„Schulreform“: Es hätte schlimmer kommen können

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„Schulreform“: Es hätte schlimmer kommen können
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Gastkommentar von Andreas Unterberger: Ein paar Mini-Trippelschritte in die richtige Richtung, aber offenbar auch nur ganz wenige in die falsche Richtung: So könnte man die Informationen über die bevorstehende „Schulreform“ zusammenfassen, die jetzt schon durchgesickert sind.

Wenn nicht noch Gravierendes passiert, was bisher geheimgehalten worden wäre, dann können die Österreicher ein wenig aufatmen: Die große Katastrophe scheint nicht zu passieren. Doch passiert auch viel zu wenig in die positive Richtung. Obwohl das dringend nötig wäre.

Die Sorgen, dass (auch) beim Bildungsthema eine Katastrophe passieren wird, waren ja groß:

Denn zum einen haben sich mit einer – allerdings wichtigen – Ausnahme all die Dutzenden Schulreformen der letzten Jahre negativ auf das Bildungsniveau ausgewirkt. Das hat auch für die bevorstehende Reform wenig erwarten lassen.

Zum anderen ist der Koalition in ihrem derzeitigen Zustand – am deutlichsten ablesbar am Absturz beider Parteien bei allen Wahlen und Meinungsumfragen – ja jeder Unsinn zuzutrauen, durch den sie glauben könnte, aus der Depression herauszukommen. Siehe etwa die total schiefgegangene Steuerreform des Frühjahrs. Siehe etwa den vor wenigen Wochen gefassten Beschluss, ein Haus der Sozialdemokratie in der Hofburg zu schaffen. Siehe das peinliche Chaos um eine wenigstens marginale Grenzsicherung.

Daher war man auch bei den Bildungsverhandlungen auf das Schlimmste gefasst. Man konnte ja nur ein schlechtes Gefühl haben, wenn über die Schulen geredet wird und es sitzen nicht Lehrer, Direktoren, Eltern und Schülervertreter gleichberechtigt mit den Parteipolitikern und Bürokraten am Tisch.

Vetorecht heißt nicht viel

Aber dennoch ist wenigstens ein kleiner positiver Schritt geglückt. Schuldirektoren sollen ein Vetorecht bei der Lehrerauswahl erhalten. Freilich heißt das nicht allzuviel. Durchsetzungsstarke Schuldirektoren haben das schon längst gehabt. Ihnen hat kein Stadt- oder Landesschulrat gewagt, einen unwillkommenen Lehrer aufzuzwingen.

Eine wirkliche Schulreform müsste den Direktoren volle Freiheit bei der Anstellung von Lehrern geben, statt eines bloßen Vetorechts. Aber auch das würde in Zeiten, da in vielen Fächern ein Mangel an Lehrern herrscht, nicht viel bringen. Man müsste darüber hinaus den Schulen auch die Möglichkeit geben, auch jene qualifizierten Menschen als Lehrer zu erproben und anzustellen, die kein Lehramtszeugnis in ihrer Bewerbungsmappe haben. Gerade in Zeiten, wo exzellent ausgebildete und fähige Männer und Frauen ab etwa dem 45. Lebensjahr Probleme am Arbeitsmarkt haben, kann man in dieser Gruppe eine ganze Reihe exzellenter Lehrer finden (auch wenn natürlich nicht alle dem Umgang mit Halbwüchsigen gewachsen sein werden). Diese Menschen haben oft Erfahrungen mit eigenen Kindern gesammelt; und sie bringen jedenfalls aus ihrem Berufsleben viel wertvolle Lebenserfahrung mit. Das steht ganz im Gegensatz zu Uni-Absolventen, die auf der Hochschule mit völlig wirklichkeitsfremden Theorien vollgestopft worden sind. Die etwa an der Wiener Universität zwar Französisch absolviert, aber nie gelernt haben.

