Pariser Regisseurin Zlotowski im Viennale-Interview: “Die Künstlichkeit des Kinos fasziniert”

Regisseurin Rebecca Zlotowski während des Interviews.
Regisseurin Rebecca Zlotowski während des Interviews. - © APA
Die Seance und das Kino haben viel gemeinsam, meint Rebecca Zlotowski in einem Interview: Sie sind “gute Fälschungen” und beschwören Vergangenes herauf. Die Pariser Regisseurin inszeniert in ihrem bei der Viennale vorgestellten Film “Planetarium” Natalie Portman und Lily-Rose Depp als Schwestern und Geistermedien, die im Paris der 1930er Jahre von einem Filmproduzenten engagiert werden.

Frage: Sie verweben in Ihrem dritten Spielfilm den Spiritismus mit dem französischen Film in den Jahren vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges. Welcher Ansatz war zuerst da?

Rebecca Zlotowski: Zuerst war der Spiritismus. Der Film hat viele Ebenen, und es mag zusammengestückelt erscheinen. Aber für mich war das eine sehr natürliche Entwicklung. Ich habe mit der Idee begonnen, Menschen in Trance zu inszenieren. Das hat mich zum Spiritismus und zu den Fox-Schwestern geführt. Natalie Portman, die schon früh am Projekt beteiligt war, hat sich wiederum für frühe Politikerinnen wie Victoria Woodhull interessiert, die Spiritismus als Vorwand nutzten, um vor Publikum zu sprechen. Die Fox-Schwestern wurden in New York von einem Banker für ein Jahr engagiert, um den Geist seiner verstorbenen Ehefrau zu kontaktieren. Das hat mich interessiert, ich wollte aber nicht, dass die Figur ein Banker ist und dass der Film in den USA spielt. Also habe ich den Film im Paris der 30er-Jahre angesiedelt und den Banker zum Filmproduzenten gemacht.

Auch der von Emmanuel Salinger gespielte Produzent Andre Korben ist von einer realen Person inspiriert, die jedoch später lebte als die Fox-Schwestern: Bernard Natan…

Zlotowski: Ja, er war einer der größten Medienmogule in Frankreich und leitete zu dieser Zeit das Pathe-Studio. Er kam aus Rumänien, fing bei Null an und wurde zum französischen Staatsbürger, weil er sich freiwillig für die Armee meldete und mit einem Orden ausgezeichnet wurde. Er hat Sounddesign nach Frankreich importiert und Fernsehprojekte umgesetzt, ehe er Filme produziert hat – und das in einer Zeit, als die Pathe-Brüder gar keine Filme mehr drehen wollten, weil das zu teuer war. Er hat damals sehr wichtige Filme ermöglicht, etwa “Napoleon” von Abel Gance. Doch dann kam die Verschwörungswelle und er wurde in einem parteiischen Verfahren vor Gericht gestellt. Er war einer der ersten, die nach Auschwitz deportiert wurden.

Andre Korben glaubt fest an die Gabe der noch minderjährigen Kate Barlow. Was macht sie in Ihren Augen speziell?

Zlotowski: Laura ist die Schwester, die weiß, wie sie die Seancen verkaufen kann, während Kate diejenige mit der tatsächlichen Verbindung zu einem göttlichen Wesen ist. Das macht sie zu einer speziellen, gesegneten Person. Deshalb wollte ich, dass Lily-Rose Depp (Tochter von Johnny Depp und Vanessa Paradis, Anm.) diese Figur spielt: Sie wird von der ganzen Welt vergöttert, obwohl sie noch nicht viel getan hat. Das macht einen Teil ihrer Begabung aus. Der Zuseher nimmt dieses Mysterium wahr, wenn er sie im Film sieht.

Sie meinten, dass Natalie Portman früh an dem Projekt beteiligt war. Wie kam das?

Zlotowski: Ich kenne Natalie schon eine ganze Weile und sie hat meine Arbeit ab dem ersten Film, “Belle Epine”, beobachtet. Als Schauspielerin und Regisseurin war sie sehr interessiert an Autorenfilmern in Europa, wollte diese Szene kennenlernen und sich in Frankreich niedergelassen. Irgendwie war da diese unausgesprochene Idee, dass wir eines Tages zusammen einen Film drehen würden. Und dann kam der richtige Moment: Zufällig habe ich die Geschichte einer jungen amerikanischen Frau in Paris niedergeschrieben – das war unbewusst natürlich für Natalie gedacht. Sie war sehr mutig, weil sie schon vor dem fertiggestellten Drehbuch zugesagt hat. Wenn man an etwas arbeitet, von dem man nicht sicher ist, ob es eine gute Idee ist, gewinnt man ungemeines Selbstvertrauen, wenn man von jemandem wie Natalie Portman unterstützt wird!

Portmans Figur der Laura Barlow scheint sowohl die jüngere Schwester Kate als auch den Produzenten Andre Korben für ihre Zwecke auszunutzen. Wie würden Sie ihre Rolle beschreiben?

Zlotowski: Ich glaube nicht, dass sie manipulativ handelt. Sie sagt eingangs im Film: “Die Leute dachten, ich hatte eine Strategie. Aber ich hatte keine.” Sie ist einfach eine Überlebende. Es geht ihr nicht um den Lebensstil. Wenn wir die Schwestern kennenlernen, sind sie verarmt am Ende einer Reise, eines Plans angelangt und müssen etwas ändern. Und der Produzent ermöglicht ihnen das. Weil Laura die Ältere ist, nimmt sie anfangs die Position einer Art Zuhälterin für die jüngere Schwester ein. Doch später sind die Drei als kleine Familie voneinander abhängig.

