Seemannsgarn-Roman: Amanshausers “Der Fisch in der Streichholzschachtel”

Im Seemannsgarn verheddert: "Der Fisch in der Streichholzschachtel"
Im Seemannsgarn verheddert: "Der Fisch in der Streichholzschachtel" - © Hanser / BilderBox.com (Sujet) / www.corn.at / Deuticke
Kreuzfahrt gefällig? Für all jene, die gerade Lektüre für eine solche suchen, eine planen oder wissen wollen, warum sie nie eine machen werden, ist der neue Roman von Martin Amanshauser über einen  aus dem Ruder laufenden Karibiktrip ideal. “Der Fisch in der Streichholzschachtel” ist unser Buch-Tipp der Woche.

Martin Amanshausers hat seinen Roman rund um Protagonist “Flipper” auf dem Luxusliner “Atlantis” angesiedelt.

Unglücklich am Kreuzfahrtschiff: “Flipper”

“Flipper” wurde Fred Dreher in seiner Jugend genannt, als er es kurzfristig auf Rang 320 der Jugend-Weltrangliste im Lagen-Schwimmen schaffte – eine der wenigen außergewöhnlichen Leistungen seines Lebens. Heute ist der End-Dreißiger genervter Familienvater und auf seinen fettleibigen Sohn und seine magersüchtige Tochter weit weniger stolz als er sein müsste. Er liegt mit seiner Frau Tamara in Dauerstreit und ist auf der Karibikkreuzfahrt im Dauerstress, da wichtige Mails ausstehen, die über Fortbestand oder Scheitern seiner Ein-Mann-Alarmanlagenfirma entscheiden. Wie “Der Fisch in der Streichholzschachtel” fühlt sich der groß gewachsene Mann in seiner Kabine, und schon nach wenigen Buchseiten ist klar, dass Fred ein Fremdkörper unter den 1.200 ganz auf Futtern und Faulenzen eingestellten Kreuzfahrtpassagieren bleiben wird.

Zweiter Schauplatz: Piratenschiff

Geograf und Chronist auf dem Zweimaster “Fin del Mundo” ist dagegen der Seefahrer Salvino d’Armato degli Armati, den Amanshauser nach 20 Buchseiten als zweite Erzählstimme einführt. Er ist Mitglied einer bunt zusammengewürfelten Piratenmannschaft, die im Jahr 1730 auf der Suche nach leichter Beute durch die Karibik schippert. Doch schon einige Mal wurden Kaperfahrten vom zaudernden Kapitän Störtebeker in letzter Sekunde wieder abgebrochen, sodass sich Unmut und Unfrieden breitmachen. Meuterei liegt in der Luft.

Beide Schiffe geraten in einen mächtigen Sturm, der sie beinahe zum Kentern bringt. Am Ende der Horrornacht sind beide manövrierunfähig, aber in Sichtweite von einander. Der Orkan scheint ein Loch in die Zeit gerissen zu haben. 285 Jahre scheinen im Flug überbrückt worden zu sein. Zwei einander sehr fremde Welten nehmen in der Folge vorsichtig miteinander Kontakt auf und wissen nicht, was sie vom Gegenüber zu halten haben.

“Clash of Civilzations” in Roman von Martin Amanshauser

In diesem “Clash of Civilzations” hält man einander für raffinierte Live-Rollenspieler, die auch in einer Ausnahmesituation noch starrsinnig einen auf Piraten machen, bzw. für Bewohner der besten aller möglichen Welten, die über technische Wunderdinge gebieten, deren Herstellung und Nutzen die Vorstellungswelt von Menschen des 18. Jahrhunderts weit übersteigt.

Martin Amanshauser (Jahrgang 1968), als Autor mit Büchern wie “Erdnussbutter” (1998), “Chicken Christl” (2004) oder “Alles klappt nie” (2005) hervorgetreten und als Journalist weit gereist, hat mit “Der Fisch in der Streichholzschachtel” einen vergnüglichen Urlaubs- und Unterhaltungsroman geschrieben, in dem Elemente des Abenteuer- wie des Science-Fiction-Romans eingewoben sind. Die Grundidee des Buches ist jedoch origineller als seine Ausführung. Denn statt rasch Fahrt aufzunehmen, regiert erzählerische Behäbigkeit.

Seemannsgarn: “Der Fisch in der Streichholzschachtel”

Mit übergroßer Detailfreude werden die komplexen Beziehungsverhältnisse auf den beiden so unterschiedlichen Schiffen geschildert, der Sturm ist dramatischer Höhepunkt, doch danach gerät man zunehmend in die Flaute. Endlos wird das gegenseitige Bestaunen von Piraten und Kreuzfahrern durchgespielt. Amanshauser verheddert sich dabei zunehmend im von ihm gesponnenen Seemannsgarn. Das Befingern und Ausprobieren von iPhones, MP3-Playern und Laptops liest sich in der x-ten Wiederholung mehr wie eine Gebrauchsanweisung denn als originelle Zivilisationskritik.

Anders gesagt: Der Rotstift hätte dem Roman sehr gut getan, 200 Seiten weniger hätten vermutlich auch gereicht. Doch schließlich hat auch so eine Kreuzfahrt ihre Längen. Für so einen Fall ist man mit “Der Fisch in der Streichholzschachtel” jedenfalls gerüstet.

Martin Amanshauser: “Der Fisch in der Streichholzschachtel”, Deuticke Verlag, 576 S.
Lesung bei den O-Tönen im Wiener Museumsquartier am 20. August, 20.30 Uhr

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(apa/red)

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