Noch wichtiger wäre es, wenn sich Schulen endlich so wie ein normaler Arbeitgeber von unfähigen, überforderten, neurotischen in eine Krise geratenen Lehrern trennen können. Diese sollten sich zwar noch an anderen Schulen bewerben können. Aber sie müssten – so wie jeder andere Österreicher – auch mit dem Weg zum AMS rechnen. Mit Lehramtszeugnis genauso wie ohne.

Das würde zwar nicht alle Lehrer freuen. Aber zweifellos würde eine solche, von gewerkschaftlichen und formaljuristischen Zwängen befreite Lehrerbestellung und Lehrerkündigung die Qualität der Schulen mehr erhöhen als irgendeine andere Maßnahme.

Kernfrage Direktorsbestellung

In die gleiche Richtung würde auch die Entpolitisierung der Direktorbestellung wirken. Wenn sich viele geeignete Lehrer gar nicht mehr um einen solchen Leiterposten bewerben, weil sie  nicht das richtige Parteibuch oder Geschlecht haben, weil sie nicht von der Willkür eines Unterrichtsministers oder Bundespräsidenten abhängig sein wollen, dann werden mit Sicherheit nicht die Geeignetsten Direktor. Dann ist etwas zutiefst faul im System.

Aber dennoch will die die Politik nicht die Macht über die Direktorsbestellungen aufgeben. Aus Machtgier lässt sie die wirklich Betroffenen und den wahren Sachverstand auch nicht mitreden.

Eine Direktorsbestellung sollte eigentlich immer Aufgabe der Schule selbst sein. Und der Schulerhalter (eine Gemeinde etwa im Pflichtschulbereich) sollte beispielsweise nur genauso viel Stimmgewicht haben wie die Eltern – die eigentlichen Kunden einer Schule! – und wie die Lehrer. Also jede Seite ein Drittel. In höheren Schulen (mit und ohne Matura) müssten diesen drei Gruppen dann auch die Schülervertreter als vierte gleichberechtigt zur Seite treten.

Das wäre zehnmal wichtiger als die nun offenbar geplante Möglichkeit, einen Direktor nach fünf Jahren wieder abzusetzen. Denn die Absetzung würde je durch politisch geleitete Gremien erfolgen, wäre also sogar eine Verschlimmerung des Istzustandes. Denn derzeit kann die Politik einen Direktor nach seiner Bestellung nicht mehr wirklich unter Druck setzen.

Eine Abberufung dürfte jedenfalls nur bei Vorliegen objektiver Faktoren passieren:

  • massive Nichteinhaltung des Budgets,
  • grobe Disziplinarverstöße,
  • ein signifikanter Rückgang der Schüler-Anmeldungen: ein solcher Rückgang wäre ein hervorragender Indikator, dass in einer Schule etwas nicht stimmt, dass dort Chaos herrscht, dass man dort nichts lernt, dass dort unfähige oder sadistische Lehrer agieren. Dieser Indikator wäre auch viel wirklichkeitsnäher als der Beschluss einer politisch kontrollierten Oberbehörde, einen Direktor zu feuern.

Alles andere, was da jetzt geplant zu sein scheint, ist nett, bedeutet aber keine dramatische Verbesserung des Bildungssystems – aber auch keine Verschlechterung: freie Einteilung der Öffnungszeiten, leicht vergrößerter finanzieller Spielraum einer Schule, Leitung mehrerer Schulen durch einen einzigen Direktor, bisweilen jahrgangsübergreifender Unterricht, Entscheidung über einen Teil des Lehrplans in den Schulen selbst (was ja längst der Fall ist, weil Schulen das halt bisher als „Schulversuch“ gemacht haben).

