Rapid-Trainer Zoran Barišić im Interview: “Öffentlichkeit will hören, dass man auf die Mannschaft draufhaut”

Von David Mayr
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Rapid-Trainer Zoran Barišić lässt die abgelaufene Saison Revue passieren.
Rapid-Trainer Zoran Barišić lässt die abgelaufene Saison Revue passieren. - © APA/EXPA/ Alexander Forst
Rapid-Trainer Zoran Barišić spricht im ausführlichen VIENNA.at-Interview über die verspielte Meisterschaft, Angebote, die seine Spieler “verrückt gemacht” haben, er erklärt, warum er sich keinen Fehler vorzuwerfen hat sowie welche Schritte zur weiteren Verbesserung nun folgen müssen.

Formal hat Rapid Wien in der abgelaufenen Saison das öffentlich ausgegebene Ziel erreicht: Den internationalen Startplatz konnten sich die Grün-Weißen als Vizemeister souverän sichern, in der Europa League sorgten die Hütteldorfer im Herbst für Furore, bis sie im Februar vom spanischen Krisenklub Valencia in gnadenloser Manier auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt wurden.

Im Hintergrund allerdings stieg freilich die Hoffnung, mit einem Titel ins brandneue Allianz Stadion einzuziehen und so die Euphorie zur Eröffnung im Juli noch einmal gewaltig ansteigen zu lassen. Konkurrent Red Bull Salzburg schürte diese zusätzlich mit einigen Stolperern und oft mäßig überzeugenden Auftritten. Am Ende musste sich Rapid in der Bundesliga jedoch wieder mit Platz zwei zufrieden geben, ein Vize-Titel mit dem sich die Wiener Fans mittlerweile nicht mehr abspeisen lassen wollen. Doch elf Niederlagen in 36 Runden ließen jeden Anspruch auf den Meisterteller verpuffen.

Deshalb, und wegen der Pleiten gegen Valencia und die Admira sowie weiterer Auftritte, bei denen Grün-Weiß nicht über Mittelmaß hinauskam, blies Trainer Zoran Barišić in diesem Frühjahr erstmals in seiner Amtszeit als Cheftrainer von Rapid ein rauer Wind entgegen. Im ausführlichen Interview mit VIENNA.at wehrt sich der Wiener gegen die Kritiker, verteidigt seinen sich vor die Mannschaft stellenden Kommunikationsstil, spricht von einer der “erfolgreichsten Saisonen von Rapid aller Zeiten” und gibt einen Ausblick auf einen turbulenten Transfersommer.

VIENNA.at: Herr Barišić, starten wir mit der Frage nach der Saisonbilanz: Nach der Niederlage in Grödig am viertletzten Spieltag meinten Sie, Platz zwei sei möglicherweise das Maximum, das für Rapid heuer zu erreichen war, wenig später sagten Sie, dass heuer mehr drin gewesen wäre. Spiegeln diese beiden Aussagen wider, dass man im Klub selbst nicht so recht weiß, wie man die Saison einschätzen soll?

Zoran Barišić: Als wir vor zwei Jahren ins Happel-Stadion eingezogen sind, waren wir dabei, eine neue Mannschaft aufzubauen und haben den Weg vorgezeichnet, wo wir hin wollen. Hätte mir damals jemand gesagt, dass wir uns so entwickeln würden, dass wir heute da stehen, wo wir jetzt stehen, hätte ich das sofort, ohne Wenn und Aber, unterschrieben. Sowohl auf der sportlichen Ebene in der Meisterschaft und im internationalen Bewerb, als auch was die Entwicklung des Vereins betrifft. Das Problem ist, dass die Erwartungshaltung in einer Phase, in der wir sehr nahe an Salzburg dran waren, gestiegen ist, wir es jedoch verabsäumt haben, an ihnen vorbeizuziehen. Deshalb ist die Enttäuschung aller sehr groß, was ich verstehen kann. Denn die Möglichkeiten waren durchaus da.

Wie ging das Team mit dieser Enttäuschung um?

