Peter Handke mit neuem Stück im Burgtheater: “Man darf sich nicht ausgrenzen”

Peter Handke: "Ich habe nie Aktuelles behandeln können"
Peter Handke: "Ich habe nie Aktuelles behandeln können" - © APA/GEORG HOCHMUTH
Das neue Stück von Peter Handke, “Die Unschuldigen, ich und die Unbekannte am Rand der Landstraße – Ein Schauspiel in vier Jahreszeiten”, wird am 27. Februar am Burgtheater zur Uraufführung gebracht.

Im Interview mit der Austrian Presse Agentur (APA) spricht der österreichische Dichter über sein Stück, Regisseur Claus Peymann, den Zustand der Welt, des Theaters und des österreichischen Kunstsenats.

Herr Handke, im Moment sieht man in den Medien immer wieder Menschenmengen, die über die Landstraßen ziehen, eine Art neue Völkerwanderung. Auch Ihr Stück zeigt Gruppen von wandernden Menschen. Flüchtlinge scheinen sie allerdings nicht.

Peter Handke: Mein Stück habe ich ja schon vor zweieinhalb Jahren geschrieben und dann immer weiter gearbeitet bis vor einem Jahr. Nein, meine Art ist, was vielleicht ein Fehler ist, nicht Aktualität zu behandeln, sondern zu schauen, wo noch irgendwas Universelles in der Welt verborgen ist, ein Geheimnis. Ich habe nie Aktuelles behandeln können – im Gegensatz zu anderen Stückeschreibern. Es ist mehr ein präziser Tiefentraum vom Menschsein. Aber natürlich, wenn dieser Traum nicht auch das Aktuelle zumindest streift und zum Schwingen und zum Ondulieren bringt, hat es auch keinen Sinn. Das Universelle für sich existiert ja nicht.

Wer sind diese Unschuldigen, die in Ihrem Stück über die Straßen ziehen? Ist das ein Ausschnitt der Gesellschaft, wie Sie sie heute wahrnehmen?

Handke: Das kann ich nicht so generell sagen. Es sind natürlich kleine Porträts. Ich hab eigentlich das Stück nur “Die Unschuldigen” nennen wollen. Es sollte ein sehr polemisches Stück werden, fast ein zorniges Stück. Aber zum Glück gab es dann schon Stücke mit diesem Titel, und das hat mich dazu gebracht, viel epischer und viel weitherziger zu träumen, als ich es mir vorgenommen habe. Indem ich das Ich hinzugefügt habe und die Unbekannte, wurde es zu einem epischen Drama, wie es mir halt entspricht. Es ist sehr widersprüchlich.

Diesen Widerspruch internalisieren Sie auch in der Beobachterfigur. Sie spalten diese Figur auf in ein dramatisches Ich und ein Erzähler-Ich. Eine Aufspaltung, die man ja immer wieder auch beim Autor Peter Handke bemerkt.

Handke: Natürlich, das ist mein Problem. Aber ich bin immer so größenwahnsinnig, dass ich denke: Mein Problem ist nicht nur meines. Sonst würde ich ja nicht schreiben.

Wieso sehen Sie das als Problem? Es könnte ja auch ein Vorteil sein.

Handke: Ein Problem ist für mich ein Vorteil. Ein Problem ist das Fruchtbarste, das es gibt für den Menschen. Nein, nein, ich bin einverstanden mit Ihnen, dass es ein Vorteil ist. Aber mit dem Vorteil muss man auch etwas tun.

“Die Unschuldigen” ziehen über die Landstraße. Wie unschuldig kann man denn heute überhaupt durch die Welt gehen?

Handke: Das ist eine philosophische Frage.

Anders gefragt: Fühlen Sie sich mitschuldig am Zustand der Welt?