Viel wichtiger und wirkungsvoller wäre nämlich all das, was offenbar nicht geplant ist:

  1. Leider nicht in der Pipeline ist die Gleichberechtigung der privaten (also nicht nur der kirchlichen) Schulen mit den staatlichen durch die Einführung eines Voucher-Systems, in dem jeder Schüler gleich viel Steuergeld wert ist.
  2. Leider nicht in der Pipeline ist die besonders dringende Reform des Universitätssystems durch strenge Zugangsreglementierungen und echte Leistungsvereinbarungen. Österreichs Unis fallen in allen internationalen Rankings ständig noch weiter zurück. Hochschulen sind de facto heute eine Alternative zur Arbeitslosigkeit. Das ist einfach absurd. Sie sind im Grund dasselbe wie die staatlichen Lehrwerkstätten für jene, die wegen schlechter Qualifikation keinen Lehrplatz bekommen.
  3. Leider nicht in der Pipeline findet sich vorerst auch die dringend notwendige Einführung eigener Deutschlernklassen für Kinder anderer Muttersprache. In ihnen würden diese intensiv die Unterrichtssprache und auch die wichtigsten Grundregeln der österreichischen Lebensweise erlernen, bevor sie dann – in der Regel nach einem Jahr – in den Normalunterricht wechseln können.

Und zum Glück für das österreichische Bildungsniveau scheint auch die Einführung der Zwangsgesamtschule nicht in der Pipeline zu sein (oder wie es die Neos nennen, der „gemeinsamen Schule“). Darüber können sich auch viele Österreicher freuen. Denn sämtliche Meinungsumfragen zeigen, dass die Gesamtschule total unbeliebt ist. Bei Eltern, Lehrern und Schülern erst recht, also den eigentlich Betroffenen und zweifellos im Vergleich zu Politik und Medien Sachkundigeren.

Hintertürl “Modellregionen”

Allerdings droht da ein gefährliches Hintertürl aufzugehen, nämlich die Einführung von „Modellregionen“ in einzelnen Bezirken, wo es dann keine volle AHS mehr geben soll, sondern nur die leistungsfeindliche Gesamtschule. Damit haben Kinder aus diesen Regionen acht Jahre nur noch einen Schultyp, dessen Absolventen dann in der Oberstufe oder gar bei der Zentralmatura nach allen bisherigen Erfahrungen weit hinter jenen zurückliegen, die eine AHS-Unterstufe besucht haben. Es sei denn, die Eltern schicken ihre Kinder quer durch Wien in eine kirchliche AHS. Oder auf dem Land gar wieder wie in früheren Generationen in ein weit entferntes Internat.

Von den unzähligen Schulreformen der letzten Jahren hat nur eine einzige positive, leistungsfördernde Erfolge: Das ist die Zentralmatura. Seit es diese gibt – und seit dabei die Oberstufengymnasien so schlecht abgeschnitten haben –, ist in vielen Schulen wieder eine verstärkte Leistungsorientierung eingekehrt. Seither haben noch mehr Menschen den Wert des achtklassigen Gymnasiums erkannt.

Die Zentralmatura hat in vielen Schulen ein starkes Umdenken ausgelöst. Sie hat den nivellierenden Zeitgeist der letzten Jahre zurückgedrängt, in dessen Zeichen Unterrichtsministerium, Stadtschulrat und Direktoren immer nur Druck auf die Lehrer ausgeübt haben, möglichst allen Kindern positive Noten zu geben. Das geschah im naiven politischen Glauben, dann gut dazustehen, dann „mehr“ Bildung erreicht zu haben. Die solcherart erzielte quantitative Vermehrung der Abschlüsse war jedoch nur für OECD- oder EU-Statistiken hilfreich. Sie hat jedoch die Qualität der Bildung signifikant nach unten gedrückt. Denn in Richtung Qualität hat es bisher keinen Gegendruck gegeben.

PS: Würde es die skizzierte echte Autonomie der Schulen geben, dann wäre auch der absurde Streit überflüssig, ob Bund oder Länder für alle Lehrer zuständig sein werden. Keine der beiden Varianten verbessert oder verschlechtert etwas.

Der Autor war 14 Jahre Chefredakteur von „Presse“ bzw. „Wiener Zeitung“. Er schreibt unter www.andreas-unterberger.at sein „nicht ganz unpolitisches Tagebuch“, das heute Österreichs meistgelesener Internet-Blog ist.

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