Ohrenbetäubende Milchbauern-Demo vor dem Haus der EU in Wien

Teilnehmer der Demonstration vor dem Haus der Europäischen Union in Wien
Teilnehmer der Demonstration vor dem Haus der Europäischen Union in Wien - © APA/GEORG HOCHMUTH
Milchbauern, die sich um ihre Existenz sorgen, haben am Donnerstag vor dem Haus der EU in der Wiener Innenstadt mit ohrenbetäubenden Lärm gegen eine aus ihrer Sicht falsche Agrarpolitik demonstriert.

Eines ist sicher: Die Langschläfer unter den Gästen im Nobelhotel auf der anderen Seite der Wiener Ringstraße sind heute spätestens gegen dreiviertel zehn hellwach gewesen. Nur wenige Meter entfernt haben die Milchbauern demonstriert.

Bedarfsorientierte Milchmengensteuerung

Milchbauern bekommen derzeit rund 27 Cent pro Liter für konventionelle Milch und rund 40 Cent für Biomilch. Zum Überleben notwendig sind, wie es beim APA-Lokalaugenschein an Ort und Stelle von mehreren Milchbauern hieß, “mindestens 47 Cent”. Dabei betonten mehrere Gesprächspartner, “sicher keine Almosen von der Politik” zu wollen. Was man aber sehr wohl fordere sei eine bedarfsorientierte Milchmengensteuerung.

Lautstarke Demo mit Kuhglocken vor dem Haus der EU

Das wurde mehr als lautstark auch unter neugierigen Augen von EU-Mitarbeitern, die aus ihren Bürofenstern blickten, gefordert. Kuhglocken wurden gebimmelt, Milchkannen und Deckel aneinandergeschlagen und extra-laute Traktor-Hupen betätigt. Symbolisch wurde zur Veranschaulichung der IG-Milch-Meinung zum problematischen Welt-Milchmarkt eine kleine Weltkugel mit Milchpulver aus Europa überflutet.

Derzeit laufe vieles falsch, sagte ein Bauer, der netto acht Stunden lang mit seinem Traktor aus dem oberösterreichischen Mühlviertel in die Bundeshauptstadt getuckert war. Es gebe eine “politisch gewollte Überproduktion in der EU”. Nur die Politik, auch die heimische, würde das nicht offen sagen. Zusammengefasst würden in den großen EU-Milchländern Leistungsmilchkühe mit Gen-Soja aus Südamerika gefüttert, um schlussendlich so viel Milch zu erzeugen, dass Milchpulver bis nach Indien exportiert werde – wo die ansässigen Milchbauern ebenso sterben würden, da sie auch preislich unterboten würden.

Demo-Veranstalterin IG-Milch: “Grauslichkeiten am Milchmarkt”

Ähnlich argumentierte der Obmann der Demo-Veranstalterin IG-Milch, Ewald Grünzweil, der viele “Grauslichkeiten am Milchmarkt” ortet. Es brauche kein Geld für neue Exportstützen, in der die Politik ein Heilmittel sehe. Das Gegenteil sei der Fall: Solche Förderungen würde die Überproduktion nur weiter steigern. “Geld für Exportstützen macht keinen Sinn.” Steuergeld dafür einzusetzen, dass nicht nur der heimische sondern auch der ausländische Markt zerstört werde gehe – “das kann keiner wollen, das ist krank und gehört den Politikern gesagt”.

Kernforderung an die EU ist, dass keine weiteren Gelder für den Export oder die Milcheinlagerung verwendet werden sollen. Dafür wurde eine Petition übergeben. Der leitende Mitarbeiter der Kommissionsvertretung in Wien, Wolfgang Bogensberger, betonte im APA-Gespräch, dass die EU die Sorgen der Bauern ernst nehme. Die Krise im Milchsektor dauere schon lange, daher sei auch ein großes Paket geschnürt worden. Darauf angesprochen, dass dieses offenbar nicht reiche, sagte Bogensberger, dass die EU ihr möglichstes tue, um eine Preisstabilität zu erreichen. Kurzfristig kaufe die EU aktuell auch um 30 Mio. Euro Milch, um diese für Syrien zur Verfügung zu stellen.

Problematische Preisspirale nach unten bei Milch

Eigentlich sprachen sich alle Bauern im APA-Gespräch – der eine nannte zehn Milchkühe sein eigen, andere 15, der nächste 20 – für eine Mengensteuerung auf Produktionsebene auf. Einer lobte beispielsweise jene Mengensteuerung, wie sie kürzlich von der Gmundner Milch eingeführt wurde. Die Politik müsse aber für Rahmenbedingungen sorgen, dass solche Mengensteurungen auf Erzeugerebene – wenn es wie jetzt notwendig sei – praktisch flächendeckend umgesetzt werde. Dann könnten sich Bauern nicht gegenseitig ausspielen.

Praktisch “papierlt” fühlen sich die Milchbauern nämlich von jenen Kollegen, die nun im Preistief einfach mehr Milch anliefern, um ihren Umsatz stabil zu halten. Denn das sorge für eine weitere Preisspirale nach unten.

Plakate bei der Demonstration in Wien

Die zahlreichen unterschiedlich gestalteten Plakate hatten es durchaus in sich. Die Landwirtschaftskammer vertrete nicht die Interessen der kleinen Bauern von Raiffeisen, hieß es dort beispielsweise. Auch Agrarminister Andrä Rupprechter (ÖVP) stieg auf einigen nicht unbedingt gut aus. Auf einem stand auch “Mengenbegrenzung statt Exportträumereien des Bauernbundes”.

Der Demonstrationszug – der auch genutzt wurde um Freihandelsabkommen a la TTIP zu kritisieren – von rund 30 Traktoren und Begleitfahrzeugen mit insgesamt laut Veranstaltern rund 150 Bauern wurde nach dem “Besuch” der EU-Kommissionsvertretung weitergeführt. Unter die Agrarier gemischt hatte sich auch der Grüne-Agrarsprecher im Parlament, Wolfgang Pirklhuber.

Weitere Demo: Milch und Butterbrote für Passanten

Es sollte auch noch vor der bei Raiffeisen angesiedelten Vereinigung der Milchverarbeiter Österreichs (VÖM) demonstriert werden. Dem VÖM gegenüber gibt es die Hauptforderung nach der Milchmengenreduzierung. Dritte Station war dann noch der Morzinplatz – dort wurde ein Manifest präsentiert und außerdem gab es Milch und Butterbrote für Passanten. Das sollte helfen, ein Bündnis der Gesellschaft mit den Milchbauern aus der Taufe zu heben, so die IG Milch.

Die IG Milch veröffentlichte auch ein Milch-Manifest mit zehn Punkten, das Forderungen der Demo beinhaltet und darüber hinaus etwa auch eine Reform der landwirtschaflichen Ausbildung und einen Bürokratieabbau in der Landwirtschaft fordert. Dieses wird unterstützt von der Arge Weltläden, Attac, der Bank für Gemeinwohl, EZA Fairer Handel, Greenpeace, Fian, Südwien, Weihbischof Scharl, Welthaus Graz, ÖBV und Grünen Bauern.

>>Bei der Demo in Wien

(apa/red)

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