Korben scheint von der Geisterbeschwörung sexuell erregt zu werden. Wie sehr waren Sex und Seancen verbunden?

Zlotowski: Die Art und Weise, wie früh zu Geistern gesprochen wurde, war stark mit Sexualität verbunden. In unseren Recherchen haben wir gelernt, dass das weniger vom Klienten als vom Medium selbst ausging. Medien waren halb nackt, sind mit gespreizten Beinen da gesessen. Bei Emmanuel ging es mir um ein möglicherweise sexuelles Verlangen, das er gegenüber diesem Geist hat: Vielleicht ist der Geist jemand aus dem Ersten Weltkrieg, vielleicht ein düsteres Rendezvous aus der Zukunft. Da kommen Vorkriegsangst, Sexualität, Promiskuität und Homosexualität zusammen.

Seine Erscheinungen könnten als Vision gelesen werden, wird er als Jude doch zunehmend angefeindet und schließlich inhaftiert. Wollten Sie auch mögliche Parallelen zur heutigen Zeit aufzeigen, in der Rechtspopulismus und Fremdenfeindlichkeit wieder zunehmen?

Zlotowski: Ja, wobei ich nicht weiß, ob das eine bewusste Entscheidung war. Aber die Tatsache, dass ich etwas, das im 19. Jahrhundert passiert ist, in die 30er-Jahre verlegt habe, geht auf den Wunsch zurück, die möglichst zeitgemäße Version eines Kostümfilms zu kreieren. Ich wollte einen modernen Film in Kostümen drehen – keinen historischen Film in modernem Gewand.

Zugleich haben Sie mit der neuartigen Digitalkamera Alexa 65 einen Film über die Blütezeit des frühen analogen Films gedreht.

Zlotowski: Genau das war die Idee! Korben ist wahnsinnig aufgeregt, als er diese neue Kamera entdeckt, die möglicherweise Geistererscheinungen einfängt. Genau diese Erfahrung haben wir jetzt mit der Arri 65, die einzigartig ist. Was den Film für mich mysteriös und poetisch macht, ist, dass wir ihn in einem Format gedreht haben, das jetzt noch gar nicht abgespielt werden kann: Die Kamera nimmt in 6K auf, und die Kinos sind dafür nicht gerüstet. Also werde ich meinen Film in fünf, zehn Jahren sehen, wenn die geeigneten Voraussetzungen für Screenings herrschen. Dieselbe Zeit des Aufbruchs in den 30er-Jahren, kurz vor Ton- und Farbfilmen, erleben wir heute mit dem digitalen Zeitalter. Und das spiegelt sich im Film wieder.

Sie gehören also nicht zu jenen, die analogen Formaten nachtrauern?

Zlotowski: Ich benutze beides! Noch können wir wählen, weil beides nebeneinander existiert. Bei Sonnenlicht ist es das beste, analog zu drehen: Für meinen letzten Film, “Grand Central”, habe ich im Atomkraftwerk bei künstlichem Licht digital und im Freien analog gedreht. “Planetarium” wurde in fünf, sechs verschiedenen Formaten gedreht: Die frühen Pornofilm-Sequenzen sind in 9 mm gedreht, andere Szenen in 35 mm, 6 mm Farbe oder schwarz-weiß, Arri 65 sowie Infrarot. Zugleich haben wir die Kameras, die Objekte selbst, ins Bild gerückt. Es war also auch eine fetischistische Reise. (lacht) Ich hege eine große Leidenschaft für Kinotechnik. Ich sehe das Kino auch als Sprache, als Werkzeug – und es macht Spaß, das zu erforschen.

Hatten Sie schon immer diesen technischen Zugang zu Filmen? Oder hatte das Kino für Sie als Kind noch etwas Magisches?

Zlotowski: Ich glaube, ich habe Filme nie so wahrgenommen. Ich frage mich gerade, wieso. Ich habe sowohl Literatur als auch Film früh als Fälschung gesehen – aber als gute Fälschung. Mich hat immer die Künstlichkeit des Kinos fasziniert, sie war für mich Teil des Traums. Und es hat mich zu einem sehr düsteren Teil des Kinos gezogen: Etwas festzuhalten, das verschwindet. Für mich ist Kino mehr mit dem Tod als mit Magie verbunden. Das zu sagen, wird die Menschen sicher ins Kino locken. (lacht) Ich verkaufe meinen Film nicht besonders gut.

Was Sie sagen, könnte man auch auf Seancen umlegen: Auch die sind gute Fälschungen und mit dem Tod verbunden.

Zlotowski: Deshalb haben diese beiden Themen für mich so gut zueinander gepasst. Auch, weil Filme so früh demokratisiert wurden und nicht nur reiche Familien Videoarchive angelegt haben. Ich wurde sehr jung zum Waisen, und die einzigen Bilder, die ich von Nahestehenden hatte, waren Filmaufnahmen… Ich rede, als wäre ich in einer Therapiesitzung, dabei habe ich nie eine Therapie gemacht. (lacht) Das muss wohl damit zusammenhängen, dass ich in Wien bin.

(apa/Red)

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