Schwabs “Faust” als pralles Spiel der Sinne in Graz

Werner Schwabs “Faust:Mein Brustkorb:Mein Helm” hat am Freitag im Grazer Schauspielhaus seine österreichische Erstaufführung erlebt – 25 Jahre nach der Entstehung. So lange hat es gebraucht, bis Schwabs erdnah-körperliche Faust-Version auf die Bühne in der Heimatstadt des Dichters fand. Hier formte man daraus mit hervorragenden Darstellern eine sprachliche scharfe, sinnlich-gewaltige Show.

Die Bühne (Patricia Talacko) besteht aus einer Art Zirkusmanege, begrenzt von Leuchtstäben, auf einer Seite eine kleine Zuschauertribüne. In der Mitte steht ein Wohnwagen, der sich als Fausts Studierzimmer entpuppt. Hier vegetiert Faust im eigenen Dreck, kugelt im Feinripp-Unterhemd am Boden herum und säuft sich in höhere Sphären. Das alles wird per Video auf die Außenwand übertragen, wo die übrigen Darsteller gebannt zuschauen. Die rhythmische Sprache wird zum Metronom gesprochen, übertrieben und doch so klar, dass die Eigenart von Schwabs Wortschöpfungen präzise herausgearbeitet wird.

Das Stück folgt im Aufbau ziemlich genau Goethes “Faust”, auch wenn dort der sinnsuchende Gelehrte nicht dauernd mit seinen eigenen Fäkalien spielt. Auch sprachlich beschäftigt sich Schwab viel mit der Verwesung, dem Zerfall, der Auflösung des menschlichen Körpers, aber das findet auf ganz anderer Ebene statt, weil es umrankt, kontrahiert und begleitet von schönen Bildern und scharfsinnigen Vergleichen wird. Optisch ist die Wühlerei im Dreck eher eindimensional umgesetzt.

Faust ist insgesamt zwar sehr wortgewaltig – er läuft aber irgendwie ins Leere, sucht und findet nur wieder sich selbst. Florian Köhler zeigt mit sprachlicher Präzision und ungebremstem Körpereinsatz den Menschen Faust, den alten, den jungen, den verzweifelten. Er lehnt im Trenchcoat an der Bar oder trägt einen brennenden Mantel – Hommage an Schwab, der sich ebenso ablichten ließ.

Mephisto ist die schillerndste Erscheinung dieser Aufführung, auch weil Regisseurin Claudia Bauer ihm die größte Bandbreite zubilligt. Vom Krampus-artigen, rot angemalten Teufel über eine schwarzglitzernde Transvestitenfigur bis hin zu einer Erscheinung wie aus Fritz Langs Stummfilm darf Benedikt Greiner alles sein, sogar Margaretes Liebhaber, und er macht alles mit Bravour.

Unbeteiligt und herzlos spielt Henriette Blumenau gekonnt eine Margarethe, die höchstens an ihrer eigenen Kälte scheitert, während sie puppengleich auf alles Menschliche starrt. Fredrik Jan Hofmann (Famulus Wagner) und Raphael Muff (Valentin) sind mehr als nur von Goethe übernommene Figuren, auch wenn sie in erster Linie für Fausts Spielchen herhalten müssen. Als Marthe Schwerdtlein ist Julia Gräfner rollendeckend laut und gewöhnlich. Das Publikum zeigte sich von der rund zweistündigen Aufführung begeistert.

INFO: “Faust:Mein Brustkorb:Mein Helm” von Werner Schwab im Grazer Schauspielhaus. Regie: Claudia Bauer, Bühne: Patricia Talacko, Kostüme: Dirk Thiele. Mit Florian Köhler (Faust), Benedikt Greiner (Mephisto), Henriette Blumenau (Margarethe), Fredrik Jan Hofmann (Famulus Wagner), Julia Gräfner (Marthe Schwerdtlein), Raphael Muff (Valentin). Nächste Vorstellungen: 3., 4., 11., 13., 14. Oktober, 2. und 24. November 2017.

(APA)

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