Regelwerk abhandengekommen: Opernball-Zeremonienmeister beklagt Verlust der Etikette

Opernball-Zeremonienmeister Roman Svabek.
Opernball-Zeremonienmeister Roman Svabek. - © APA/Georg Hochmuth
Im Zuge der Berichterstattung über sexuelle Belästigungen hat sich der Zeremonienmeister des Wiener Opernballs, Roman Svabek, zu Wort gemeldet.

Die Berichte über sexuelle Belästigungen haben einmal mehr gezeigt, dass unser Zusammenleben enorme Defizite aufweist. Für den Benimmexperten und Zeremonienmeister des Wiener Opernballs, Roman Svabek, liegt dies vor allem daran, dass uns ein Regelwerk abhandengekommen ist, das über lange Zeit hinweg den Umgang der Menschen bestimmt hat: Die Etikette.

“Im Grund genommen geht es darum, den anderen so zu akzeptieren, wie er ist – und ihm mit Respekt zu begegnen. Das Miteinander verlangt Rücksichtnahme gegenüber der Mitmenschen”, erklärte Svabek der APA. Die Etikette ist – natürlich auch zwischen den Geschlechtern – die Umsetzung dieses Respekts. “Nur haben wir sie leider verloren”, beklagte der Tanzlehrer.

“Küss die Hand”: Benimm-Nachhilfe im 21. Jahrhundert

Um seinen mitunter ungezogenen Mitmenschen ein bisschen Benimm-Nachhilfe zu geben, hat Svabek das frisch erschienene Buch “Küss die Hand” (Amalthea Verlag) geschrieben. Darin findet sich die zeitlose Schule des guten Benehmens humorvoll umgelegt auf das 21. Jahrhundert. “Wichtig ist, dass man die Etikette kennt. Ob man sich daran hält, muss jeder selbst entscheiden”, erklärte Svabek.

Gute Umgangsformen beginnen schon mit Kleinigkeiten: “Ich grüße, wenn ich einen Raum betrete. Wenn mir auf einer engen Straße ein Mensch entgegenkommt, weiche ich aus und remple ihn nicht an, ich öffne für jemanden anderen die Türe.”

Ein großes Thema ist selbstverständlich der Umgang der Geschlechter miteinander. Denn so verstaubt die Etikette auch anmuten mag, sie hat Frauen lange Zeit hinweg vor Übergriffen geschützt – ohne dabei das Spiel der Geschlechter an sich zu dämonisieren.

Tanzschule als Lehrort für den Umgang der Geschlechter

Bestes Beispiel dafür waren Ballnächte, die schon früher sehr wild sein konnten. “Tanzen an sich hat ja eine sehr starke sexuelle Komponente. Es hat einen Grund, weshalb etwa der Walzer lange Zeit hinweg verboten war”, erklärte Svabek. Dennoch war klar geregelt, wo die Hand eines Mannes nichts verloren hatte. “Natürlich konnte eine Frau an den Falschen geraten, aber prinzipiell hat man aufeinander aufgepasst”, so der Benimmexperte. Deshalb ließ man auch seine eigenen Kinder gerne bei Bällen debütieren.

Der Umgang der Geschlechter miteinander ist auch ein großes Thema in den Jugendkursen in der Tanzschule von Svabek. “Die Jugendlichen lernen einander oft nur mehr über Dating-Apps kennen und wissen gar nicht, wie sie sich in der realen Welt verhalten sollen”, meinte Svabek. Eines hat sich aber nicht verändert: Egal wie abgebrüht und cool sich die jungen Leute geben, “in Wahrheit wollen alle wie Kate und William sein”.

Svabek hat schließlich auch einen Tipp für Personen, die allzu gerne über die Macken ihrer Mitmenschen herziehen. “Auch muss man sich nicht wegen jedes Nachtigallenausstoßes beschweren oder aufregen. Falls dies Ihr Leben beherrscht und die tägliche Aufregung Ihre Lebensqualität einschränkt: Suchen Sie sich ein Hobby.”

(APA, Red.)

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