Reaktionen am Wahlabend im Rathaus: Emotionen, Freude, Enttäuschungen

Von Amina Beganoviv und Nina Tatschl
Am Wahlabend zeigten die Spitzenkandidaten ohne Hemmungen ihre Freude über das Ergebnis - die meisten zumindest.
Am Wahlabend zeigten die Spitzenkandidaten ohne Hemmungen ihre Freude über das Ergebnis - die meisten zumindest. - © APA/Sujet
Nicht nur auf der Straße und in den jeweiligen Partei-Festzelten war es ein Abend des Bangens und der Freude: Auch im Wiener Rathaus war der Wahlabend sowohl bei den Spitzenkandidaten als auch bei so manchen Medienvertretern eine Achterbahn der Emotionen.

Besonders kurz vor 20.00 Uhr, als es um die entscheidende Hochrechnung ging, herrschte am Sonntagabend deutliche Anspannung im Wiener Rathaus (VIENNA.at berichtete für Sie live aus dem Medienzentrum). Alles blickte gespannt auf die Bildschirme, selbst das ununterbrochene Klappern auf den Tastaturen verstummte im Medienzentrum kurzzeitig. Und dann war es klar – das “Duell um Wien” (ein Begriff, der im Laufe des Abends übrigens zum Unwort des Medienzentrums gekürt wurde) war entschieden – zugunsten der SPÖ.

Im Festzelt der Sozialdemokraten brach ohrenbetäubender Jubel aus, als die Hochrechnung den roten Balken schließlich klar vor dem blauen zeigte. Bürgermeister und Spitzenkandidat Michael Häupl sah man die Selbstzufriedenheit deutlich an. Insbesondere für seinen freiheitlichen Kontrahenten Heinz-Christian Strache fand Häupl einige süffisante Worte: “Den Kampf um’s Rathaus hat er ausfechten wollen – und was ist H.C. Strache jetzt? Nix ist er geworden! Vamos a la playa!

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Vassilakou: “Bin geehrt, eure Chefin zu sein!”

Bei den Grünen gab es ebenfalls großen Jubel, auch wenn vor der Zahl kein Plus stand: Nachdem Vizebürgermeisterun und Spitzenkandidatin Maria Vassilakou bei ihrer Stimmabgabe doch ein wenig nervös gewirkt hatte, war die Freude über das Ergebnis umso größer – denn: eine Fortführung der Koaltion Rot-Grün (die “Koalition der Weltoffenheit”) ist somit nach wie vor im Rennen. Das war auch das erklärte Ziel der Grünen gewesen. Auf der anschließenden Wahlparty zeigte sich Vassilakou dankbar an ihr Team: “Ich fühle mich geehert, eure Chefin zu sein!”

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Die Grüne-Zentrale, was man nach kurzem Treppen-auf-und-Treppen-ab im Hochparterre vorfand,  war wohl eines der ruhgisten Orte im Rathaus. Bei frischen Obstsäften und kleinen Snacks unterhielten sich die anwesenden Politiker über die mögliche Koalition. Eine sichtlich erfreute Grüne-Chefin, Eva Glawischnig, meinte zum VIENNA.at-Team, dass das stilisierte “Duell” Rot-Blau die Grünen zwar Stimmen gekostet habe, sie aber Koalitionsverhandlungen mit der SPÖ schon für beschlossene Sache hält. “Mit der FPÖ kann man nicht zusammenarbeiten”, so Glawischnig weiter.

NEOS schafften den Einzug: Jubel bei den Pinken

Fast schon ein wenig ungläubig war das Gesicht von Spitzenkandidatin Beate Meinl-Reisinger, als sie das Ergebnis sah. Dann brach aber auch bei den Pinken der Jubel los: Die NEOS hatten mit ihrem Ergebnis den Einzug geschafft, die fünf-Prozent-Hürde war überwunden. Die Erleichterung war Meinl-Reisinger doch merklich anzusehen, sie zeigte sich “sehr sehr glücklich” über das Ergebnis. “Danke! Wien hat eine neue Kraft der Veränderung,” posteten die Pinken sogleich auch auf Facebook.

Strache: “Ich hab euch alle lieb”

Und wie ging es im blauen Wahlzelt beim Rathaus zu? Da zeigte man natürlich Freude über das “historische Ergebnis” der FPÖ, die den Sprung über die 30-Prozent-Hürde geschafft hatte. Bei Schnitzel und Schlager brachen tosender Applaus und “HC”-Chöre aus. “Ihr seid spitze!”, rief Strache der gut gelaunten Menge zu. Das ging auch bis zu einem “Alle hab ich euch lieb!”, so sehr war der blaue Spitzenkandidat vom Zuspruch seiner Anhänger gerührt. Man habe das historisch beste Ergebnis in Wien eingefahren, so Strache zufrieden, der nichts von einem “verlorenen Duell hören wollte: “Ein Drittel der Wienerinnen und Wiener, die kann man nicht mehr ausgrenzen”, betonte Strache, seine Fans bedankten sich mit “Wir sind das Volk”-Rufen.

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FPÖ-Generalsekretär Herbert Kickl, der dem VIENNA.at-Team in einem Gang im Rathaus nach einigen Interviews in die Arme lief, zeigte sich “sehr erfreut” über das blaue Ergebnis. Er sprach ebenfalls von einem historischen Ereignis für die Freiheitlichen. Mit Johann Gudenus stellt die Partei den ersten blauen Vizebürgermeister. Vor dem Rathaus, im FPÖ-Zelt stieg die große Party mit der obligatorischen John Otti Band und lauten “HC-Rufe” bis weit in die Nacht hinein.

Juraczka gab Rücktritt bekannt

Weniger bis gar nicht erfreut war die Stimmung im ÖVP Rathausklub – Medienvertreter, die eine Stellungnahme vom Wiener Spitzenkandidaten einholen wollten, wurden vertröstet, denn “Herr Juraczka ist im Moment nicht zu sprechen.” Wenig später machte aber auch schon ein Gerücht die Runde im Medienzentrum, das sich schließlich auch bewahrheiten sollte: Spitzenkandidat Manfred Juraczka gab seinen Rücktritt bekannt. Seine Enttäuschung sei “sehr groß”, vertraute er schließlich dem Standard in einem Interview an.

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“Die Zukunftsthemen der Stadt wurden vom Thema Flüchtlinge überlagert. Es ist sehr schmerzlich. Wir sind mit unseren Themen Wirtschaftspolitik und Verkehrspolitik nicht durchgekommen. Ein Spitzenkandidat ist jedenfalls in der Verantwortung für ein Wahlergebnis.”

>> Überblick: So wählten die Wiener Bezirke – alle Ergebnisse.

(Red.)

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