Handke: Mitleidend eher. Aber ich würde nicht sagen, dass ich mich mitschuldig fühle. Nein! Aber auch nicht unschuldig. In meinem Stück sind die Unschuldigen ja nicht unschuldig. Sie sind eigentlich die selbstbewusst Unbewussten. Ich glaube, es ist ein geheimnisvolles Stück. Es ist ein pures Theaterstück, aber es ist heute auch das Problem des Theaters, dass man weggegangen ist von den wirklich puren Stücken. Eine Zeit lang war das auch richtig so, dass man gesagt hat: anything goes. Jetzt ist aber der Stand erreicht, wo durch dieses “Es geht alles” einfach nichts mehr geht.

Ist das auch ein Grund, warum Sie gesagt haben: Da vertraue ich mit Claus Peymann die Uraufführung am besten jemandem an, der so viele Texte von mir zu Uraufführung gebracht hat?

Handke: Das ist wieder ein anderes Problem. (lacht)

Ich kann mir vorstellen, dass sich doch auch jede Menge junge Regisseure darum reißen würden, ein Stück von Ihnen uraufzuführen.

Peter Handke: Ja, das wäre mein Traum und mein Wunsch. Ich hätte mir halt gewünscht, dass dieser oder jener Junge ab und zu meine Sachen in die Hand nimmt, in die Luft wirft und schaut, was für Figuren im Raum entstehen.

Die Deutsche Erstaufführung macht Philipp Preuss am Residenztheater. Die wird mit Sicherheit ganz anders aussehen als in Wien. Geht es Ihnen nach zehn Peymann-Uraufführungen nicht schon so, dass Sie die Aufführung förmlich vor sich sehen und ahnen, was kommt?

Handke: (seufzt) Ahnen wäre ja schön! Ich bin ja absolut fürs Ahnen. Aber ahnen und vor sich sehen, wie Sie es sagen, ist ein großer Unterschied! Ich würde vorziehen zu ahnen. Einer meiner Lieblingssprüche ist: Lass Dich überraschen! Überrascht mich! Oder: Der ist für eine Überraschung gut. Das ist meine Ethik.

Ist Claus Peymann für Sie nach wie vor für eine Überraschung gut?

Handke: Ich hoffe! Ihr Wort in Gottes Ohr! Inschallah! Ich freue mich auf die Schauspieler. Ich habe ja mit Theaterregisseuren nicht viel Erfahrung, aber Schauspieler als Beruf ist mir sehr nahe. Zugleich fern und nahe. Das kann ich begreifen und mitleben mit dem Beruf. Aber mit Theaterregisseuren eigentlich nicht so unbedingt (lacht).

Peymann gilt doch als jemand, der Stücke genau liest, dramaturgisch arbeitet, geradezu eine Verehrung für Autoren hat – sind das nicht Argumente, die Sie für ihn einnehmen?

Handke: Er macht das immer ein bisschen plakativ, die Verehrung. Verehrung darf ja nie demonstrativ daherkommen.

Seine ostentative Verehrung Ihnen gegenüber ist Ihnen also unangenehm?

Handke: Unangenehm? Unheimlich! (lacht) Nein, das Machen in der Kunst ist ja ein ernstes Spiel, wie Goethe gesagt hat. Es muss ernst sein, und zugleich muss es Spiel sein. Das Geheimnis der großen Schauspieler ist Ernst und Spiel in einem. Deswegen fühle ich mich den großen Schauspielern unendlich näher als den Regisseuren. Aber wollen wir sehen. Ich mache natürlich Zweckpessimismus, indem ich scheinheilig dann hoffe, dass es vielleicht doch was wird.

In Ihrem Stück zeigen Sie Menschen, die fast kulturlos wirken. Auf der anderen Seite ist ja jetzt plötzlich eine Leitkultur-Debatte ausgebrochen: Wir sollen unsere Kultur verteidigen und die Menschen, die zu uns kommen, auf unsere Kultur verpflichten.