Wir waren in Altach, Ried oder Wolfsberg definitiv die bessere Mannschaft, aber ließen einfach sehr viele Chancen aus. Da wir aus dieser Überlegenheit kein Kapital schlagen konnten, erzielten wir nicht die richtigen Resultate, deshalb sind wir der Erwartungshaltung nicht gerecht geworden. Das hat uns auch selbst geärgert. Was mich aber maßlos stört, ist, dass viele den Weg aus den Augen verloren haben.

Mit “viele” meinen Sie Spieler?

Nein! Die Spieler sind die, die am meisten enttäuscht sind! Ich meine die öffentliche Wahrnehmung. Wie auch nach dem Altach-Match von Damir Canadi, bekommen wir Lob von allen, die sich im Fußball gut auskennen. Vor allem, was unser Spiel betrifft, im Vergleich zur Situation vor drei Jahren.

Wann war für Sie klar, dass es auch heuer nichts mit dem Meistertitel werden wird?

Nach dem 1:1 zu Hause gegen Salzburg. Das war die letzte Chance, das Titelrennen noch einmal spannend zu machen. Die Mannschaft bot dort eine phantastische Leistung, wir waren das bessere Team, bei einer Standardsituation aber nicht wach. Diese Partie war auch ein Spiegelbild der Saison. Wir haben gut gespielt, waren in Führung und dem Gegner gelingt aus ganz wenigen Möglichkeiten ein Treffer. Genauso bezeichnend waren die Spiele in Altach und Ried, wo wir sogar ohne Chance des Gegners ein Tor bekommen haben. Wie gesagt, das Eine ist das Spielerische, das die Mannschaft umgesetzt hat und das Andere das Resultat, wo es uns leider nicht gelungen ist, diese Spiele zu gewinnen.

Würden Sie einen Knackpunkt während der Saison ausmachen, an dem die Mannschaft ihren Flow verloren hat?

Ich würde nicht Knackpunkt sagen, ich würde es anders formulieren. Dadurch, dass sich die Spieler bis zum Winter so phantastisch entwickelt hatten, haben sie Begehrlichkeiten geweckt. Manager und Vereine waren hinter ihnen her und haben sie mit Anfragen und Angeboten verrückt gemacht. Das war dann im Hinterkopf ein ständiger Begleiter und möglicherweise glaubt der eine oder andere Spieler, dass er etwas versäumt, wenn er diese Chance nicht wahrnehmen kann und sofort wechselt. Das ist sicher einer der Punkte, wo ich der Meinung bin, dass uns als Team zwei, drei Prozent gefehlt haben.

Die schlechte Chancenverwertung ist im Laufe dieser Saison schon zur Genüge erwähnt worden. Gibt es Ihrer Ansicht nach weitere, gewichtige Faktoren, warum Rapid fast ein Drittel der Meisterschaftsspiele nicht gewinnen konnte?

Einerseits ist es so, dass du diese Spiele aufgrund der vielen Torchancen eigentlich gewinnen musst, auf der anderen Seite darfst du sie dann zumindest nicht verlieren. Da gilt es, in der Defensive im eigenen Spieldrittel noch kerniger und konkreter zu agieren. Man muss immer hochkonzentriert bleiben und darf sich nichts ersparen, um Gegentore zu vermeiden und zumindest einen Punkt zu holen. Im Fußball kann immer etwas passieren, auch wenn du das Gefühl hast, im Match die weit bessere Mannschaft zu sein.

Wir sind schon ein paar Mal zusammengesessen und die Entwicklung Ihrer Mannschaft war immer eines der wichtigsten Schlagworte. Nun sind die Probleme Rapids – Chancenverwertung, Schwierigkeiten gegen besonders defensiv eingestellte Gegner – seit gut eineinhalb Jahren hinlänglich bekannt und nach wie vor präsent. Wo würden Sie dennoch sagen, dass sich die Mannschaft entschieden weiterentwickelt hat?

In der Fähigkeit, jeden Gegner dominieren zu können, egal ob auswärts oder zu Hause. Auch in der Spielanlage hat sie sich weiterentwickelt – dass wir immer wieder anders attackieren und die Pressinglinie verschieben, dass wir im Spielaufbau flexibler geworden sind. Wir haben uns in vielen Bereichen weiterentwickelt, aber die Chancenauswertung war nach wie vor unsere Problemzone. Auf der anderen Seite ist es doch wunderbar, dass es die Mannschaft schafft, den Gegner in dessen Hälfte hineinzudrücken, ihn zu dominieren und auch gegen tief stehende Teams Chancen zu kreieren.

