Scheidender “brut”-Chef Thomas Frank reicht das Staffelholz an Kira Kirsch

Gustav und Sissy Boy Tomka als SV Damenkraft: Orlanding the Dominant
Gustav und Sissy Boy Tomka als SV Damenkraft: Orlanding the Dominant - © Magdalena Blaszczuk
Ab 6. Mai heißt es “So weit so brut”. Der scheidende Intendant Thomas Frank erinnert mit einem achttägigen Veranstaltungsreigen an die vergangenen acht Jahre im “brut Wien”. “Die Szene hat sich in diesen acht Jahren sehr verändert, da ist einiges passiert”, lässt Frank, der von den Berliner Sophiensälen nach Wien gekommen war, seine Direktionszeit Revue passieren.

Der 1972 geborene Kurator und Dramaturg hatte mit der Saison 2007/08 gemeinsam mit seinem gleich alten Kollegen Haiko Pfost (der vor zwei Jahren in Bildungskarenz ging) die Leitung der früheren “dietheater” und ihre Umpositionierung als Koproduktionshaus übernommen. “Als wir hierhergekommen sind, war das Augenscheinlichste eine sehr entwickelte Tanzszene”, lobt Frank die Arbeit der früheren Tanzquartier-Chefin Sigrid Gareis.

Thomas Frank gibt “brut”-Chefposten ab an Kira Kirsch

Mit dem Tanzquartier Wien oder dem WUK sei auch die größte Schnittmenge beim Publikum zu verzeichnen gewesen. “Uns ist gelungen, Leute ans Haus zu binden, die mit Darstellender Kunst sonst nicht viel zu tun zu haben, Leute, die sich vielleicht eher für Bildende Kunst oder Musik interessieren.” Mittlerweile habe sich die Szene weiter “ausdifferenziert” und mit der Garage X (heute: Werk X), dem Hamakom oder dem Salon 5 “einige Player dazubekommen, die die Szene verändert haben”.

Rückzug des Bundes in der Finanzierung als größtes Ärgernis

Als größtes Ärgernis seiner Amtszeit nennt Thomas Frank den weitgehenden Rückzug des Bundes in der Finanzierung, obwohl man kulturpolitische Vorgaben wie Partizipation, Vermittlung, Diversität und Internationalität sehr wohl erfüllt habe. Die Entscheidung über Projektförderungen erfolge zudem stets sehr kurzfristig, was die Planungen sehr erschwere. Bei der Stadt Wien seien die Mehrjahresverträge, waren sie einmal ausverhandelt, sehr hilfreich gewesen, die Fördermittel für einzelne Projekte der Freien Szene seien allerdings “beschämend gering”.

Arbeitsbedingungen verbessert

Das brut, in dem 2014 fast 35.000 Zuschauer begrüßt wurden, habe zwar die Arbeitsbedingungen der hier auftretenden bzw. koproduzierenden Künstler verbessern können, doch sei die Prekarisierung weiter eines der zentralen Themen. Durchaus programmatisch startet daher der Abschluss-Reigen mit einem “Gespräch über die Arbeitsbedingungen in der freien Szene”. An der Debatte “Wie wir arbeiten wollen” am 6.5., 20 Uhr, nimmt auch die künftige brut-Leiterin Kira Kirsch teil.

Mangelnde Durchlässigkeit zwischen Freiem und Etabliertem

Als größtes kulturpolitisches Defizit im Wiener Theaterbereich sieht Thomas Frank die mangelnde Durchlässigkeit zwischen der Freien Szene und den etablierten Häusern. “Die Trennung der Sparten und Bereiche ist sehr zementiert. Auch etablierte Künstler der Freien Szene haben kaum je Zugang zu den Stadt- und Staatstheatern.” In Deutschland sei es mittlerweile ganz normal, dass Gruppen wie Gob Squad, Rimini Protokoll oder She She Pop auch mit großen Theatern zusammenarbeiteten: “Das führt zu einer sehr interessanten Dynamik.”

Ein dynamischer Abschied

Dynamisch soll auch der Abschied werden, obwohl acht Jahre in acht Tagen abzubilden “natürlich absolut unmöglich” sei, wie Frank lachend zugibt. Wichtig beim Abschlussprogramm war ihm, möglichst viele jener Künstler einzubinden, mit denen brut kontinuierlich zusammengearbeitet hatte, und nochmals alle erarbeiteten Formate herzuzeigen.

Drei Performance-Abende bei freiem Eintritt

Im Zentrum des bei freiem Eintritt zugänglichen Abschlussprogramms stehen drei Performance-Abende (9., 12. und 13. Mai), an denen über 20 Einzelprojekte gezeigt werden. Höhepunkt des Abschlussabends soll ein von SV Damenkraft, Gustav und Sissy Boy Tomka bestrittenes Revival werden, das in Originalbesetzung musikalische Auszüge aus ihrer Performance “Orlanding the Dominant” bietet. Diese musikalisch-theatralische Burlesque “war unser erster durchschlagender Erfolg und auch prägend für unseren späteren queeren Schwerpunkt”.

Frank wird vorläufig in Wien bleiben

Nach einer großen Abschiedsparty wird Thomas Frank das Staffelholz an Kira Kirsch weiterreichen. Und wo wird er künftig seine Zelte aufschlagen? “Das ist noch nicht entschieden. Vorläufig werde ich in Wien bleiben.” Fixiert ist allerdings eine zweijährige Tätigkeit als Gast-Kurator am neuen “Vaba Lava”-Performing Arts Center im estnischen Tallinn. Zentraler Punkt des ersten Programms ist eine estnische Version von “more than naked” der österreichischen Choreografin und Performerin Doris Uhlich.

(APA/Red.)

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