Handke: Es gibt nur eine Kultur. Das Schöne ist: Diese eine Kultur hat unendlich viele Varianten – ob das die islamische Kultur oder die christliche ist. Wenn es Kultur ist. Wenn jemand besteht auf der Verengung der Kultur auf das Religiöse oder auf das Okzidental-Ästhetische, dann ist es noch viel schlimmer, als überhaupt keine Kultur zu haben. Man darf sich nicht ausgrenzen und sagen: Wir sind der Okzident. Der Okzident hat scheußliche Sachen gemacht und macht sie immer noch, ich denke an den Irak oder an Jugoslawien. Die können sich ordentlich an der Nase ziehen. Aber es ist ein freies Stück. Es liegt keine Ideologie drinnen. Jeder, der nicht zumindest Shakespeare als Vorbild hat oder die alten Griechen, der soll keine Stücke schreiben.

In Frankreich waren nicht die Flüchtlings-Bilder die bestimmenden des vergangenen Jahres, sondern jene der Anschläge auf Charlie Hebdo und Bataclan. Der französische Präsident Hollande spricht von Krieg…

Handke: Das ist ein totaler Unsinn. Dass Politiker sofort Besitz von der Trauer und dem Schmerz ergreifen ist, ich mag das Wort Skandal nicht, aber das ist skandalös. Ein Mensch ist in der Trauer allein und möchte auch allein sein. Er hat auch das Recht, das auszuleben.

Haben Sie einen gewissen Optimismus, dass sich doch alles zum Guten wenden kann?

Handke: Sie fragen mich so, als ob ich der Papst wäre oder ein Psychoanalytiker oder ein Gesellschaftsspezialist. Ich bin ein Eckensteher, ein Winkelsteher – aber nicht zur Strafe, sondern auch zum Sehen. – Aber ich wollte Ihnen noch etwas erzählen: Ich habe Florjan Lipus für den Großen Österreichischen Staatspreis vorgeschlagen. Sein “Bostjans Flug” ist für mich eines der drei, vier Bücher, die nach dem Zweiten Weltkrieg in Österreich geschrieben wurden und Weltliteratur sind. Ich wurde aber sofort abgeschmettert, indem man gesagt hat: Das wurde ja nicht deutsch geschrieben, wir können das daher nicht beurteilen. Das ist aber von einem Kärntner Slowenen (Johann Strutz, Anm.) in ein herrliches Deutsch getreu übersetzt. Nach diesen Argumenten kommt ein Kärntner Slowene, der in seiner Muttersprache schreibt, für den größten österreichischen Kunstpreis nicht infrage. Ich wünsche mir, dass das öffentlich wird. Nicht als Polemik, sondern als Feststellung. Das ist ein Unrecht – wahrscheinlich von “Unschuldigen”, denn ich möchte ja niemandem einen bösen Willen unterstellen.

Wer hat das “abgeschmettert” – der Dichter Josef Winkler, der den Vorsitz im Kunstsenat hat?

Handke: Nein, Winkler hat sich sehr eingesetzt. Aber bildende Künstler, die nichts lesen und sich auch sträuben, etwas zu lesen, überstimmen da die anderen. Die können gern weiterhin ihre Weinflaschenetiketten machen, aber so etwas geht nicht.

(Das Gespräch führte Wolfgang Huber-Lang/APA)

“Die Unschuldigen, ich und die Unbekannte am Rand der Landstraße” von Peter Handke

  • Uraufführung am 27.2. am Burgtheater
  • Regie: Claus Peymann, Bühne: Karl-Ernst Herrmann, Kostüme: Margit Koppendorfer, Musik: Moritz Eggert; Mit Christopher Nell, Krista Birkner, Franz J. Csencsits, Anatol Käbisch, Hans Dieter Knebel, Benedikt Paulun, Hermann Scheidleder, Felix Strobel, Fabian Stromberger, Martin Schwab, Maria Happel; Nächste Aufführungen: 29.2., 6.3., Karten: 01 / 513 1 513

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