Was alleine aber nicht reicht.

Du brauchst in solchen Spielen eben auch den sogenannten “Dosenöffner”, damit der Gegner auch etwas fürs Spiel machen muss und du mehr Räume vorfindest und kontern kannst. In dieser Hinsicht werden wir uns verbessern müssen. Wir haben in dieser Saison zwar 66 Tore geschossen, aber das sind eigentlich um 20 zu wenig, wenn ich mir anschaue, welche Chancen wir ausgelassen haben.

Sie haben die Flexibilität angesprochen und auch gemeint, die Mannschaft müsse in ihrem Spiel noch flexibler werden. Was meinen Sie genau damit?

Ich will jetzt nicht ins Detail gehen, da können sich die Gegner ja gleich drauf einstellen. Aber in groben Zügen gesagt, meine ich damit die Flexibilität, was Systeme und Spielanlage betrifft.

Zoran Barišić: “Ich würde alles wieder genauso machen”

Welche Punkte haben Sie bei der Saisonabschlussanalyse mit der Vereinsführung eingebracht?

Die Details bleiben natürlich intern, aber es ging um meine Vorstellungen, wie und wo wir uns verbessern müssen, was wir verändern sollten, um unsere nächsten Schritte in die richtige Richtung zu machen. Wir sind auf einem gewissen Niveau angelangt, jetzt heißt es, dieses auf die nächste Stufe zu heben. Schließlich wollen wir noch besser werden.

Wirtschaftlich und infrastrukturell ist Rapid mit dem neuen Stadion und dem 30-Millionen-Euro-Budget in neue Sphären vorgestoßen, die Schere zu den kleinen Klubs geht auch in Österreich weiter auf. Dennoch wurden gerade in den Spielen gegen diese wieder zahlreiche Punkte liegengelassen. Was muss passieren, damit sich das ändert?

Das habe ich vorhin bereits erwähnt: Jene Spiele, die wir verloren haben, nicht zu verlieren. Aber: Das Wichtigste wird sein – und das ist auch ein riesengroßes Thema – dass wir über die gesamten 36 Runden, in jedem Spiel, ein komplettes Team sind. Dass, wenn der eine oder andere einmal nicht spielt oder nicht im Kader steht, er trotzdem das Team in den Vordergrund stellt.

Dieses Gefühl hatte man bei Rapid aber ohnehin schon.

Ja, aber da geht noch mehr.

Gibt es Fehler, die Sie sich diese Saison im Nachhinein eingestehen müssen?

Man überprüft sich immer wieder selbst. Du musst als Trainer die richtigen Entscheidungen treffen. Grundsätzlich würde ich alles wieder genauso machen. Ich wüsste nicht, warum ich Fehler gemacht haben sollte. Es war eine der erfolgreichsten Saisonen von Rapid aller Zeiten. Was man vergisst ist, dass es die Mannschaft nach Spielen wie gegen Valencia oder die Admira, als wir diese schlechte Phase hatten, trotzdem immer wieder geschafft hat, den Blick nach vorne zu richten und so schnell wie möglich wieder Leistung gezeigt und Resultate geliefert hat, um wieder Anschluss an Salzburg zu finden. Das war alles andere als einfach und spricht für unsere gemeinsame Arbeit.

Sie sind in der Öffentlichkeit stets besonnen und stellen sich vor Ihre Mannschaft, umgekehrt ist Sportdirektor Andreas Müller in der Öffentlichkeit angriffslustiger. Ist das auch eine bewusste Rollenverteilung gegenüber den Medien oder entspringt das einfach Ihrem Naturell?

Wenn es eine bewusste Rollenverteilung wäre, ist diese nicht gut für mich gewesen, weil die Öffentlichkeit hören möchte, dass man auf die Mannschaft draufhaut. Ich bin derjenige, der die Spieler schützt, Andreas Müller hat als Sportvorstand das Recht, in der Öffentlichkeit alles zu sagen und ist hin und wieder auch sehr emotional. Da ist für mich verständlich. Jedenfalls ist das bei uns keine bewusste Rollenverteilung.

