Psychisch kranker Serientäter attackierte zwei Wienerinnen: Eingewiesen

Der gefährliche Serientäter stand in Wien vor Gericht
Der gefährliche Serientäter stand in Wien vor Gericht - © APA (Sujet)
Ein 33-jähriger gebürtiger Texaner, der im Sommer in Wien zwei Frauen attackiert und schwer verletzt hatte, ist am Montag im Landesgericht in eine Anstalt für geistig abnorme Rechtsbrecher eingewiesen worden.

Der 33-Jährige, der in Deutschland studiert hatte und im Juni nach Wien gekommen war, war laut einem psychiatrischen Gutachten zu beiden Tatzeitpunkten zurechnungsunfähig.

“Festgestellt, dass mit mir etwas nicht stimmt”

Bereits 2008 habe er festgestellt, “dass mit mir etwas nicht stimmt”, berichtete der Informatiker dem Schwurgericht (Vorsitz: Eva Brandstetter). Auf die Frage, ob er sich behandeln habe lassen, erwiderte er: “Ich hab’ mich nicht drauf eingelassen.” Erst als seine Zustände immer schlimmer wurden, begab er sich in eine Klinik in Deutschland, wo er Quetiapin – ein atypisches Neuroleptikum – verschrieben bekam. Noch zwei weitere Male musste der Mann infolge psychotischer Episoden stationär therapiert werden, ehe er die Medikamente absetzte (“Es ging mir gut”) und sich entschloss, nach Wien zu ziehen, wo er sich eine Arbeit suchen wollte.

Psychisch Kranker erhielt “Botschaften”

Wie er nun dem Gericht darlegte, habe er dieses Unterfangen abbrechen müssen, weil seit 2008 an ihm ein “Experiment” praktiziert werde. Die NATO bzw. das Militär schicke ihm Leute hinterher, die ihm auf der Straße Botschaften zuflüstern bzw. diese auf ihrer Kleidung tragen würden. Das Ganze ziele darauf ab, “mir etwas mitzuteilen oder Aufträge zu erteilen. Ich bin verfolgt. Das ist kein Wahn”.

Um sich dafür zu rächen, habe er am 6. August die Uni-Bibliothek im AKH aufgesucht, um – wie er später in seiner polizeilichen Einvernahme erklärte – “irgendeine Person mit einer Flasche zu schlagen”.

Glasflaschen-Attacke auf Studentin im AKH Wien

Er versetzte einer Studentin, die an ihrer Diplomarbeit saß, mit einer mit Urin gefüllten Eineinhalb-Liter-Flasche einen derart wuchtigen Schlag gegen den Kopf, dass das Glas zerbrach und die 28-Jährige bewusstlos zu Boden stürzte. Sie erlitt neben einem Schädel-Hirn-Trauma unter anderem einen Schädelbruch im rechten Schläfenbereich und Gehirnblutungen. Andere Bibliotheksbesucher hielten den Mann, der nach der Tat seelenruhig einen Schoko-Snack verzehrte, fest und übergaben ihn der Polizei.

“Ich hab’ gar nicht gewusst, was los ist”, schilderte die junge Frau im Zeugenstand das Erlebte. Sie habe drei Monate aufgrund ihrer Verletzungen “im Bett verbracht”, gegenwärtig leide sie noch an Drehschwindel und Muskelspasmen. Auf die Frage der Vorsitzenden, wie es ihr psychisch gehe, meinte die 28-Jährige mit Blick auf den Angeklagten: “Körperlich hat er genug hingemacht. Psychisch lass’ ich mich nicht ankratzen.”

Zweites Opfer auf offener Straße attackiert

Ähnlich reagierte eine 29-Jährige, die der Texaner laut Staatsanwaltschaft am frühen Morgen des 21. Juni am Heimweg von einer Geburtstagsfeier am Siebensternplatz mit zwei Kampfmessern angegriffen hatte. Obwohl sie die Attacke um ein Haar das Leben gekostet hätte, wagt sich die Akademikern weiterhin auch nachts allein auf die Straße. “Es war am Anfang eine große Überwindung. Aber es geht überraschend gut”, verriet sie in ihrer Zeugenbefragung.

Ihrer Darstellung zufolge war ihr der Unbekannte ohne ersichtlichen Grund nachgelaufen und hatte ihr von hinten ein Messer zehn Zentimeter tief in den Rücken gestochen. Weil er von zwei des Weges kommenden Passanten abgelenkt wurde, gelang der Akademikerin zunächst die Flucht. Der Angreifer holte sie jedoch wieder ein und versetzte ihr in der Kirchengasse weitere Messerstiche, wobei einer die rechte Niere beschädigte, was eine Blutung aus einem Schlagaderast in die hintere Bauchwand zur Folge hatte. Daneben fügte er ihr Verletzungen am rechten Schlüsselbein und am Scheitel sowie Schnittwunden an der rechten Halsseite zu.

Mit Messer in Wien-Neubau schwer verletzt

Die Schwerverletzte konnte sich mit letzter Kraft zu ihrem Lebensgefährten in ihre nahe gelegene Wohnung schleppen und dort noch selbst Hilfe holen. “Nur durch die rasche ärztliche Versorgung mit Verschluss des Schlagaderastes konnte gerade noch ein ansonsten zu erwartender Verblutungstod verhindert werden”, hielt der Gerichtsmediziner in einem im Auftrag der Justiz eingeholten Gutachten fest.

Mit dieser Tat habe er nichts zu tun, behauptete der 33-Jährige: “Das war ich nicht.” Die 29-Jährige erkannte ihn allerdings im Gerichtssaal eindeutig wieder: “Er ist es. Ganz sicher.” Den Vorfall im AKH gab der Texaner zu. Zu seinen Beweggründen hatte er im Vorfeld der Hauptverhandlung dem psychiatrischen Sachverständigen Karl Dantendorfer erklärt, er habe “schon über einen längeren Zeitraum die Gewissheit gehabt, jemanden töten zu müssen”. Die Tat sei “unvermeidbar” gewesen. Im Prozess bezeichnete der Mann den Schlag mit der Flasche als “geplanten Protest gegen das Experiment”.

Paranoide Schizophrenie, Wahnvorstellungen und Halluzinationen

“Bei der ersten Untersuchung war rasch klar, dass er Wahnvorstellungen und Halluzinationen hat”, sagte Dantendorfer über den Informatiker. Dieser sei “nach wie vor vollkommen gefangen in seiner psychischen Erkrankung” und könne “aus dieser nicht ausbrechen”. Der Psychiater sah ein “sehr hohes Risiko für das Begehen neuerlicher Gewalttaten”, sollte die hochgradige paranoide Schizophrenie nicht entsprechend behandelt werden. Dantendorfer zufolge dürfte es “sehr, sehr lange” dauern, bis bei dem 33-Jährigen eine Besserung eintritt.

“Er weiß, dass er behandelt und untergebracht werden muss”, betonte Verteidiger Sebastian Lesigang, der mit der Einweisung in den Maßnahmenvollzug einverstanden war. Die Entscheidung des Gerichts ist damit rechtskräftig. Der 33-Jährige möchte in einer Einrichtung in Bremen untergebracht werden, da er dort sozial vernetzt ist. Ob das genehmigt wird, muss das Justizministerium entscheiden.

(apa/red)

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