Psyche, Pausen und Pensionisten auf den Wiener Festwochen

Herzog Blaubarts Burg im Rahmen der Wiener Festwochen in Wien
Herzog Blaubarts Burg im Rahmen der Wiener Festwochen in Wien - © APA
Am Anfang war die Stille, dann kam das Wort, dann die Musik und zum Schluss die Aktion: Voller Muße hat Regisseurin Andrea Breth mit ihrer Interpretation von Bela Bartoks einziger Oper “Herzog Blaubarts Burg” die letzte Premiere der heurigen Festwochen im Theater an der Wien eingeleitet. Am Ende stand ein umjubelter Musiktheaterabend zwischen Tiefenpsychologie und skurriler Lethargie.

Breth lässt sich ganz auf das an Freuds Traumdeutung orientierte Libretto von Bela Balazs ein und inszeniert den Einakter als grauen, dunklen Fluss in die Tiefe der Psyche, wenn Judith ihren Liebhaber Blaubart in seiner Burg zwingt, eine Kammer nach der anderen für sie zu öffnen. Mittels Drehbühne werden die einzelnen Räume in schneller Folge gewechselt, wobei die kahle symbolistische Ästhetik stets beibehalten ist.

“Blaubart”: Psyche, Pausen und Pensionisten

Die besungenen Handlungen des Paares werden dabei meist nicht vollzogen, sondern bleiben im Text, während Gabor Bretz und Nora Gubisch im teils gegenläufigen Spiel eine erweiterte Ebene öffnen. Besonders Bretz gelingt mit seinem bronze-glänzenden Bass das berührende Porträt eines Mannes, der um den Schutz seines Innersten ringt, während Gubisch ihre Rolle vom vermeintlichen Opfer des Serienmörders zur fordernden Täterin erweitert.

“Geistervariationen”

Nach der Pause folgte dann der radikale Schwenk von Bartoks berückend schöner, an Debussy und Strauss gemahnender Musik zu einer theatralen Installation. So hat Breth die kurze Oper zu einem Doppelabend mit Robert Schumanns “Geistervariationen” erweitert. Bevor allerdings Elisabeth Leonskaja das viertelstündige Klavierwerk aus dem Off spielen konnte, trat die Regisseurin radikal auf die Bremse.

In unendlicher Langsamkeit

So viel Marthaler gibt es selten, wenn Breth inszeniert. Bühnenbildner Martin Zehetgruber zitiert Anna Viebrocks charakteristische Holzvertäfelungen für den Schweizer Starregisseur und jene älteren Herren, die zuvor während “Blaubart” gleich Geistern die Tiefenräume der Burg bevölkerten, sitzen nun scheinbar desorientiert im Raum. In unendlicher Langsamkeit entspannt sich ein Tableau semivivant – skurril und den Moment bis zur Schmerzgrenze auskostend, entfaltet sich der Sog in eine eigene Zeitwahrnehmung, dem sich manche im Publikum durch die Abreise entzogen.

“Ich wasche mich seit Jahren nur mit Kernseife”

Gleich Schatten, die ihrer selbst verlustig gegangen sind und sich an leere Sinnsprüche und Plattitüden wie “Ich wasche mich seit Jahren nur mit Kernseife” in Wiederholung klammern, sitzen die Pensionisten neben Radiatoren – umschwirrt von Fliegen und einzig unterbrochen von Hundegebell und einer Sirene. Bewusst nicht immer verständlich bleibt ihre Rede. Über eine Dreiviertelstunde zieht sich im mehrfachen Wortsinne das Nicht-Geschehen, bevor das Dunkel einsetzt und Schumanns von Leonskaja hinter der Bühne gespielte “Geistervariation”. Das Publikum zeigte sich begeistert.

(APA/Red.)

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