Queeres Filmschaffen aus aller Welt im Viennale-Festivalprogramm

Queeres Filmschaffen bei der 55. Viennale, u.a. auch "Marvin"
Queeres Filmschaffen bei der 55. Viennale, u.a. auch "Marvin" - © Viennale 2017
Neben dem Cannes-Gewinner “120 Battements par Minute” von Robin Campillo darf man sich bei der Viennale 2017 hinsichtlich der Werke mit homosexueller Thematik auch auf den Sundance-Preisträger “Beach Rats” freuen.

Eine Auswahl aus dem entsprechenden Spiel- und Dokumentarfilmbereich:

“Beach Rats”

Ein ungewöhnliches Regiedebüt legt die junge US-Filmemacherin Eliza Hittman mit “Beach Rats” hin – und erntete bei der Weltpremiere in Sundance dafür auch gleich einen Regiepreis. Nach Festivaleinsätzen unter anderem in Locarno kommt das Werk nun auch zur Viennale. Dabei stellt “Beach Rats” anders, als der Titel vermuten lässt, kein Gruppenporträt dar, sondern rückt ganz Frankie ins Zentrum. Der Endteenager, gespielt vom britischen Nachwuchsstar Harris Dickinson, hängt untertags mit seinen Kumpels an der Strandpromenade von Coney Island ab, nimmt Drogen, schlägt die Zeit tot. Halbherzig beginnt er eine Beziehung mit Simone (Madeline Weinstein), während er nachts am Computer in Sexchats mit älteren Männern geht. Diese führen alsbald zu Parkplatztreffen, bei denen Frankie seine ersten Erfahrungen macht. Zugleich stirbt daheim sein Vater an Krebs, was nicht zuletzt Frankies Mutter Donna (Kate Hodge) schwer belastet.

In der schwül-stoischen Atmosphäre des New Yorker Sommers benötigt “Beach Rats” nur wenige Worte, um seine Geschichte zu erzählen. Dickinson, der als Brite vollkommen glaubwürdig den identitätssuchenden Brooklyn-Guy spielt, ist Paradevertreter einer trotzigen No-Future-Generation, dessen Mund nur selten ein Lächeln umspielt, sondern der eine Mimik besitzt, in der Unsicherheit ebenso ihren Platz findet wie eine widerspenstige Arroganz. Hittman hat dazu passend auf grobkörnigem 16mm-Material gedreht, das die rohe, ungeschliffene Grundstimmung perfekt widerspiegelt. Frankies Suche nach seiner Identität, das Ausleben verschiedener Wege, lässt Regisseurin Hittman letztlich in einem Verbrechen münden, als das nur mühsam verborgene Gewaltpotenzial aus der Deckung kommt. (21. Oktober im Gartenbaukino und 22. Oktober in der Urania)

“Marvin”

Regisseurin Anne Fontaine (“Nathalie”) präsentiert mit “Marvin” ein neues Werk, dessen Story schon beinahe prototypisch nach dem Subgenre Coming-Out-Film klingt. Im Kern der Narration steht der titelgebende junge Marvin Bijou, als Erwachsener gespielt vom franko-britischen Nachwuchsstar Finnegan Oldfield, der am französischen Land aufwächst und von Beginn an in das derbe, von Armut und Alkohol geprägte Umfeld des Dorfes so gar nicht zu passen scheint. Mit seiner vermeintlich zu weichen Art wird er schnell zum Außenseiter.

Am Ende erkennt Marvin auch dank der Unterstützung einiger Begleiter auf seinem Lebensweg nicht nur seine Homosexualität, sondern auch den Ausweg aus seinem Elend. So wird aus Marvin Bijou Martin Clement, der das Land hinter sich lässt und nach Paris geht, wo er nicht zuletzt Dank der Unterstützung durch Isabelle Huppert, die sich selbst spielt, mit einem autobiografischen Theaterstück Erfolge feiert. Marvin findet dank der Kunst den Frieden mit seiner Vergangenheit und schafft es, die Eigengewalt über sein Leben zu erringen. Ihre Geschichte erzählt Anne Fontaine, die auch für das Drehbuch mitverantwortlich zeichnete, im Hin- und Herspringen zwischen den Zeitebenen zwar etwas langatmig. Aber dennoch gab es bei den heurigen Filmfestspielen von Venedig als Draufgabe noch den Queeren Löwen. (20. Oktober im Stadtkino und 29. Oktober im Metro)

“Queercore: How to Punk a Revolution”

Grell, bunt, schnell – so war jene Bewegung, die sich in den 1980ern von der maskulin-testosteronigen Punkbewegung absetzte und sich ebenfalls gegen die als zu bourgeoise empfundene Schwulenbewegung stellte: Queercore. Und grell, bunt und schnell ist auch die neue Dokumentarbeit des in Berlin ansässigen US-Amerikaner Yony Leyser, der sich dieser im Mainstream weitgehend unbekannten Musik- und Szenebewegung widmet. Dafür versammelt er Vorreiter wie Regisseur Bruce LaBruce vor der Kamera, der in den 80ern mit wenigen Gleichgesinnten und der Hilfe von selbst gebastelten Magazinen die Illusion bei Jugendlichen im ganzen Land erweckte, es gebe eine große Szene in Toronto – eine sich selbst erfüllende Prophezeiung gewissermaßen. So begründete sich die Szene praktisch selbst abseits der Dogmen und im Bestreben, sexuelle Vielfalt als Waffe im Kampf gegen eine heteronormative Mehrheitsgesellschaft einzusetzen.

Mit harten Wechseln, trashigen Schnitten, einer collagenartigen Zusammenschau zwischen Glennda Orgasm bis hinauf zu Beth Ditto, von Rock zu Hardcore Punk spannt Leyser den Bogen, unter dem die New York Dolls ebenso Platz finden wie Wayne/Jayne County oder neuere Phänomene wie Riot Grrrls. Auf eine Einordnung dieses bunten Kosmos durch Außenstehende verzichtet der Regisseur, der seinen Film bei der Viennale persönlich vorstellt. Am Wort sind hier die alten und nicht ganz so alten Kämpfer der Bewegung, die sich mal amüsiert, mal wehmütig an vergangene Zeiten erinnern und die Fahne wider die Anpassung hochhalten. (24. Oktober im Stadtkino und 25. Oktober im Metro)

Infos zur Veranstaltung

V17

Viennale – Vienna International Film Festival (V’17)

Wann: 19.Oktober bis 2.November 2017
Wo: Gartenbaukino, Stadtkino im Künstlerhaus, Urania, Metro, Filmmuseum
Programm: Online auf viennale.at
Link zur Homepage

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>> Alle News und Infos zur 55. Viennale

(APA/Red.)

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