Schauspielhaus-Leiter zum Abbruch der “Seestadt-Saga”: Grenzen sind verschwunden

Akt.:
Der Leiter des Schauspielhauses zur Absage der Saga
Der Leiter des Schauspielhauses zur Absage der Saga - © Wienerberger
“Weil wir die Trennung zwischen Fakten und Fake nicht mehr kontrollieren können”, sagte Schauspielhaus-Leiter Tomas Schweigen die zweite Staffel der “Seestadt-Saga” ab.

Stattdessen gibt es ab 12. Mai ein Spin-off der “begehbaren Social-Media-Serie in Echtzeit” im Theater.

“Die Geister, die man rief – sie sind erschienen”: Schauspielhaus-Leiter zur Absage

Die Online-Soap, ein Mash-Up aus Theater, Film und Social Media, war im Oktober gestartet worden. Die zweite Staffel begann am 1. März. Die Zuschauer konnten vor Ort in Aspern Veranstaltungen beiwohnen, auf der Serien-Homepage www.seestadt-saga.at wurden zusätzlich alle vorhandenen Informationen der verschiedenen Online-Profile gebündelt. “Ein wesentliches Merkmal ist die Durchlässigkeit der verschiedenen Ebenen. Das führt zu Rückkoppelungen”, erläuterte Bernhard Studlar, der Leiter des damit befassten Writer’s Room, das Konzept an der Schnittstelle zwischen Fiktion und Realität.

“Die Geister, die man rief – sie sind erschienen”, brachte Schweigen die Entwicklung auf den Punkt. Die Grenzen zwischen realer und inszenierter Wirklichkeit seien verschwunden, so dass weder für die Rezipienten noch für die Akteure mehr erkennbar gewesen sei, was ernst gemeint und was erfunden war. Eine Erfahrung, die freilich auch die bei der Pressekonferenz anwesenden Journalisten machten. Denn konkrete Gründe für einen Abbruch, Beispiele für eine Eskalation, die das Ganze über das Erwartbare hinaus aus dem Ruder laufen ließen, blieben Schweigen und Studlar weitgehend schuldig.

Dass im Rahmen des “Seestadt-Saga”-Plots vorgestern Nacht eine Figur im See zu Tode gekommen sei, sei “ein schlechter Zeitpunkt” gewesen und angesichts von realen Vorfällen von manchen als geschmacklos empfunden worden. Auch die Reaktionen auf die in der ersten Staffel als fiktive politische Bewegung gegründete “Liste Seestadt”, die sich im Lauf der Serie von linksliberal zu rechtspopulistisch gewandelt hat und zuletzt via Crowdfunding zum Bau einer Schutzmauer rund um die Seestadt gefordert habe, hätten die Macher nachdenklich gestimmt.

“War is not happening…” wird abgesagt

Statt dies als Satire zu erkennen, seien die Reaktionen darauf immer schwerer einzuschätzen gewesen. Je mehr man betont habe, die Liste sei erfunden, desto mehr habe sie ein Eigenleben entwickelt. Bei den zahlreichen Social-Media-Reaktionen sei kaum mehr zu erkennen gewesen, “ob das ernst gemeint ist oder nicht”. Und wie man die Journalisten überzeugen wolle, dass das bei der Pressekonferenz Gesagte ernst zu nehmen sei, wurde Schweigen abschließend gefragt. “Nach den Erfahrungen der letzten Tage muss ich sagen: Ich fürchte, das können wir nicht.”

Die geplante Produktion “War is not happening…” wird jedenfalls aufgrund der Ereignisse zugunsten von “Digitalis Trojana – Der See, die Stadt und das Ende” abgesagt. Auf verschiedenen Ebenen soll in diesem “dramatischen Netz”, das am 12. Mai Premiere hat, “im geschützten Raum des Theaters” an die Handlungsstränge der Seestadt-Saga angeknüpft werden. Der Theaterabend steht dennoch für sich und setzt keine Vorkenntnisse der Serie voraus. Das Thema liegt auf der Hand: “Wie geht man mit Information um, wenn Fake News und Wirklichkeit nicht mehr zu trennen sind?”

(APA/Red.)

Leserreporter
Bild an VOL.AT schicken


0Kommentare

Herzlichen Dank für Ihren Kommentar - dieser wird nach einer Prüfung von uns freigeschaltet. Beachten Sie, dass dies gerade an Wochenenden etwas länger dauern kann. Kommentare von registrierten Usern werden sofort freigeschaltet - hier registrieren!

noch 1000 Zeichen