Pleskow: “Gott sei Dank lebe ich nicht in der Vergangenheit”

Viennale-Präsident Pleskow im Gespräch
Viennale-Präsident Pleskow im Gespräch - © APA/HERBERT NEUBAUER
Der 91-jährige Eric Pleskow, der als Jugendlicher aufgrund seiner jüdischen Herkunft vor den Nazis aus Wien fliehen musste, steht dem Filmfestival seit 1998 als Präsident vor.

Nach drei Jahren ist Pleskow nun erstmals wieder persönlich bei seinen Festspielen. Die APA sprach aus gegebenem Anlass mit ihm über schlechte “Tatort”-Folgen und sein Verhältnis zu Wien.

Sie sind das erste Mal nach drei Jahren Absenz wieder persönlich bei der Viennale dabei. Darf ich Sie einfach fragen, wie es Ihnen derzeit geht?

Eric Pleskow: Ganz gut für mein Alter. Natürlich plagt mich ein bisschen meine Arthritis und das eine Bein, das ich verloren habe. Aber in Summe geht es ganz gut. Einzig der Flug war diesesmal nicht so nett – die Crew war schon ein bisschen alt…

Sie sind ja schon Ehrenbürger Wien und Träger des Verdienstzeichens der Republik. Nun wurde im Metro Kinokulturhaus ein eigener Kinosaal nach Ihnen benannt. Steht das für Sie auf derselben Stufe?

Pleskow: Ach, das ist lieb und nett. Ich freue mich sehr, dass sich die Leute so bemühen. Das ist auch für meine Kinder schön. Meine Tochter kommt für ein paar Tage und auch meine Enkelin hat eine Woche an der Uni frei, die sie dann mit ihrem Großvater verbringt.

Wie ist Ihr Verhältnis zu Wien heute? Kann man da Begriffe wie “ausgesöhnt” verwenden, oder ist das zu hoch gegriffen?

Pleskow: Gott sei Dank lebe ich nicht in der Vergangenheit. Hätte es die Bemühungen von Gabi Flossmann (ORF-Kulturredakteurin, Anm.) Mitte der 70er nicht gegeben, wäre ich nie wieder nach Wien gekommen – allenfalls zum Zentralfriedhof, auf dem meine Eltern und mein Bruder liegen. Ich hatte hier niemanden mehr – alle waren tot. Aber Gabi hat mir erklärt, worauf ich auch von selbst hätte kommen müssen: Dass es eine neue Generation in Wien gibt, die ich nicht in Sippenhaft nehmen kann. Manchmal tun mir die Leute leid, deren Vorfahren diese Verbrechen begangen haben. So habe ich mittlerweile viele gute Freunde gefunden in Wien.

Am Dienstag wird die Dokumentation “Die Porzellangassenbuben” über Ari Rath und Sie im Metro gezeigt. Besuchen Sie ihre einstige Wohnstraße, wenn Sie in Wien sind?

Pleskow: Ich gehe praktisch nie in die Porzellangasse. 1948, nachdem ich schon drei Jahre in München stationiert war, bin ich einmal nach Wien gefahren, zur Porzellangasse 56 gegangen und habe bei der einstigen Wohnung meiner Mutter angeläutet. Und da hat immer noch ein ehemaliger SS-Mann drin gewohnt! Der hat mich im Gespräch dann gleich gefragt, was ich jetzt mit ihm machen werde – seine Frau sei im Spital, sein Sohn in Stalingrad gefallen. “Nichts werde ich ihnen tun, aber auch nicht um sie weinen”, habe ich ihm gesagt.

Wie sehen Sie als Viennale-Präsident heute die Aufgabe eines Filmfestivals?

Pleskow: Bei meinen Filmen haben mich immer die menschlichen Beziehungen interessiert – und heute geht es nur um Special-Effects! Eine Verfolgungsjagd und eine Schießerei nach der anderen. Wo ist die Geschichte, wo sind die Menschen? Die Viennale hat aber tatsächlich ein Programm, das sogar mir gefällt! Man muss gute Filme heutzutage suchen, was nicht leicht ist. Hans Hurch (Viennale-Direktor, Anm.) gelingt das aber. Natürlich ist das auch eine Generationengeschichte, und der Geschmack verändert sich.

Aber lässt sich der Siegeszug des Eventkinos dadurch aufhalten?

Pleskow: Für ein Filmfestival ist es einfach wichtig, sein Publikum zu kennen. Und da hoffe ich, dass es nicht eines Tages notwendig sein wird, diese Scheiße auch zu einem Filmfestival zu bringen! Dann ist das Zeug auch noch so furchtbar teuer! Meine beiden letzten Filme – “Das Schweigen der Lämmer” und “Der mit dem Wolf tanzt” – haben beide unter 20 Millionen Dollar gekostet. Das kostet heutzutage der Vorspann.

Stimmt es demnach, dass die Aufgabe, gute Geschichten zu erzählen, heutzutage von den Fernsehserien übernommen wird?

Pleskow: Im Flieger habe ich jetzt etwas gesehen, das war grauenhaft. Das hieß “Tatort”. Ich war völlig gefesselt, wie man so etwas drehen kann: Nicht eine gut aussehende Person und eine furchtbare Story! Und dann erzählt man mir, dass das ein großer Erfolg ist! Aber die Dinge ändern sich halt.

(Das Gespräch führte Martin Fichter-Wöß/APA)

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