Rossinis “Elisabetta” am Theater an der Wien

Alexandra Deshorties in der Titelrolle
Alexandra Deshorties in der Titelrolle - © APA
Sie steigt in ihre üppigen Kleider wie ein Soldat in eine Rüstung, betritt sie als Podest, das aus einer Frau eine Königin macht. Rossinis “Elisabetta” liebt und leidet – und besinnt sich schließlich auf die Staatsräson. Am Freitagabend feierte die eher selten gespielte Oper am Theater an der Wien Premiere. Viel Zustimmung gab es für die reduzierte, aber konzise Regie von Amelie Niermeyer.

Die Bühne ist schlicht, hohe elastische Wände krümmen und wellen sich darüber, mit einer Patina wie von beschlagenem Messing. Einzige Ausstattung sind Elisabettas Kleider, die riesigen Reifröcke aufgespannt auf rollenden Plateaus, auf denen die Königin wie im Autodrom durch ihren Palast fahren kann, oder wie in einem Karussell. Sie setzen die historische Elizabeth I. in Szene, wie wir sie kennen, fungieren aber vor allem als Dienstuniform, durch die eine heutige, liebende, eifersüchtige, rachsüchtige Frau sich zur gerechten Gebieterin erhebt, in ihrer Macht ebenso zu Hause wie von ihr gefangen.

Indem sie die Geschichte radikal subjektiv durch das Gefühlsleben Elisabettas erzählt, gelingt Niermeyer und der schauspielerisch einprägsamen Alexandra Deshorties eine starke Handschrift, die allerdings verschwindet, sobald die Hauptfigur die Bühne verlässt – auch wenn das nur selten der Fall ist. Die anderen Charaktere – der Kriegsheld Leicester (Norman Reinhardt), den Elisabetta schon lange liebt, seine heimlich Angetraute und Geisel der Königin, Matilde (Ilse Eerens), selbst der Antagonist Norfolc (Barry Banks) und erst recht die Randfiguren – fungieren als beinah unbeseelte Zuträger von Handlung und wirken davon selbst ein bisschen gelangweilt.

Da kommt Rossini zu Hilfe. Die hochemotionale Erzählweise der Partitur, von Jean-Christophe Spinosi passioniert, wenn auch nicht immer delikat umgesetzt, verleiht dem psychologischen Dreieck aus Liebe, Verrat und Gnade übersteigerte, immer wieder packende Intensität und auch einem blassen Charakter wie Matilde eindrucksvolle Momente. Ilse Eerens sticht aus dem Sängerensemble mit makellosen Koloraturen und innigem Belcanto heraus, wovon an diesem Abend insgesamt leider zu wenig geboten wird. Norman Reinhardt findet als Leicester weder so recht in seine Rolle noch in seine Stimme, Barry Banks ist ein immer wieder mühevoller Norfolc, Natalia Kawalek hat als Enrico wenig Sinnstiftendes zu tun, fällt stimmlich aber positiv auf.

Und Elisabetta, der magnetische Mittelpunkt, auf den alles hinvibriert? Alexandra Deshorties hat bei ihrem Wiener Debüt durchwachsene Aufnahme gefunden. Ein vehementes, aber einzelnes Buh trübte den Ausklang ihrer Schlussarie, eine unverdiente Härte, die das restliche Publikum jubelnd gutzumachen trachtete. Denn die hochgewachsene Kanadierin hat diesen Opernabend – manchen unschönen Wendungen und metallischen Färbungen ihrer kräftigen Stimme zum Trotz – mit zugkräftiger emotionaler Gesangsakrobatik versehen und darstellerisch quasi im Alleingang gestemmt.

(S E R V I C E – “Elisabetta, regina d’Inghilterra” von Gioachino Rossini, Regie: Amelie Niermeyer, Dirigent: Jean-Christohe Spinosi, Bühne: Alexander Müller-Elmau, mit Alexandra Deshorties, Norman Reinhardt, Barry Banks, Ilse Eerens, Natalia Kawalek, Erik Arman. Ensemle Matheus; Arnold Schoenberg Chor. Weitere Vorstellungen am 19., 21., 24., 26. und 28. März, 19 Uhr. Ö1 sendet am 1. April um 19.30 Uhr. www.theater-wien.at)

(APA)

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