Werden Sie in diesem Bereich der Außendarstellung etwas ändern? Zuletzt sagten Sie, einige würden glauben, Sie seien “zu nett”.

Ich werde mich, was meine Charakterzüge betrifft, mit Sicherheit nicht ändern. Vielleicht werde ich etwas klarer analysieren und die Mannschaft in der Öffentlichkeit mehr fordern. Aber das bedeutet nicht, dass ich auf sie draufhauen werde.

Rapid steht wohl ein intensiver Transfersommer bevor, mit Arnór Traustason wurde bereits ein Rekord-Neuzugang unter Dach und Fach gebracht. Welchen Eindruck hat er bei seinem Kurzbesuch in Wien hinterlassen?

Ein leiwander Bursch, sehr teamfähig und gescheit. Er ist mit Norrköping als Außenseiter Meister geworden, hatte einen sehr guten Trainer, der nach der EURO auch schwedischer Teamchef werden wird. Er ist in der Offensive sehr flexibel einsetzbar und sicher ein Spieler, der uns weiterbringen kann. Ich bin sehr froh, dass wir diesen Transfer tätigen konnten, denn wir hatten ihn schon seit 2015 auf dem Zettel.

Jetzt geht es in den Urlaub, doch Transfers werden ja auch mit Ihnen abgesprochen. Können Sie da überhaupt abschalten, um die Batterien wieder aufzuladen?

Nein, aber es ist auch in der Vergangenheit schon sehr intensiv gewesen, da unsere Planungen für die kommende Saison weit zurückgehen. Das gehört einfach zum Job. Als Trainer hast du den großen Wunsch, die Mannschaft zu Beginn der Vorbereitung zusammenzuhaben. Aber aufgrund der Europameisterschaft und da sich dadurch viele Transfers nach hinten verschieben werden, wird auch während der Vorbereitung noch einiges passieren.

Wie Sie bereits gesagt haben, stehen einige Ihrer Spieler bei anderen Klubs auf dem Zettel. Florian Kainz und Stefan Stangl werden, wenn überhaupt, nur schwer zu halten sein. Wie gehen Sie als Trainer mit dieser Situation, dass wieder zwei Leistungsträger vor dem Absprung stehen, um?

Grundsätzlich gehe ich mit einem positiven Gefühl in die Sommerpause, weil wir schon einige Dinge vorgearbeitet haben. Klar weiß ich, dass noch vieles passieren kann, aber wir sind gewappnet. Es gehört zu unserer Philosophie, dass wir mögliche Abgänge so kompensieren können, dass sie kein Problem darstellen sollten. Vor einem Jahr verkauften wir Robert Berič, unser bester Transfer aller Zeiten. Da musst du sofort reagieren können. Wir haben ein gutes Scoutingsystem und von jenen Spielern, die infrage kommen, ein klares Bild, wie sie in unser Profil passen. So wollen wir den Kader nicht nur adaptieren, sondern mit Transfers die Qualität noch einmal anheben.

Wie groß ist die Freude auf das neue Stadion?

Sehr groß! Wir gehen mit einem sehr, sehr positiven Gefühl ins Allianz Stadion. Uns wurde ja prophezeit, dass wir im Happel-Stadion einen Zuschauerrückgang und keinen Heimvorteil haben würden. Was ist passiert? Wir haben Rekorde purzeln lassen! Das spricht für das, was der gesamte Klub hier auf die Beine gestellt hat. Jetzt ist die Vorfreude aufs neue Stadion noch größer. Wir wollen wieder die Rekorde purzeln lassen, wieder mehr Zuschauer anlocken.

Ein Wunsch für die neue Saison?

Noch besser zu werden, dass die Stimmung positiv ist, dass der Glaube von allen an unseren Weg da ist und dass wir diesen Weg nicht verlassen. Und dass wir so erfolgreich wie möglich sind.

Letzte Frage, abseits von Rapid: Was trauen Sie Österreich bei der EURO in Frankreich zu?

Zunächst ist es wünschenswert, dass wir die Gruppenphase überstehen und dann ist alles möglich. Die Chancen sind da, denn die Voraussetzungen sind sehr gut. Du brauchst natürlich etwas Spielglück, aber ich traue ihnen viel zu.

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