Reisebericht voll Sehnsucht: “Zwanzig Lewa oder tot” von Karl-Markus Gauß

"Zwanzig Lewa oder tot" versammelt vier Reiseberichte
"Zwanzig Lewa oder tot" versammelt vier Reiseberichte - © APA/HERBERT PFARRHOFER / Zsolnay
Mit der ihm eigenen Mischung aus sehnsüchtiger Naivität, ethnohistorischer Kenntnis, liebevoller Geradlinigkeit und großem Sprachgeschick, die all seine Berichte auszeichnet, kann auch “Zwanzig Lewa oder tot” von Karl-Markus Gauß  reichlich dienen – unser Buch-Tipp der Woche.

Karl-Markus Gauß war wieder auf Reisen. Diesmal geht es nach Moldau, in die Batschka, nach Zagreb und Bulgarien. Das titelgebende Zitat ist gleichzeitig irreführend und punktgenau. Es entstammt der Begegnung mit einem kranken Bettler irgendwo in Bulgarien, der damit freilich vor seinem eigenen Tod gewarnt hat – und auch später noch zu überraschen weiß.

“Zwanzig Lewa oder tot”: Irreführender Buchtitel

Als die bettelnden Kinder ihm ihre ergatterte Münze bringen, sehen sich die Reisenden schon in einem “Vorurteil, das nicht das unsere war” bestätigt – nur um dann zu beobachten, dass er den Kindern die Münze so in Kleingeld wechselt, das jedes sich davon ein Eis kaufen kann.

Es sind diese Geschichten, die Gauß’ stets mit glasklarer sprachlicher Eleganz erzählte Reiseberichte immer wieder freudvoll machen – auch wenn sie sich meist in wenig freudigen Gegenden abspielen und auch wenn bei weitem nicht jede dieser Geschichten ein gutes Ende findet. Aber sie sind erzählt und erlebt von einem Menschenfreund, den eine unerschütterliche, hoffnungsvolle Sehnsucht immer wieder in die entlegenen Winkel Europas treibt.

Karl-Markus Gauß teilt Reise-Beobachtungen

Von der Zerrissenheit, der systematischen Zerstörung des multiethnischen Gleichgewichts in Grenz- und Einwanderungsregionen wie der Batschka zwischen Serbien und Ungarn oder der Republik Moldau, erzählt Gauß sowohl in geschickt positionierten und damit gut verdaulichen Geschichtslektionen wie in kleinen Begegnungen auf der Straße, in Beobachtungen von Denkmälern und Straßenzügen, in Gesprächen mit Intellektuellen und Kaffeehausgängern, in Nacherzählungen großer osteuropäischer Romane und in den Erinnerungen seiner donauschwäbischen Mutter.

Was Gauß nicht nur verstanden hat und offensiv lebt, sondern auch mitreißend zu erzählen weiß, ist, dass man abseits ausgetretener Touristenpfade oftmals eine hohe Frustrationstoleranz braucht, ein ausgeprägtes Gefühl “für die Schönheit hässlicher Städte” und eine Prise Glück bei den Begegnungen mit fachkundigen – wenn auch manchmal eher ungewöhnlichen – Experten. Dann aber hat man die Chance, überraschende Schätze zu heben, die in Gauß’ Universum, so sehr er ethnografisch und historisch und literarisch versiert ist, dennoch nie intellektuelle Schätze sind, sondern immer menschliche. Morgen, Donnerstag, präsentiert Gauß das Buch im Salzburger Literaturhaus.

Karl-Markus Gauß: “Zwanzig Lewa oder tot”, Zsolnay Verlag, 208 Seiten, 22,70 Euro

(apa/red)

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