Renate Brauner als Bürgermeisterin?

Gastkommentar von Johannes Huber zum Thema Bürgermeister-Nachfolge in Wien
Gastkommentar von Johannes Huber zum Thema Bürgermeister-Nachfolge in Wien - © APA
Gastkommentar von Johannes Huber. In der gesamten SPÖ ist das Chaos ausgebrochen. Wobei die Wiener Genossen eine zentrale Rolle spielen.

Nein, es war ganz offensichtlich keine „Fake-Umfrage“. Die Telefonnummer gehört wirklich dem angegebenen Meinungsforschungsinstitut; das bestätigt eine schnelle Überprüfung. Auch wenn es aufgrund der Fragestellungen kaum zu glauben ist: Was man von Finanzstadträtin Renate Brauner halte und was man ihr denn so zutraue. Was irgendwie seltsam ist: Die 61-Jährige kann eigentlich nicht mehr viel werden.

Außer Bürgermeisterin. Doch ob sie dafür geeignet ist? Die diplomatische Antwort darauf ist ein Verweis auf den jüngsten Parteitag der Wiener SPÖ: Dort hat sie sich zwar nur der Wiederwahl als Präsidiumsmitglied stellen müssen; aber selbst als solche schaffte sie gerade einmal 67,5 Prozent. Und wenn man sich vor Augen führt, dass Ergebnisse jenseits der 90 Prozent bei solchen Gelegenheiten einst ganz normal gewesen sind, dann zeigt das, dass das fast schon einer Abwahl gleichgekommen ist. Wie auch immer: Vor allem macht es deutlich, dass Brauner auch in den eigenen Reihen umstritten ist.

So gesehen kann doch wohl niemand ernsthaft Renate Brauner zur Nachfolgerin von Bürgermeister Michael Häupl machen wollen. Andererseits: Ausschließen sollte man gar nichts mehr: Bildungsstadtrat Jürgen Czernohorszky, Hoffnungsträger der Linken, hat abgewunken. „Die Diskussionen nerven mich sehr“, verriet er dem jungen Monatsmagazin „Datum“. Bleibt wieder nur Wohnbaustadtrat Michael Ludwig im Rennen, der jedoch vielen zu rechts ist und den auch Häupl höchstpersönlich verhindern möchte. Müsste zur Not halt Brauner einspringen.

Oder Christian Kern: Michael Häupl macht dem Kanzler das Leben als Bundesparteivorsitzender zurzeit extra schwer. Da will er die jahrelang verschlossene Tür zu den Freiheitlichen zumindest einen Spalt weit aufmachen, damit bei der Nationalratswahl ein paar Wähler den Weg zurück zur SPÖ finden könnten und er bei Koalitionsverhandlungen mit der ÖVP wenigstens so tun könnte, als wäre Rot-Blau eine Alternative.

Doch nicht nur, dass die Auseinandersetzung über solche Strategiefragen am vergangenen Mittwoch zu einer Handgreiflichkeit im Kanzler-„Team“ führte: Häupl hat sie bereits entschieden. Und zwar eigenmächtig: Mit den Freiheitlichen gebe es keine Gemeinsamkeiten, stellte er in einem ganzseitigen „Kurier“-Interview klar. Und das sollte man nicht unterschätzen: Selbst wenn man davon ausgeht, dass nur noch ein Teil der Wiener Genossen hinter ihm steht, dann bildet dieser noch immer die mit Abstand größte Fraktion der Bundespartei. Soll heißen: Kern muss sich ernsthaft mit der Wahrscheinlichkeit auseinandersetzen, nach der Nationalratswahl in Opposition gehen zu müssen. Rot-Blau geht jedenfalls gar nicht; nicht einmal theoretisch.

Nun ist die Oppositionsbank aber ziemlich hart; in vielerlei Hinsicht. Also wäre es für Christian Kern durchaus vernünftig, zusätzlich das Amt des Bürgermeisters anzustreben. Damit könnte er sich schließlich eine parteiinterne Hausmacht und eine öffentliche Bühne sichern, um weiterhin für möglichst viele Österreicher wahrnehmbar zu bleiben – im Hinblick auf eine Nationalratswahl 2022 nämlich.

Johannes Huber betreibt den Blog dieSubstanz.at – Analysen und Hintergründe zur Politik.

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