Salzburger Festspiele: "Lulu" als Kammerspiel mit großer Geste

Salzburger Festspiele: "Lulu" als Kammerspiel mit großer Geste
Salzburg-Stadt – Abstraktion des von Daniel Richter gestalteten Bühnenraumes trifft auf ein konkretes von Vera Nemiriova inszeniertes Kammerspiel. Alban Bergs musikalisch große, dreiaktige Anlage versus Intimität aus dem Inneren der Bühnenfiguren. Das ist das Grundkonzept der Salzburger “Lulu”. Premiere am 1. August.

Die Bulgarin Vera Nemirova, mit ihrer “Macbeth”-Inszenierung in Wien kräftig ausgebuht, will in der Salzburger “Lulu” die Beziehung zwischen der Femme fatale und ihrem Dr. Schön betonen. “Ich wage den Frauenblick auf eine Männerfantasie. Da geht es in Wahrheit um einen zeitlosen Mythos, nicht um eine gesellschaftspolitisch moderne oder nicht moderne Frauenfigur. Ich begreife diese Geschichte als eine Geschichte eines Paares, das nicht mit- und nicht ohne einander leben kann. Dafür habe ich die doch reichlich boulevardeske Vorlage von Frank Wedekind aus dem Milieu herauslösen müssen.”

Im Riesenraum der Felsenreitschule funktioniere Intimität nicht so ohne weiteres. “Die muss aus den Figuren auf der Bühne selbst herauskommen”, so die Regisseurin, und Intendant Jürgen Flimm ergänzte: “Wenn man im Haus für Mozart einen Stuhl auf die Bühne stellt, hat man sofort ein Zimmer. Daher bewusst die Entscheidung, dieses große Kammerspiel in der Felsenreitschule zu abstrahieren.”

Für Bühnenbildner und Maler Daniel Richter ist dieser Raum ein “gelinde gesagt Schuhkarton von der Scheußlichkeit eines Bayreuther Alptraums. Ich habe mich in meiner Arbeit auf die Musik konzentriert und versucht, die Einsamkeit dieses Stoffes zu erfassen. Am Bebildern der ‘Lulu’ war ich nicht interessiert”, so Richter, dessen großformatige “Lulu”-Arbeiten in grellen, kräftigen Farben gehalten sind.

Auch Dirigent Marc Albrecht hat sich mit dem Arkadenraum der Felsenreitschule nicht leichtgetan: “Wir haben viel herumgetüftelt, das Orchester von oben nach unten und zurück gefahren, die Holzbläser mehrfach umpositioniert und dämpfende Vorhänge aufgespannt, um dieses notwendige, diffuse Klangbild herzustellen. Zugleich muss jeder einzelne Musiker, da es sich bei Bergs Oper ja eigentlich um Kammermusik für ganz großes Orchester handelt, permanent hören, was musikalisch gerade wichtig ist”, so Albrecht, der kurzerhand und entgegen aller ursprünglichen Pläne, auf die Umsetzung der dreiaktigen Version (also mit dem von Friedrich Cerha instrumentierten und vervollständigten dritten Akt) bestanden hatte.

Als besonderes Gustostückerl hat Albrecht die von Berg vorgeschrieben, mittlerweile aber kaum noch existierenden Trichtergeigen angekündigt. Diese Trichtergeigen seien derartig laut, dass sie sich in der Bühnenmusik einer Jazz-Combo gegen Saxofone, Trompeten und Schlagzeug mühelos behaupten könnten, wie der Dirigent betonte.

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