protest, Antikapitalismus und Antirassismus, gesellschaftliche Repressivität und digitaler Rückzug, Nonkonformismus und Suche nach dem Selbst. Neu kommt einem gar nichts dabei vor.

“Vorurteile – nein danke!”

Viel “NOISE” um nichts, also? Nicht ganz. So wenig der frei in der Halle umherspazierende und gelegentlich von durch den Raum sausenden Schauspielern aus dem Weg geschubste Festwochen-Besucher vom Inhalt überrascht wird, so sehr muss der jungen Truppe Anerkennung gezollt werden. Ihre Energie wirkt ansteckend, der Druck, den sie aufbaut, nicht gekünstelt. Rasch wechseln die Szenen, mit größter Rotzigkeit werden intime Geständnisse formuliert und ins Publikum geschleudert. Vorurteile – nein danke! Schubladendenken – nein danke! Anpassung – nein danke!

Keine Antworten, aber immerhin Freibier

Am Ende gibt’s keine Antworten, aber immerhin Freibier (und Mineralwasser), viel Geschrei und Stroboskop-Lichtblitze. Nur Oldies, Nostalgiker und Zyniker kämen auf die Idee, einen Vergleich mit 1976 anzustellen: Damals mündete nach den Festwochen die Forderung nach Freiräumen in die Besetzung des “Arena”-Areals im Auslandsschlachthof St. Marx, heute realisiert man auf dem stillgelegten Industrieareal in Liesing im Rahmen des Programms eine internationale Koproduktion. In jedem Fall gilt: Die Sargfabrik soll leben!

(APA/Red.)

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