Philipp Preuss inszeniert “Romeo und Julia” im Wiener Volkstheater

Volkstheater: Preuss zeigt "die Liebe als gesellschaftlichen Vorgang"
Volkstheater: Preuss zeigt "die Liebe als gesellschaftlichen Vorgang" - © APA/HELMUT FOHRINGER
Um “Romeo und Julia”, ein Stück, das man mit Fug und Recht einen Klassiker nennt, das aber schon besetzungsmäßig jugendfrisch daherkommen muss, neu auf die Bühne zu bringen, braucht man eine gute Idee. Philipp Preuss glaubt, eine zu haben.

Denn “erst brauche ich eine Vision, an der sich etwas entzündet”, sagt der Regisseur, der das Resultat ab 23. Jänner am Volkstheater Wien zur Diskussion stellt.

Preuss braucht eine Vision

Diese Vision sei “wie eine immaterielle Vorarbeit, die es braucht. Die Form ergibt sich dann. Die entwickle ich sehr gerne gemeinsam mit den Schauspielern. Ich habe es gern, wenn sie Freiheit haben, aber die haben sie erst, wenn die Vision da ist”, so der 41-jährige Bregenzer im Gespräch mit der APA. Und was war nun seine Vision für das Shakespeare-Stück?

“Der Philosoph Alain Badiou beschreibt in seinem Buch ‘Lob der Liebe’ die Liebe als Ereignis, das auch ein politisches Ereignis sein könnte, wie eine Revolution. So kam es zur Vision, von drei Romeos und drei Julias, damit man wegkommt von den ganzen Klischeebildern, die man im Kopf hat. Damit kann man die Liebe als gesellschaftlichen Vorgang betrachten. Durch die Aufsplittung ergibt sich, dass man verschiedene Paare und Liebesmöglichkeiten sieht.”

“‘Verlieb’ Dich, aber ohne Risiko!'”

“Die Liebe als anarchischer und terroristischer Akt gefährdet ja den Menschen, der funktionieren muss. Es gibt sogar schon Partneragenturen, die damit werben: ‘Verlieb’ Dich, aber ohne Risiko!'”, erzählt der Regisseur, der in seiner Inszenierung das Risiko freilich nicht scheut – denn “in der Liebe führt das Mittelmaß zum Tod”.

Mit Ausstatterin Ramallah Aubrecht und Musiker Kornelius Heidebrecht stehen Preuss für die Umsetzung seiner Vision langjährige künstlerische Partner zur Seite: “Der Raum könnte auch ein Todesraum sein. Die Mischung aus Eros und Thanatos ist ja extrem spannend – gerade in einer Stadt wie Wien. Material ist ein Paillettenstoff, je nach Licht kann er wie dunkles Wasser wirken oder wie strahlende Sterne. Die Musik eröffnet einen weiteren, metaphysischen Raum, den man nicht erklären muss.”

Radikalität nicht um ihrer Selbst willen

Preuss hat sich mit kräftigen, bildmächtigen Inszenierungen einen Namen gemacht: In seiner Umsetzung des Bernhard-Romans “Das Kalkwerk” im Studio der Schaubühne panierte sich Felix Römer zum lebenden Wiener Schnitzel, Schnitzlers “Reigen” wiederum verschnitt Preuss in Leipzig mit einem Godard-Film, während er Goethes “Torquato Tasso” am Residenztheater München von einer Frau spielen ließ.

Radikalität nicht um ihrer Selbst willen, versichert der Regisseur: “Ich bin nicht jemand, der das nur dekonstruieren und verblödeln will. Aber bei ‘Romeo und Julia’ trifft man auf ganz schön viele Bilder und Vorbilder in der Liebeserfahrung jedes Zuschauers, die man erst einmal übermalen, perforieren, zerschneiden muss, bevor man zu einer eigenen Grundierung kommt.”

“Wir haben beide einen Bogen gemacht”

Diese Grundierung kann der ehemalige Regiestudent des Mozarteums, der als Regieassistent bei Michael Gruner in Dortmund den Theaterbetrieb kennenlernte und 2012 am Theater Kosmos in Bregenz sein eigenes Stück “McFamily oder Du glaubst nicht mehr an Dich als wärst Du Gott” selbst inszenierte, nun erstmals in Österreich an einer großen Bühne umsetzen. Wer hat da um wen bisher einen Bogen gemacht?

“Wir haben beide einen Bogen gemacht, und dann ergibt sich eben irgendwann einmal ein Kreis… Es gab schon Bewerbungen, die aber offenbar zielgerichtet im Mülleimer gelandet sind. Hier hab ich mich auch einmal beworben, da hat man dann einfach aufgelegt. Ich bin dann auch weg aus Österreich und nach Berlin gezogen.”

Preuss am Wiener Volkstheater

Heute gilt Preuss, der auch als Bildender Künstler arbeitet (“Ich hab’ am Mozarteum den Theatermenschen erst spät erzählt, dass ich auch Bildende Kunst mache. Damals war das noch eher ungewöhnlich, dass man beides zusammen denkt.”) und zuletzt etwa mit einem künstlichen blühenden Kirschbaum in Bregenz und Innsbruck für Aufsehen sorgte, als wichtiger, kommender Name der jüngeren Regie-Generation.

Bester Beweis dafür: Ihm wurde die Deutsche Erstaufführung des neuen Handke-Stücks “Die Unschuldigen, ich und die Unbekannte am Rand der Landstraße” am Münchner Residenztheater anvertraut: “Der Handke-Kontinent ist für mich eine Entdeckung”, sagt Preuss. “Diese Subjektivität, die Welt-Befragung, der Humor und auch die Wut, die da drinnen stecken, fand ich überraschend.” Seine Vision zu Handke hat er bereits gefunden: Es wird “ein Road Play, ein Trip, eine Traumreise in die eigenen Erinnerung”.

“Romeo und Julia” von William Shakespeare:

Regie: Philipp Preuss, Bühne und Kostüme: Ramallah Aubrecht, Musik: Kornelius Heidebrecht, Mit Thomas Frank, Rainer Galke, Katharina Klar, Steffi Krautz, Kaspar Locher, Nils Rovira-Munoz, Nadine Quittner, Stefanie Reinsperger, Christoph Rothenbuchner und Stefan Suske. Volkstheater Wien, Premiere: 23.1., 19.30 Uhr, Nächste Aufführungen: 25.-27.1., 2.2., Karten: 01/ 52111-400

(Das Gespräch führte Wolfgang Huber-Lang/APA)

Leserreporter
Bild an VOL.AT schicken


0Kommentare

Herzlichen Dank für Ihren Kommentar - dieser wird nach einer Prüfung von uns freigeschaltet. Beachten Sie, dass dies gerade an Wochenenden etwas länger dauern kann. Kommentare von registrierten Usern werden sofort freigeschaltet - hier registrieren!

noch 1000 Zeichen
Werbung