Schonungslos und kontroversiell: Zwei Islamismus-Dokus bei der Viennale

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"Dugma - The Button" ist eine der Islamismus-Dokumentationen bei der Viennale 2016
"Dugma - The Button" ist eine der Islamismus-Dokumentationen bei der Viennale 2016 - © Viennale
“Dugma – The Button” erzählt unter anderem die Geschichte eines in Wien radikalisierten Engländers, der in den Jihad zog, der zweite Film führt direkt an die Front nach Syrien.

Wo Nachrichtenbilder uns überfordern, erlauben Filme eine eingehende, fokussierte Auseinandersetzung. Gleich zwei Dokus im Programm der gerade angelaufenen Viennale nähern sich wertfrei und damit durchaus kontroversiell dem Islamismus und stellen junge Männer vor, die ihr geregeltes Leben und ihre Familien zurückgelassen haben, um in Syrien in den Jihad zu ziehen.

Wobei der norwegische Kriegsreporter und Dokumentarfilmer Paul S. Refsdal die vorgefertigten Meinungen seiner Zuseher ohne Umschweife auf den Kopf stellt: In der Eingangssequenz von “Dugma – The Button” geht Abu Qaswara vor der Kamera seelenruhig den mit tonnenweise Sprengstoff beladenen Laster ab und erklärt, wie die Explosion per Druck auf den Knopf, den “dugma”, funktioniert. “Mit Allahs Erlaubnis schicke ich alle in die Hölle”, sagt er, ohne je das Lachen in seinem rundlichen Gesicht abzuschütteln, “und zack, bin ich im Paradies.”

Verstörende Portraits zweier Jihadisten

Der gebürtig aus Mekka stammende Mann ist ein selbst ernannter “Gotteskrieger” der ehemaligen Al-Nusra-Front, die sich vor wenigen Monaten vom Terrornetzwerk Al-Kaida abgespalten hat und nun unter dem Namen Fatah al-Sham im syrischen Bürgerkrieg gegen das Baath-Regime von Bashar al-Assad kämpft. Wie die von Refsdal Mitporträtierten steht er zum Zeitpunkt der Dreharbeiten als Freiwilliger auf der Warteliste für Märtyreroperationen. Mit seiner Vorliebe für frittiertes Hühnchen und den herzlichen, täglichen Videotelefonaten mit seiner 14-monatigen Tochter, die er noch nie persönlich gesehen hat, scheint er so gar nicht in das Bild des vom Hass getriebenen Fanatikers zu passen – was den Zuseher freilich umso verstörter und ratloser zurücklässt.

Noch irritierender ist es, wenn sein Kollege Lucas Kinney, der sich nun Abu Basir al-Britani nennt, auf einem Dach in Deckung vor Schüssen des syrischen Militärs sitzt, und sich an sein früheres Leben in London erinnert: “Schrecklich” sei das gewesen, “es regnet ja dauernd dort.” Der konvertierte Muslim und Sohn des Filmemachers Patrick Kinney soll laut britischen Medienberichten in Wien radikalisiert worden sein und ist vor der Kamera der einzige, der allmählich zu zweifeln beginnt: Seine frisch angetraute Ehefrau erwartet nämlich ein Kind – und anders als bei Qaswara scheint die Vaterpflicht und -liebe die Bereitwilligkeit zum Suizid zu mindern.

Der selbsternannte Prophetennachfolger, der Shakespeare zitiert

Während Refsdals Film nicht zuletzt deshalb stark nachwirkt, weil er inmitten umkämpfter Gebiete alltägliches Warten und Nachdenken zeigt, führt “Au nom du pere, du fils et du djihad” (The Father, The Son and The Holy Jihad) direkt an die Front. 2013 hat der französische Investigativjournalist Stephane Malterre begonnen, den Jihadistenführer Abdelrahman Ayachi alias Abu Hajar zu begleiten. In Frankreich aufgewachsen und im berüchtigten Brüsseler Stadtteil Molenbeek radikalisiert, schloss sich der gelernte Computerfachmann einst der Freien Syrischen Armee, einer bewaffneten Oppositionsgruppe, an mit dem Ziel, das Land seiner Vorfahren zu verteidigen und “einen islamischen Staat zu schaffen”.

Als der charismatische junge Mann wenig später im Krieg fällt, wendet sich Malterre dessen Familie zu. Er erfragt bei Verwandten und Weggefährten Abdelrahmans Beweggründe, lässt seine Taten von Terrorismusexperten einordnen und begleitet schließlich den Vater, den früh als radikal eingestuften Imam Bassam Ayachi, nach Syrien, wo der anstelle seines Sohnes “kämpfen und sterben” will. Das Ergebnis ist ein zweistündiges, dichtes, ungemein aufschlussreiches und über drei Jahre erarbeitetes Porträt einer salafistischen Familie rund um einen beeinflussbaren Mann, der, so glaubt die Schwester, stets den Stolz des strenggläubigen Vaters spüren wollte.

Am Ende ist Abdelrahman tot und Bassam fehlt eine Hand. Doch das sei es wert gewesen, sagt der Patriarch, der sich selbst als direkten Nachfahr des Propheten Mohammed ins Spiel bringt und – das ist der groteske Gipfel des Films – Shakespeare zitiert: “To be or not to be.” Auf die Frage Malterres, was das denn heiße? “Sei der Befreier, oder jemand anders wird es sein.”

(APA, Red.)

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