Schlingensief bastelt an seinem Mythos

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Schlingensief © APA

“AREA 7”: Im Burgtheater ist „alles erlaubt“ – Animatograph als Assoziationsmaschine – Installation des Theateraktionisten eine Hommage an Beuys und sich selbst.

Dunkel und laut ist es im Burgtheater, zahlreiche Projektoren sorgen für flackerndes Licht, tausende Eindrücke prasseln auf einen ein: Christoph Schlingensief hat das Parterre in einen Multimedia-Slum und die Bühne in ein schlangenartiges Labyrinth verwandelt. Staunen und Kopfschütteln, Überforderung und Erschöpfung waren bei der bunt gemischten Zuschauerschar gestern Abend angesagt – und die Gewissheit: Der deutsche Theateraktionist bastelt mit der Installation „AREA 7“ und dem Animatographen an seinem eigenen Mythos.

“Alles ist erlaubt”

Wer gleich um 17 Uhr im Burgtheater war, hatte eine Stunde Zeit, sich einmal an das Jahrmarkt-ähnliche Treiben zu gewöhnen, bevor Schlingensief auf der Feststiege eine Einführung in den Abend gab. Da, wie die Einweiser immer wieder versicherten, „alles erlaubt ist“, konnte man sich die ganze Sache erst einmal von oben anschauen und sich einen Überblick verschaffen. Von Hitler, der gelangweilt in der Loge nebenan saß, musste man sich dabei nicht stören lassen.

Im vorderen Teil des Animatographen – so der Name der gewaltigen Apparatur – dreht sich eine kreisrunde Slum-Hütte aus Leintüchern und Plastik, rundherum befinden sich Leinwände mit kurzen Videoeinspielungen. Auf der Drehscheibe tanzt Michael Jackson vor Hermann Nitsch herum, und Patti Smith (die Echte!) spaziert ab und zu mit ihrer Klarinette vorbei. Unmittelbar dahinter folgt ein Aufbau, der die Bühne in den Zuschauerraum hinein verlängert, von dieser jedoch durch eine riesige, mit Filmen bespielte Umlaufblende getrennt ist. Dieser Bereich ist im Gegensatz zum restlichen Parterre nicht offen, sondern wird nur in Gruppenführungen zugänglich gemacht.

Hommage an sich selbst

Nach der Einführung, bei der Schlingensief in gewohnter Manier schnell redete und beim Publikum für einige Lacher, aber keine Aha-Erlebnisse sorgte, konnte (je nach zugeteilter Kärtchenfarbe) die ungewisse Reise ins Innere des Animatographen beginnen. Große Neugier begleitete die abenteuerliche Fremdenführung durch eine gigantische Assoziationsmaschine, die sowohl als Hommage an den Künstler Joseph Beuys (Totenmaske, Filz-Talg-Mythos, Berliner Mauer-Vergrößerung, etc.) als auch als Werkschau durch das (hauptsächlich Video-)Schaffen Schlingensiefs selbst betrachtet werden kann.

Schlingensief spielt bei „AREA 7“ mit den Grenzen zwischen Theater und Museum – „heute müssen Sie selbst entscheiden“ -, neben zahlreichen Mini-Schauspiel-Events gestalten sich aber etwa auch die Führungen durch das Labyrinth mehr als Performance. In einer Tour bekommt man Gedanken und Mythen serviert: Kinderwägen mit Künstlern als Babys (z.B. Leni Riefenstahl mit Hakenkreuz-Schnuller), ein Video auf einem Leintuch mit der Aufschrift „Turin“, ein Schiff mit zwei Leintuch-Türmen als Twin Towers, etc. Die Überhäufung mit Bildern und Symbolen machen deren einzelne Decodierung aber fast unmöglich.

Hitler und Jackson

Befand man sich anschließend wieder im Parterre oder auf einer Loge, gewann man immer mehr den Eindruck eines Riesen-Spektakels. Bestätigt wurde das im 25-Minuten-Takt: Da ging das Licht an, laute Musik wurde gespielt, der Hitler-Darsteller in seiner Loge stand auf und schrie „Heimat, Heimat“ in sein Mikrophon, Robert Stadlober forderte „totale Neutralität“ und der Isländer Björn im Michael Jackson-Kostüm stellte sich dazu und wedelte mit einer Hakenkreuz-Fahne. Danach wurde es wieder dunkel und man tauchte erneut ein in die gesamte bizarre Mischung aus Avantgarde-Film, Kaleidoskop und irrwitzigem Endlos-Loop.

Patti Smith sorgt für Applaus

Nicht wenigen wurde das Ganze irgendwann zuviel, sie waren froh, sich auf die Feststiege zurückziehen zu können, um in längerem Abstand zwei kurzen Konzerten der US-Punkrockikone Patti Smith zu lauschen. Diese sprach und rezitierte, sang mit Cellobegleitung eine „Arie für AREA 7“ und meinte, sie möge den Animatographen. „Er erinnert mich an mein Schlafzimmer.“ Ihre Auftritte wurden frenetisch bejubelt, die Schauspielerin Irm Hermann erwies sich als Fan der Sängerin und bekam sogar ein eigenes Ständchen.

Nach der Führung und dem Konzert fanden sich die Leute schließlich bald an den Bars ein, gegen 21 Uhr befanden sich nur noch Wenige im Saal – die meisten sitzend oder sogar liegend. Eine Stunde lang ging es dann noch weiter, bis Hitler „Auf Wiedersehen, bis morgen“ rief. Zu diesem Zeitpunkt hatte sich bei den Übriggebliebenen bereits Erschöpfung breit gemacht, die gesammelten Eindrücke rund um Gott, die Welt und die Unerlösbarkeit wollen erst einmal verarbeitet werden. Sicher ist jedenfalls, dass das Burgtheater so etwas noch nie erlebt hat…

Service:
Achtung: Für alle künftigen Vorstellungen von „AREA 7“ finden Karteninhaber bereits ab 17 Uhr – und nicht erst ab 19 Uhr – Einlass.

Links:

  • www.schlingensief.com
  • www.burgtheater.at
  • Leserreporter
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