Psychologisch aufgeladene Inszenierung: Badoras “Medea” im Wiener Volkstheater

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Stefanie Reinsperger als "Medea" im Wiener Volkstheater.
Stefanie Reinsperger als "Medea" im Wiener Volkstheater. - © APA
Anna Badora legte ihre zweite Inszenierung als Volkstheater-Direktorin hin – mit einer psychologisch aufgeladenen Version von Franz Grillparzers “Medea”, die ganz von den beiden ersten Teilen seiner Trilogie “Das goldene Vlies” durchdrungen ist. Die Premiere fand am Sonntagabend statt.

Bei der Premiere bekam das Publikum eine solide Deutung des antiken Stoffs zu sehen, die bisweilen jedoch gar akademisch wirkte. An “Medea” hat sich Badora offensichtlich noch nicht abgearbeitet. Nachdem sie das Stück bereits vor zehn Jahren am Grazer Schauspielhaus inszeniert hat, nimmt sie sich die rasende Kindsmörderin aus Kolchis nun noch einmal – und diesmal weitaus umfassender – vor. Stefanie Reinsperger ist als Medea von schmerzvollen Flashbacks geplagt, die dem Publikum ihre in “Der Gastfreund” und “Die Argonauten” erzählte Geschichte noch einmal vor Augen führen. Medea ist die Frau, zu der sie Ereignisse in ihrer Jugend, ihre Flucht mit Jason und früher begangene Morde gemacht haben. Doch wer genau ist das nun wirklich? Diese Frage kann Reinsperger leider selbst nicht nachvollziehbar beantworten.

“Medea”: Die Charaktere

Hin- und hergerissen zwischen der Szenerie in ihrer Heimatstadt Kolchis, wo die junge Medea (Luana Otto) mithilfe eines von ihr gebrauten Trankes dem Vater bei dem Mord an einem Fremden assistiert, und dem Schloss des Korintherkönigs Kreon, wohin sie als Erwachsene mit ihrem Ehemann Jason und den beiden Kindern geflohen ist, schwankt Reinsperger allzu sehr zwischen hexengleicher Naturgewalt, treu dienender Ehefrau, verzweifelter Mutter, abgeklärtem Outlaw und ratloser Hysterikerin. Die vielfach ausgezeichnete Schauspielerin, die das Volkstheater in der kommenden Saison Richtung Berlin verlassen wird, findet in dieser groß angelegten Inszenierung nicht so richtig Tritt. Somit bleibt ihre Medea verstörend blass und unglaubwürdig.

Als Frau mit freiem Willen kündigte Badora diese Medea im Vorfeld an, geworden ist es eine überforderte Frau, die sich von ihrem Umfeld treiben lässt und schließlich an den zahlreichen an sie gestellten Anforderungen, Zuschreibungen und Demütigungen zerbricht. Ihr zur Seite steht Gabor Biedermann als wenig heldenhafter Jason, der sich vom rasend Verliebten zum erkaltenden Ehemann wandelt, dem das eigene Heil schließlich wichtiger ist als jenes der Familie. Zuflucht findet er mit den Kindern bei Kreon, den Günter Franzmeier als herrlich oberflächlichen Lackaffen gibt, der Jason bereitwillig seine nicht weniger glatt polierte Tochter Kreusa (Evi Kehrstephan) zur Frau gibt.

Langer Applaus bei Premiere im Volkstheater

Die vom Gastland nicht akzeptierte Medea bleibt mit der Amme Gora vor den Toren der verglasten Villa Kreons (Bühne: Thilo Reuther) zurück. Anja Herden füllt diese kleine Rolle mit gelassener Zurückhaltung und geheimnisvoller Tiefe aus und fällt am Ende von ihrer Herrin ab – nicht ohne den Auftrag, die Nebenbuhlerin zu töten, auszuführen. Das Ende bleibt unabwendbar, auch, wenn Medea hier zögert, ihre Kinder zu töten. Ob aus Rache an ihrem Ehemann, Ausweglosigkeit oder plötzlichem Wahnsinn, bleibt diffus.

Anna Badora ist es jedenfalls gelungen, den gesamten Stoff rund um “Das goldene Vlies” kurzweilig und schlüssig innerhalb von nur zweieinhalb Stunden auf die Bühne zu bringen. Die von schrillen Tönen und Blitzlichtern eingeleiteten Erinnerungen Medeas, die hinter einer Glaswand spielen, sind zwar nicht unbedingt unkonventionell, ermöglichen jedoch, einzelne Szenen mithilfe vergangener Vorgänge zu kontextualisieren. Medea ist nicht von Grund auf böse, sondern wurde von ihrem Umfeld zu der gemacht, die sie jetzt ist. Schade nur, dass nicht so klar wird, wer das nun wirklich sein soll.

Das Publikum dankte der Volkstheaterdirektorin dennoch mit langem Applaus für einen komplexen Abend, der durchaus dazu geeignet ist, sich über die Themen Fremde und Anderssein Gedanken zu machen. Es ist aber auch einfach ästhetisch durchdrungen übersetzte Theaterliteratur, die sich nicht scheut, keine klaren Antworten zu geben.

Karten und Infos gibt es unter 01 52111 400 oder hier online.

(apa/red)

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