Senkrechtstart mit Bauchlandung: “Figaro” im Theater an der Wien

Zwiespältiges im Theater an der Wien
Zwiespältiges im Theater an der Wien - © APA/HERWIG PRAMMER
Selten versemmelt ein Regisseur eine anfangs gute Inszenierung im Laufe eines Stücks so wie Felix Breisach seinen “Figaro” im Theater an der Wien.

Findet er für Mozarts Intrigenspiel in den ersten beiden Akten stimmige, kreative Bilder, verebbt das Geschehen in Akt 3 und 4 zur Erstarrung. Am Ende standen bei der Premiere am Samstag für ihn leider verdiente Buhs.

 “Le nozze di Figaro” im Theater an der Wien

Breisach verlegt das amouröse Bäumchen-wechsel-dich-Stück zwischen Dienern und Herrschaften in eine Psychiatrie mit transsexuellem Cherubino (von einer bravourös zwischen den Geschlechterrollen wandelnden Ingeborg Gillebo berückend interpretiert), einer zwangsgestörten Marcellina oder einer drogenabhängigen Barbarina. Graf Almaviva als Anstaltsleiter hält die Insassen zu Psychodrama im therapeutischen Sinne an, weshalb in dem sich über zwei Ebenen erstreckenden Sanatorium eine bewegliche Glasbox als weitere Spielfläche steht. Auf den drei Bühnenebenen geht so viel vor sich, dass man als Zuschauer mit dem Betrachten dieses parallel ablaufenden Stationentheaters beinahe nicht hinterherkommt.

Breisach inszeniert “Le nozze di Figaro” hier als echtes MusikTHEATER. Die Rezitative sind dem Sprechtheater näher als der Oper, was etwa an Alex Esposito als charmesprühendem Figaro deutlich wird, der eher zum Sprechgesang denn zur Arie tendiert. Der Text steht insgesamt stets im Vordergrund und wird nicht als Lautquelle für den Gesang genutzt, sondern tatsächlich interpretiert, was mit einem schauspielerisch herausragenden Sängerensemble beeindruckend stimmig gelingt, gerade wenn die Zeilen des Librettos bisweilen gegen den Strich gedeutet werden.

“Figaro” bricht zur Pause hin zusammen

Anett Fritsch sticht mit ihrem weichen, vibratoreichen Sopran als Gräfin Almaviva dabei stimmlich ebenso heraus wie Stephane Degout, der seinen scharfen Bariton als Graf mit leichtfüßiger Tragweite einsetzt. Als brave Diener präsentierten sich hierbei die Musiciens du Louvre unter Marc Minkowski, die als Originalklangensemble naturgemäß weniger strahlen und eine dunkle Grundierung bildeten, über der die Sänger arbeiten konnten, auch wenn es nicht gerade vor Verve aus dem Orchestergraben sprühte.

Das turbulente, vielgestaltige therapeutische Spiel in der Psychiatrie bricht allerdings zur Pause hin zusammen, die Beziehungen zwischen Anstaltsleiter (Graf) und den von ihm manipulierten Patienten wenden sich – und hier wird Breisach Opfer seiner eigenen Idee. Das Konzept, den Grafen im zerstörten Sanatorium von seinen emanzipierten Opfern in die Knie zwingen zu lassen, trägt nicht über zwei Akte. Hier wird bald nicht einmal mehr Steh-, sondern nur mehr Sitztheater geboten. Der “Figaro”, den Breisach im Vorjahr für die konzertante Da-Ponte-Trilogie mit Nikolaus Harnoncourt im Theater an der Wien einrichtete, war da noch dynamischer. Ein tragischer Absturz – letztlich nicht wie beabsichtigt der Figuren, sondern des Regiekonzeptes.

“Le nozze di Figaro” von Wolfgang Amadeus Mozart

  • Wo: Theater an der Wien –  Linke Wienzeile 6, 1060 Wien
  • Wer; Dirigent Marc Minkowski am Pult der Musiciens du Louvre Grenoble. Regie: Felix Breisach, Bühne: Jens Kilian, Kostüme: Doris Maria Aigner. Mit Anett Fritsch – Contessa di Almaviva, Stephane Degout – Conte di Almaviva, Emöke Barath – Susanna, Alex Esposito – Figaro, Ingeborg Gillebo – Cherubino, Helene Schneiderman – Marcellina, Peter Kalman – Bartolo, Sunnyboy Dladla – Don Curzio/Basilio, Gan-ya Ben-gur Akselrod – Barbarina, Zoltan Nagy – Antonio.
  • Weitere Aufführungen am 13., 15., 18., 20. und 22. April
  • Karten: 01/58885

(APA)

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