15. Dezember 2011 07:00; Akt.: 15.12.2011 07:00

Programmiert auf weihnachtlichen Massenmord

Weihnachtszeit ist Massakerzeit – denn der Trend zu Brutalo-Spielen ist ungebrochen, der Jugendschutz versagt. Weihnachtszeit ist Massakerzeit – denn der Trend zu Brutalo-Spielen ist ungebrochen, der Jugendschutz versagt.
Killerspiele finden sich den Warnungen der Pädagogen zum Trotz unter vielen Christbäumen. Gesetzliche Verbote werden von den Geschäftemachern ignoriert.

Drei Stunden lang spielte Tim K. (17) vor dem Niederlegen das Schießspiel „Far Cry 2“. Am nächsten Morgen drückte der Junge aus dem deutschen Ort Winnenden wieder ab. Der Amoklauf mit der Pistole seines Vaters kostete 15 Mitschüler das Leben. Zweieinhalb Jahre ist das her, doch die nach Österreich rübergeschwappte Debatte über blutrünstige Computerspiele hält an. „Bei der Frage, wie gefährlich diese Spiele in den Händen von Pubertierenden sind, gehendie Meinungen sowohl unter Lehrern als auch unter Eltern weit auseinander. Was mich schockiert: wie viele, teils noch sehr junge Kinder sich auf Facebook mit jugendgefährdenden Spielen brüsten – sie halten die Spiele auf den Fotos wie Trophäen empor“, wandte sich Mittelschullehrer Phillip D. an das Wiener Bezirksblatt und forderte auf, die Probe aufs Exempel zu machen.Die Stichprobe auf der Mariahilfer Straße zeichnet ein verheerendes Bild: Obwohl §10 des Wiener Landesgesetzes seit 2008 verbindlich auf die gut sichtbare PEGI-Alterskennzeichnung (Pan-European Game Information) verweist, kamen die jungen Tester an die verbotene Ware heran. Ein Sittenbild, das sich im globalisierten Internet-Markt lückenlos festsetzt: Mit zahnlosen Altersabfragen (ohne Ausweiskontrolle) ermuntern immer mehr Shops dazu, die Spiele online zu bestellen. Die ausländischen Spielehersteller bieten die Produkte zunehmend via Download an – wo sich der Handel dem österreichischen Recht elegant entziehen kann.

Online-Anarchie für die Alpenländler

Den Vogel schießt jedoch Marktführer Amazon ab: Während in Deutschland von der Bestellung bis zur Paketzustellung ein lückenloses Kontrollsystem etabliert wurde, gelingt in Österreich ein Testkauf ohne Hürden. „Selbst das Verbot von Nazi-Spielen lässt sich elegant umgehen, wenn man sich auf der Seite eines britischen Händlers registriert“, erklären Insider. Eine Perspektive, diese fragwürdige Praxis zu ändern, fehlt. Bernhard Jungwirth, Experte der Plattform saferinternet.at, erklärt: „Systeme zur Altersverifikation im Internet bieten derzeit in der Praxis keine 100%ige Sicherheit. Daher spielen neben einer möglichst effektiven Beachtung der Alterskennzeichnung durch die
Anbieter auch die Eltern eine entscheidende Rolle. Sich aktiv für die Mediennutzung der Kinder zu interessieren und mit ihnen über das Erlebte zu sprechen ist eine wichtige Erziehungsaufgabe geworden.“ Ins gleiche Horn stoßen die Wiener Kinderfreunde, die mit ihren Initiativen gegen Kriegsspielzeug österreichische Pionierarbeit geleistet haben. Geschäftsführer Christian Morawek: „Die Kinderfreunde stellen sich klar gegen jede Art von Spielen, die Gewalt verherrlichen. Hier tragen die Produzenten ebenso Verantwortung wie der Handel, Eltern, Pädagogen – jeder und jede Einzelne von uns.“

www.wienerbezirksblatt.at


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